Ärzte Zeitung, 30.11.2011
 

Labormedizin im Verbund als Wachstumstreiber

Die Konsolidierung in der Laborbranche hat das Bild des Laborarztes verändert. Nicht selten sind aus kleinen Gemeinschaftspraxen große Konzerne mit Holding-Struktur geworden. Ein Beispiel: synlab Labordienstleistungen.

Von Hauke Gerlof

Labormedizin im Verbund als Wachstumstreiber

Probenröhrchen mit Barcode im Labor: Der Analyseprozess bei den Massenparametern läuft mittlerweile fast vollautomatisch.

© Sabeth Stickforth/synlab

AUGSBURG. Keine ärztliche Fachrichtung hat in den vergangenen 30 Jahren eine so rasante Entwicklung in Richtung Ökonomisierung und Industrialisierung durchgemacht wie die Labormedizin.

Wo früher ein paar Analysen in der Stunde titriert werden konnten, können die Laborautomaten heute Tausende von Analysen pro Stunde fahren.

Mit Barcodes bestückt, die schon in den Praxen aufgebracht werden, fahren die Röhrchen mit den Sera der Patienten durch die Maschinen - die Fehlerquote liegt, da der Prozess fast vollautomatisch läuft, nahe null.

Riesige Effizienzvorteile durch Industrialisierung des Prozesses

Eine große Konsolidierung der Branche war die Folge, immer größer wurden die Laborbetreiber, weil erst die Masse der Proben den Gewinn brachte - zumal in Deutschland die Preise je Parameter im europäischen Vergleich sehr niedrig lagen und liegen.

Die riesigen Effizienzvorteile, die durch die Industrialisierung des Prozesses realisiert wurden, waren zugleich für viele Akteure eine große Versuchung, mit den möglichen Gewinnen über fragwürdige Geschäftspraktiken unter den Ärzten neue Kunden zu akquirieren, um so weiter wachsen zu können.

synlab Labordienstleistungen unter den Top Ten der Welt

Einer, der die Entwicklung von der einzelnen Analyse im Labor bis heute mitgemacht hat, ist Labormediziner Dr. Bartl Wimmer aus Augsburg.

Wimmer, der vor 18 Jahren als freiberuflicher Partner in eine Laborgemeinschaftspraxis mit drei Ärzten eintrat, ist heute Geschäftsführer von synlab Labordienstleistungen, einem der größten Laboranbieter Europas, der nach eigenen Angaben sogar unter den zehn größten medizinischen Labors der Welt agiert.

5500 Mitarbeiter

Zu synlab gehören mittlerweile 175 Labore, vom Full-Service-Labor über spezialisierte Referenzlabore bis hin zu Krankenhauslaboren. 5500 Mitarbeiter arbeiten in 17 europäischen Ländern sowie der Türkei, Saudi-Arabien und Dubai für synlab.

In Deutschland sind 20 MVZ unter dem Dach der Gruppe vereint, 12.000 bis 13.000 niedergelassene Ärzte gehören nach eigenen Angaben zu den regelmäßigen Einsendern.

Umsatz 2011 auf 600 Millionen Euro geschätzt

synlab

Branche: Labordienstleistungen in der Humanmedizin, Veterinärmedizin, Umwelt- analytik

Sitz: 175 Labore in 20 Ländern, Sitz der Geschäftsführung ist Augsburg

Aktuelle Geschäftszahlen: Umsatzziel 2011: 600 Millionen Euro; 2010: 522 Millionen Euro

Mitarbeiter: europaweit 5500 (plus 250 Prozent im Vergleich zu 2008)

Eigentumsstruktur: gut 70 Prozent beim Investor BC Partners, knapp 30 Prozent bei insgesamt etwa 30 Laborärzten

Die als Holding strukturierte synlab-Gruppe wächst mit Hilfe des Private-Equity-Unternehmens BC Partners, das eine Mehrheit von rund 70 Prozent am Labordienstleister hält, rasant.

2010 lag der Umsatz nach eigenen Angaben bei 522 Millionen Euro, 2011 werden es nach der Prognose Wimmers fast 600 Millionen Euro sein.

"In den kommenden Jahren werden wir das Wachstum organisch und durch Zukäufe fortsetzen und unsere Marktanteile in Europa weiter steigern", sagt Wimmer. Größere Akquisitionen seien aber nicht in Sicht.

Konkurrenz macht synlab Beine

"Wir sind die Antwort auf Schottdorf", erläutert Wimmer im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" den Werdegang des Unternehmens.

Die Praxis des Augsburger Laborarztes Dr. Bernd Schottdorf liegt heute nicht weit von dem großzügig angelegten synlab-Standort in einem unscheinbaren Industriegebiet von Augsburg.

Schottdorf habe schon früh mit Erfolg das Modell gewählt, möglichst viele Einsendungen an einen Standort zu bringen, um so Effizienzvorteile zu haben. Ähnliche Modelle fahren auch Laborriesen aus den USA, wo über Nacht Proben quer über den Kontinent geflogen werden.

Laborärzten wird ein Teil der Verwaltungsarbeit abgenommen

Der Konkurrenzdruck durch den erfolgreichen Nachbarn zwang die Praxis Wimmers zum Handeln, aber die Augsburger Laborärzte wählten einen anderen Weg.

"Wir wollten auch Synergien einer gemeinsamen Logistik nutzen, aber nicht in einem Großlabor, sondern in Laboren, die in der Region verankert sind und die im Verbund eng miteinander zusammenarbeiten", sagt der synlab-Geschäftsführer.

Der Verbund nehme den Laborärzten einen Teil der Verwaltungsarbeit ab, dadurch bleibe Zeit für die ärztliche Beratung der Einsender.

Bei der Interpretation von Laborwerten sei der Beratungsbedarf hoch, betont Wimmer. Die Zuweiser könnten einfach nicht alles im Kopf behalten angesichts der Vielfalt der möglichen Parameter.

Vier hoch spezialisieret Kompetenzzentren

Durch Spezialisierung der einzelnen Zentren werde der Verbund europäisch wettbewerbsfähig. Es gebe heute vier hoch spezialisierte Kompetenzzentren bei synlab - über einen Fahrdienst kämen die Proben über Nacht zum richtigen Speziallabor.

Insgesamt etwa 5000 verschiedene Untersuchungsparameter bietet das synlab-Netzwerk aktuell an, sagt der Laborarzt nicht ohne Stolz. Jedes Jahr kämen etwa 60 neue Testparameter hinzu.

Die Effizienzvorteile des Verbundes würden von vielen Laborbetreibern mittlerweile erkannt, so Wimmer: "Meist kommen die Laborbetreiber bei Übernahmen auf synlab zu und wollen sich unserem Netzwerk anschließen."

Die Inhaber der übernommenen Labors würden in der Regel an der Holding beteiligt - neben BC Partners gebe es derzeit etwa 30 Mitinhaber.

Service bis hin zur Übernahme kompletter Krankenhauslabors

Labormedizin im Verbund als Wachstumstreiber

Dr. Bartl Wimmer, Geschäftsführer synlab Labordienstleistungen: "Die Strukturen der Branche waren lange eher ungut."

Das Unternehmen bietet die gesamte Palette von Labordienstleistungen an - in der Humanmedizin, der Veterinärmedizin und in der Umweltanalytik. Zusätzlich zu den reinen Analysen bietet das Unternehmen Zusatz-Services wie Unterstützung beim Hygiene- und Qualitätsmanagement und beim Praxismarketing an sowie Patienteninformationen und eine Fortbildungsakademie.

Krankenhäusern bietet der Verbund unter anderem Hilfen bei der Infektionsprävention und Hygienemanagement in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Beratungszentrum für Hygiene in Freiburg an, an dem synlab zu 51 Prozent beteiligt ist.

Auch Blutbank- und Transfusionsmanagement übernimmt die Gruppe im Auftrag von Krankenhäusern, und sie bietet Konzepte für eine patientennahe Labordiagnostik (Point-of-Care-Testing).

Die angebotenen Services gehen bis hin zur Übernahme kompletter Krankenhauslabors (Outsourcing), damit die Krankenhäuser sich aufs Kerngeschäft konzentrieren könnten.

Laborreformen zum Teil gut

Die Strukturänderungen durch die Laborreformen der vergangenen Jahre hält Wimmer zumindest in Teilen für gut: "Unnötige Labordiagnostik muss zurückgefahren werden, damit valide Innovationen bezahlbar bleiben, davon profitieren auch die Patienten."

Bis ein neuer Test Eingang in die GKV-Regelversorgung finde, vergehe allerdings dennoch oft sehr viel Zeit. Analogziffern gebe es, anders als in der GOÄ, im EBM schon lange nicht mehr.

"Gewinnanreiz rauszunehmen, war richtig"

Die Entscheidung, Laborgemeinschaften weniger attraktiv für Vertragsärzte zu machen, begrüßt Wimmer ebenfalls. "Den Gewinnanreiz rauszunehmen, das war sicher richtig."

Zur Erinnerung: Laborgemeinschaften von Vertragsärzten sollen ihre Laboranalysen zum Selbstkostenpreis erbringen. Dadurch sollte der Anreiz, in die Menge zu gehen, reduziert werden.

Eine interne Quersubventionierung der Massenparameter durch das Speziallabor würde so vermieden. "Die Strukturen insgesamt waren eher ungut", kommentiert Wimmer.

Die Branche arbeite nicht zuletzt aufgrund dieser Vorgeschichte an einem Verhaltenskodex, der an den der Pharmaindustrie angelehnt werden soll.

Per Überweisungsschein anfordern

Durch Hausarztverträge in einigen Ländern sei es aber zu einer Revitalisierung der Laborgemeinschaften gekommen, weil die Hausärzte Pauschalen fürs Labor bekommen und dann beim Labordienstleister über die Laborgemeinschaft das Basislabor zu einem geringeren Preis einkaufen könnten.

Wimmer würde es vorziehen, wenn alle Parameter per Überweisungsschein angefordert würden und dann sauber vom Labor abgerechnet würden.

Auch das würde nach seiner Ansicht den Anreiz, zu viele Parameter anzufordern, reduzieren. Im privatärztlichen Bereich hätten Laborgemeinschaften allerdings weiter ihre Berechtigung.

Partnerschaft auf Zeit

Und wie sieht die Zukunft eines Unternehmens aus, das zu 70 Prozent von einem Private-Equity-Unternehmen gehalten wird? "Es ist noch zu früh, hier eine konkrete Aussage zu machen", sagt Wimmer.

BC Partners könne das Management in vielerlei Hinsicht unterstützen. Er selber sei in einer freiberuflichen Struktur "groß" geworden.

Bei der aktuellen Unternehmensstruktur sei BC Partners im Hintergrund sicher sehr nützlich. Außerdem hätten die Laborärzte ohne BC Partners nicht das Kapital aufbringen können, um so stark zu wachsen.

Aber die Partnerschaft ist auf Zeit, das sei allen Beteiligten klar.

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