Härtefonds seit 1976

Armut und Krebs: Zeit, den Teufelskreis zu durchbrechen!

Wer arm ist, hat ein höheres Krebsrisiko. Wer an Krebs erkrankt, hat ein höheres Armutsrisiko. Die aktuellen sozialpolitischen Maßnahmen reichen nicht aus, um dem entgegenzuwirken, betonen Experten beim Krebskongress.

Von Friederike Klein Veröffentlicht:

Berlin. Die sozioökonomische Situation hat auch in Deutschland mit seinen gut ausgebauten sozialen Sicherungs- und Versorgungssystemen Auswirkungen auf die Sterblichkeit. Nach Daten des Sozioökonomischen Panels der Jahre 1992 bis 2016 sterben in Deutschland 13% der Frauen und 27% der Männer aus der niedrigsten Einkommensgruppe bereits vor Vollendung des 65. Lebensjahres.

In der höchsten Einkommensgruppe trifft dies nur auf 8% der Frauen und 14% der Männer zu, erklärte Dr. Jens Hoebel von der AG Sozialepidemiologie am Robert Koch-Institut in Berlin anlässlich des DKK 2022.

Die Differenz der mittleren Lebenserwartung bei Geburt zwischen der niedrigsten und höchsten Einkommensgruppe liegt für Frauen bei 4,4 Jahren, für Männern bei 8,6 Jahren (Lampert T et al. J Health Monitoring 2019; 4(1):1–61).

Arme Krebskranke sterben früher

Immerhin: Bei Krebserkrankten hat sich die Lebenserwartung in allen Einkommensgruppen verlängert, wie er weiter berichtete (Tetzlaff F et al. Front Oncol 2022; 12:827028). Allerdings ist das Krebsrisiko wie auch die Lebenserwartung nach einer Krebsdiagnose bei vielen Karzinomen abhängig von der sozioökonomischen Situation.

So steigt die Lungenkrebsinzidenz mit zunehmender regionaler sozioökonomischer Deprivation an. Auch die Krebsmortalität zeigt eine entsprechende Abhängigkeit: Je wohlhabender die Region ist, umso geringer ist die Krebsmortalität. Hoebel betonte, dass sich insgesamt im Zeitverlauf keine Tendenz zeige, dass sich die Unterschiede zwischen wohlhabenden und sozioökonomisch Schwachen verringere.

Mit Krebs kommen auch Geldnöte

Eine Krebserkrankung führt neben allem anderen auch zu mehr finanziellen Sorgen. In einer Umfrage gaben 81% der in der Krebsberatung Tätigen an, dass mindestens in der Hälfte der Beratungen finanzielle Themen ein wichtiger Teil des Gesprächs sind.

Für mehr als die Hälfte der Befragten sind finanzielle Belastungen als Thema der Beratung von Krebskranken in den letzten Jahren immer wichtiger geworden. Als Ursache werden die höheren Überlebensraten, die größere Zahl von Patientinnen und Patienten im werktätigen Alter, die abnehmende soziale Sicherheit und die schwieriger werdenden Arbeitsbedingungen genannt.

Belastungen sind für sozial Schwache höher

Krankheit ist eine der Ursachen für Überschuldung, konstatierten die Deutsche Krebshilfe und das Haus der Krebs-Selbsthilfe–Bundesverband in einem gemeinsamen Positionspapier 2020.

Für die Betroffenen steigen Ausgaben durch Eigenbeteiligungen und Zuzahlungen für medizinisch notwendige Medikamente, Heil- und Hilfsmittel, Krankenfahrten, Diäten, Mehrkosten für Kinderbetreuung, Haushaltshilfen, Ausgaben für ergänzende Therapieverfahren und vieles mehr. Krebskranke im werktätigen Alter zahlen dafür in Deutschland bis zu 6,4% ihres Monatseinkommens (Büttner M et al. Support Care Cancer. 2019;27(6):2221–2228).

Darüber hinaus belastet laut Positionspapier eine zunehmend restriktive Praxis der Sozialversicherungsträger als Folge einer veränderten Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik schwer kranke Menschen erheblich. Die Instrumente zur Entlastung greifen nicht in allen Einkommensschichten gleichermaßen. So profitieren von der steuerlichen Absetzbarkeit behinderungsbedingter Mehraufwendungen vor allem Einkommensstarke oder Vermögende.

Forderungen

Um den finanziellen Belastungen bei Krebs gerade für die ökonomisch Schwächeren entgegen zu wirken, forderte das Positionspapier von Deutscher Krebshilfe und Haus der Krebs-Selbsthilfe unter anderem:

  • Aufhebung der Zuzahlungen, Aufzahlungen und Eigenanteile für eine bedarfsgerechte Versorgung im Sozialgesetzbuch (SGB) V
  • Abschaffung der Eigenanteile zur Finanzierung der Pflege nach SGB XI
  • Schwerbehindertengeld statt nur Steuerfreibetrag
  • Krankengeldanspruch für den gesamten Zeitraum einer onkologischen Akutbehandlung, im Bedarfsfall auch der Rehabilitation und der Rekonvaleszenz
  • Erwerbsminderungsrente in angemessener und existenzsichernder Höhe ohne aufwendiges Verfahren
  • Erweiterung der Möglichkeiten für Teilzeitarbeit, Homeoffice und zur Flexibilisierung der Arbeitszeit sowie die Verfahren zur stufenweisen Wiedereingliederung
  • Adäquate finanzielle Unterstützungsmöglichkeiten für Betroffene mit geringen Einkommen und Rentenansprüchen im sozialen Hilfesystem
  • Flächendeckende, regelfinanzierte Beratungsangebote – insbesondere Psychosoziale Krebsberatungsstellen – mit Experten aus Sozialer Arbeit, Psychoonkologie, Medizin und Pflege.

Härtefonds der Deutschen Krebsgesellschaft

„Mit dem Thema Armut ist die Deutsche Krebsgesellschaft seit 46 Jahren konfrontiert,“ stellte der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Deutsche Krebshilfe Gert Nettekoven fest.

Bereits 1976 wurde ein Härtefonds eingerichtet, der auf Antrag die nicht zweckgebundene Unterstützung mit 500 oder 1000 Euro je nach Familien- und Einkommenssituation ermöglicht. Wie Beate Hübinger, Sachgebietsleiterin Härtefonds der Deutschen Krebshilfe in Bonn, berichtete, wurden bis 2020 jährlich durchschnittlich 13.000 Anträge gestellt, von denen rund 73% bewilligt wurden.

Nur 2021 gab es einen Rückgang in den Antragszahlen, den sie auf den pandemiebedingten Rückgang von Rehamaßnahmen, Arztkontakten und Beratungsangeboten zurückführte. Informationen zu den Voraussetzungen für einen Antrag für Hilfen aus dem Härtefonds sind auf der Homepage der Deutschen Krebshilfe zu finden.

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