Ärzte Zeitung, 28.07.2009

Punktgewinn für Europas Pharmakonzerne

Umsatzeinbrüche auf der einen und ein Rekordwachstum auf der anderen Seite des Atlantiks: In der globalen Pharmaindustrie zeichnet sich nach ersten Halbjahreszahlen ein Punktgewinn für die europäischen Unternehmen ab.

Von Elke Pfeifer

Original oder Nachahmer? Der Verlust des Patentschutzes ihrer Arzneien kann innovative Pharmaunternehmen schwer schmerzen. Evgeny Rannev©www.fotolia.de

Arzneimittelhersteller wie der schweizerische Pharmariese Roche gewinnen zusehends an Boden, während der amerikanische Wettbewerber und Branchenprimus Pfizer in den ersten sechs Monaten einen herben Gewinn- und Umsatzeinbruch zu verkraften hatte. Bei dem Darmstädter Chemie- und Pharmaunternehmen Merck KGaA gerieten jedoch ein sechsprozentiges Umsatzplus im Pharmageschäft und zweistellige Wachstumsraten bei den umsatzstärksten Medikamenten durch einen herben Rückschlag beim Kassenschlager Cetuximab (Erbitux®) in den Hintergrund.

Ein Beraterausschuss der europäischen Arzneimittelbehörde EMEA hatte sich gegen die Erbitux®-Zulassung bei Lungenkrebs ausgesprochen. Erbitux® ist das zweitwichtigste Medikament von Merck und soll das Wachstum der Gesellschaft in den kommenden Jahren maßgeblich prägen. Der für 2010/2011 angepeilte Milliardenumsatz gerät erst einmal in weitere Ferne. Das Mittel ist gegen andere Krebsarten in 76 Ländern zugelassen. An der Börse reagierten die Anleger verschnupft und schickten die Aktie mit mehr als zwölf Prozent ins Minus. Der größte Wettbewerber auf dem Onkologika-Markt ist Roche mit Bevacizumab (Avastin®), das unter anderem für die Indikation Lungenkrebs zugelassen ist.

Roche wächst mit Antikrebs- und Grippemitteln wie Oseltamivir (Tamiflu®) doppelt so schnell wie der weltweite Pharmamarkt. Analysten zeigten sich von den jüngsten Zahlen angetan: Roche glänze als eines der ganz wenigen Unternehmen der Branche mit einem hohen Umsatzplus, schlage damit klar den Gesamtmarkt (drei bis vier Prozent), urteilten die Analysten der Züricher Kantonalbank. Unter dem Strich sorgte die Mehrheitsübernahme der Biotech-Tochter Genentech beim Überschuss zwar für ein Minus - ohne die Sonderkosten war der Konzerngewinn jedoch um elf Prozent gestiegen.

Bei Pfizer war der Gewinn im zweiten Quartal dagegen um fast 20 Prozent eingebrochen. Stolze zwölf Prozent beim Umsatz büßte der Blutfettsenker Lipitor ein, der in Deutschland unter der Bezeichnung Atorvastatin (Sortis®) auf dem Markt ist. Der Einbruch bei dem 2008 mit fast 13 Milliarden Dollar weltweit umsatzstärksten Medikament und negative Währungseffekte hatten im zweiten Quartal für ein Umsatzminus von neun Prozent gesorgt. Der Blutfettsenker lieferte 2008 rund ein Viertel des Pfizer-Umsatzes und verliert 2011 in den USA seinen Patentschutz.

Natürlich sind auch europäische Pharmakonzerne von Patentverlusten bedroht. Sanofi-Aventis verliert bis 2013 bei mehreren Umsatzträgern, etwa dem Krebsmittel Docetaxel (Taxotere®) und dem Blutverdünner Clopidogrel (Plavix®) den Patentschutz, was zu erheblichen Umsatzeinbußen führen könnte.

In der Summe verfügen die europäischen Unternehmen nach Einschätzung von Analysten aber über die besseren Produktportfolios und Patentlaufzeiten.

Branchenexperte John Reeve, Aktienanalyst bei Standard & Poor's Equity Research in London, sieht zahlreiche Gründe für das schwächere Abschneiden der US-Unternehmen: "Europäische Pharmaunternehmen wie Roche oder auch Novartis hatten bisher nicht das gleiche Ausmaß an Patentverlusten und Konkurrenz durch Generika wie die US-Konzerne."

Und bereits heute suchen Pharmakonzerne wie das britische Unternehmen GlaxoSmithKline oder die französische Sanofi-Aventis verstärkt Wachstumschancen in Schwellenländern und setzen auf das Impfstoffgeschäft. Auch wenn die USA in Zukunft wohl weiterhin der größte Pharmamarkt bleiben dürften, gewinnen Schwellenländer wie China und Indien nach Reeves Ansicht zunehmend an Bedeutung. Auch die Übernahme von Biotech-Konzernen soll über das 2013 anstehende so genannte "Patent-Cliff" helfen, wenn Patente für Medikamente mit einem Gesamtjahresumsatz von mehr als 100 Milliarden Dollar auslaufen.

Standard & Poor's zufolge hat Pfizer zwar nach der jüngsten Übernahme noch den Spitzenplatz in der Weltrangliste inne. Auf den weiteren Rängen folgen aber dann bereits Sanofi-Aventis, Novartis und Roche. (dpa)

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