Ärzte Zeitung, 30.08.2017
 

Krankenversicherung

Beamte in die GKV? Das würde Praxen empfindlich treffen

Die Pläne Hamburgs, 2018 Beamten ohne Nachteile zu ermöglichen, in die GKV zu gehen, haben Ärzte aufgeschreckt. Welche Bedeutung ein solcher Schritt für privatmedizinisch aktive Ärzte hätte, erläutert Allgemeinarzt Dr. Jochen-Michael Schäfer aus Kiel, Vorsitzender des PVS-Verbandes.

Von Hauke Gerlof

Beamte in die GKV? Das würde Praxen empfindlich treffen

Dr. Jochen-Michael Schäfer

» Aktuelle Position: Vorsitzender des PVS-Verbandes, 1. Vorsitzender der PVS Schleswig-Holstein/ Hamburg

» Tätigkeit als Arzt: bis vor Kurzem als Facharzt für Allgemeinmedizin in einer großen Allgemeinarztpraxis mit hohem Beamten-Anteil in Kiel niedergelassen.

Ärzte Zeitung: Herr Dr. Schäfer, welche Bedeutung haben Beamte als privatversicherte Patienten in Ihrer Praxis gehabt?

Dr. Jochen-Michael Schäfer: Hier bei uns in Kiel ist die Bedeutung der Beihilfeberechtigten hoch: Es gibt Lehrer, Verwaltungsbeamte der Kommunen und auch der Ministerien. Da kommt schon einiges zusammen – ein hoher Anteil der privatversicherten Patienten. Bundesweit sind es ja etwa 50 Prozent der PKV-Versicherten.

Sehen Sie einen Unterschied zwischen "normalen" PKV-Versicherten und Beihilfeberechtigten?

Wenn mir ein Patient gegenüber sitzt, mache ich grundsätzlich keinen Unterschied in der medizinischen Versorgung – außer dass PKV-Versicherte natürlich eher Zugang zu innovativen Verfahren haben als GKV-Versicherte. Und zwischen Beihilfeberechtigten und anderen Privatpatienten gibt es schon gar keine Differenz. Ich habe als Hausarzt bei diesen Patienten immer ganz normal liquidiert, den Faktor nach dem Aufwand gewählt. Wenn man sich an die Regeln hält, gibt es keine Probleme. Wir haben auch immer ein Zahlungsziel von sechs Wochen gesetzt, dann müssen die Patienten das Geld nicht vorstrecken, sondern erhalten die Erstattung bereits vorher.

Es gibt ja durchaus PKV-Ergänzungstarife, die es Beamten ermöglichen, ihr Versorgungsniveau anzuheben, weil Beihilfestellen vor allem bei Arzneimitteln teilweise nicht mehr bezahlen als die GKV. Haben viele Beamte solche Tarife abgeschlossen?

Wissen Sie, das ist mir gar nicht so sehr aufgefallen. Das sagt der Patient in der Regel gar nicht, ob er die Medikamentenkosten voll erstattet bekommt. Die meisten entscheiden sich am Ende für die bessere Versorgung und zahlen die Differenz dann drauf.

Welche Folgen wird der Plan in Hamburg, Beamten den Weg in die GKV finanziell zu erleichtern, für Ärzte in der Hansestadt ab 2018 haben?

Gesetzt den Fall, es würden viele Beamte von diesem "Angebot" Gebrauch machen, dann hätte dies mit Sicherheit Auswirkungen auf die Versorgungslandschaft. Als PVS haben wir kürzlich mit einer wissenschaftlichen Untersuchung nachgewiesen, wie erheblich die Einbußen durch ein Wegbrechen der Privateinnahmen für die Ärzte wären. Wir sprechen zwar nur von einem Teil des privaten Bereichs. Allerdings ist die Finanzierungsbasis der Praxen in vielen Fällen schon heute so auf Kante genäht, dass etwa Investitionen in Medizintechnik oder Personal mit Sicherheit als erstes eingespart würden. Mit anderen Worten: Jedes Drehen an dieser Schraube wird sich auf Seite der Versorgungsinfrastruktur niederschlagen.

Wie würden Beamte denn reagieren, wenn sie das Angebot bekommen, ohne Einbußen in die GKV zu gehen?

Das bleibt abzuwarten. Ich erkenne weniger ein Geschenk des Senats an seine jungen Beamten, als vielmehr einen vergifteten Apfel. Denn Gewinner dieses Planes wäre einzig der Hamburger Senat, der sich offenkundig auf billige Art der Verpflichtungen gegenüber seinen Beamten und deren Angehörigen entledigen will. Die Solidarlast hätte die Gesamtheit der GKV-Beitragszahler zu tragen. Der Beamte selbst würde auf der Versorgungsseite abgewertet. Und das für eine unter Umständen verschwindend kleine Ersparnis im Verhältnis zu dem, was er heute für sich und seine Angehörigen für eine private Ergänzungsversicherung bezahlt, die in der Regel das übernimmt, was die Beihilfe selbst nicht trägt.

Wäre so eine Wahlmöglichkeit für Beamte der letzte Sargnagel für die private Krankenvollversicherung?

Es ist zunächst einmal der offenkundige Versuch, der Bürgerversicherung eine Hintertüre zu öffnen. Denn natürlich wäre ein Exodus der Beamten in Richtung GKV ein Aderlass zu Lasten des privaten Systems. Allerdings halte ich es zum jetzigen Zeitpunkt für verfrüht anzunehmen, dass diesen Plänen des Senats viele Beamte auf den Leim gehen werden.

Tag der Privatmedizin

» Termin: Der Tag der Privatmedizin findet am 14. Oktober 2017 in Frankfurt, Campus Westend statt.

» Themen: Der Tag ist gedacht als Innovationsforum für privatmedizinisch tätige Ärzte. Es gibt aber auch eine politische Diskussion über Perspektiven der Privatmedizin nach der Wahl.

» Kosten: regulär: 165 Euro (Kongress), Begleitperson 85 Euro

» Veranstalter: Privatärztlicher Bundesverband

» Internet: www.tag-der-privatmedizin.de

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