Ärzte Zeitung, 09.02.2012

Hintergrund

Unisex-Tarife kommen PKV-Kunden teuer zu stehen

Die privaten Krankenversicherer werden die Policen ihrer bestehenden Kunden nicht auf die neuen Unisex-Tarife umstellen, die ab Dezember für das Neugeschäft Pflicht sind. Die Folgen fallen für Männer und Frauen unterschiedlich aus.

Von Anja Krüger

Jetzt neu: Geschlechtsneutrale Tarife in der PKV

Eine Frau hat eine längere Lebenserwartung als ein Mann. Dass die PKV deswegen einen höheren Beitrag verlangt, ist nicht mehr erlaubt.

© ARCO IMAGES / imago

Private Krankenversicherer müssen künftig Männern und Frauen die gleichen Verträge verkaufen, die sogenannten Unisex-Tarife.

Für Ärztinnen und Ärzte, die bereits einen solchen Vertrag haben, wird sich nichts ändern. Ärztinnen mit einer teuren Police können aber in die neueren, für sie günstigeren Tarife wechseln.

Genau dieses Wechselrecht und die weiterhin geltenden Männer- und Frauentarife in den Beständen führen dazu, dass die Policen für neue Kundinnen weniger günstig und für neue Kunden viel teurer als erwartet werden.

In der privaten Krankenversicherung sind 4,51 Millionen Männer, 2,75 Millionen Frauen und 1,63 Millionen Kinder versichert.

Frauen zahlen für eine Krankenvollversicherung deutlich mehr als Männer. Eine 30-Jährige muss für einen Vertrag bei Marktführer Debeka zum Beispiel im Monat 434 Euro zahlen, ein 30-Jähriger 350 Euro.

Ab 21. Dezember gelten die geschlechtsneutralen Tarife

Die Versicherer begründen diesen Unterschied mit der längeren Lebenserwartung von Frauen. Dadurch bekämen sie unterm Strich die gleichen Leistungen wie Männer, heißt es. Die Europäische Union hat solche Unterschiede in ihrer Gleichstellungsrichtlinie zugelassen, wenn sie versicherungsmathematisch solide begründet werden.

Der Europäische Gerichtshof hat diese Ausnahmeregelung im vergangenen Jahr aber kassiert. Ab dem 21. Dezember 2012 dürfen alle Versicherer nur noch geschlechtsneutrale Verträge anbieten, also von Frauen nur aufgrund ihres Geschlechts keine höheren Beiträge verlangen als von Männern.

Nach dem Urteil hatten Beobachter erwartet, dass die Prämien in der privaten Krankenversicherung für Kundinnen deutlich günstiger werden. Doch das wird wohl nicht geschehen. "Die Prämien für Unisex-Tarife werden näher an den bisherigen Frauen-Tarifen liegen als an einem Mittelwert", sagt Roland Weber, Vorstand der Debeka. Denn die Anbieter werden die neuen Verträge sehr vorsichtig kalkulieren.

Vom teuren alten Frauen-Vertrag zum günstigen Unisex-Tarif

Den Versicherern macht das Tarifwechselrecht zu schaffen: Ärztinnen und andere Kundinnen mit einem alten teuren Frauen-Vertrag können zu einem neuen für sie günstigeren Unisex-Tarif wechseln. "Es besteht die Gefahr, dass die Tarife unterkalkuliert sind", sagt Weber.

Hat der Versicherer die Unterkalkulation sehenden Auges zugelassen, darf er später nicht die Beiträge anheben, um die entstandene Lücke zu füllen. Er muss dann Geld aus dem Eigen kapital zuschießen.

Solche Probleme hätten die Unternehmen nicht, wenn auch der Bestand auf Unisex-Tarife umgestellt würde.

Die meisten privaten Krankenversicherer waren dafür. Sie wollten vorgehen wie 2007, als die Schwangerschaftskosten gleichermaßen auf Frauen und Männer verteilt werden mussten. Damals wurden die Änderungen auch für die Bestandskunden vorgenommen. Die Auswirkungen auf die Beiträge waren gering.

Jetzt wird es nicht möglich sein, bei Unisex-Tarifen den Bestand anzupassen. Die Entscheidung ist faktisch gefallen, so Weber. "Den Unternehmen ist die Zeit weggelaufen", sagte er. Um die Bestände rechtzeitig auf Unisex-Tarife umstellen zu können, hätten die privaten Krankenversicherer spätestens Ende Januar in dieser Frage Klarheit haben müssen.

Bundesfinanzministerium hat ein Wörtchen mitzureden

Das zuständige Bundesfinanzministerium hat zwar noch nicht entschieden, aber die Richtung ist klar. "Eine abschließende Entscheidung bezüglich einer Umsetzung nur für das Neugeschäft oder darüber hinaus auch für den Bestand ist noch nicht getroffen worden", sagte eine Sprecherin des Ministeriums.

"Eine Umsetzung für den vorhandenen Bestand würde jedoch für einzelne Versichertengruppen zu erheblichen Beitragserhöhungen führen."

Nachdem die Branche mit der Forderung gescheitert ist, dieses Mal wie bei den Schwangerschaftskosten zu verfahren, werden die privaten Krankenversicherer die Beiträge für Neukunden mit äußerster Vorsicht kalkulieren.

Das heißt, dass sie von einem hohen Frauenanteil in den Unisex-Tarifen ausgehen. Für junge Männer werden die Prämien deshalb teurer, als es bei einer Bestands anpassung nötig gewesen wäre, für Frauen sinken sie in geringerem Umfang.

Auswirkungen von Unisex-Tarifen

Planen Ärzte und Ärztinnen, eine Renten- oder Risikolebensversicherung abzuschließen, sollten sie einen günstigen Zeitpunkt wählen. Ab dem 21. Dezember 2012 dürfen Versicherer nur noch einheitliche Verträge für beide Geschlechter anbieten. Das hat je nach Sparte unterschiedliche Auswirkungen.

In der privaten Rentenversicherung zahlen Frauen wegen ihrer längeren Lebenserwartung für die gleiche spätere Rente heute mehr Beitrag als Männer. Für sie wird es sich lohnen, mit dem Vertragsabschluss bis nach dem 21. Dezember zu warten.

Wollen Ärztinnen aber eine Risikolebensversicherung abschließen, ist es sinnvoll, den Vertrag vor dem Stichtag zu unterschreiben. Denn hier müssen Frauen mit steigenden Prämien rechnen. Für Männer dagegen sinken die Beiträge für neue Verträge ab dem 21. Dezember, während private Rentenversicherungen für sie dann teurer werden.

Bei Sachversicherungen hat das Geschlecht kaum eine Bedeutung. Eine Ausnahme sind die jungen Fahranfänger in der Kfz-Versicherung. Weil junge Männer häufiger Unfälle verursachen als junge Frauen, müssen sie zurzeit noch deutlich höhere Beiträge zahlen.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Chance auf Gleichheit verspielt

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