Versorgung älterer Patienten

Länger im häuslichen Umfeld: Warum die Wohnberatung ein guter Hebel sein kann

Barrierefreies Wohnen ist in der Sturzprävention essenziell, wird von älteren Patienten und ihren Angehörigen aber häufig unterschätzt. Wo versorgende Ärzte ansetzen können und Unterstützung finden, zeigten Kollegen auf dem DGIM-Kongress.

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Ärztin im Gespräch mit älterem Patienten

Wo lauern Stolperfallen und Sturzrisiken im häuslichen Umfeld? In der Wohnberatung erhalten ältere Patienten individuelle Konzepte für eine Wohnungs- und Gewohnheitsanpassung. (Motiv mit Fotomodellen)

© Robert Kneschke / stock.adobe.com

Wiesbaden. Eingeschränkte Versorgungsstrukturen, aber gleichzeitig mehr betagte Patienten: Den Bedarfen älterer Menschen im ländlichen Raum gerecht zu werden, wird zunehmend schwerer. Doch wie schafft man es trotz Ärztemangel und immer öfter auch wegbrechenden familiären Unterstützungsstrukturen, für ältere Menschen den Verbleib im häuslichen Umfeld möglichst lange sicherzustellen? Auf dem diesjährigen DGIM-Kongress gab es ganz praktische Antworten.

Einer der wichtigsten Punkte ist die Barrierefreiheit der eigenen Wohnung. Professor Maximilian König von der Universitätsmedizin Greifswald hat beim Aufbau der Wohnberatung Mecklenburg-Vorpommern mitgewirkt und erforscht gemeinsam mit Kollegen, wie sich die Akzeptanz von Wohnanpassungen bei Seniorinnen und Senioren erhöhen lässt.

Dabei musste er in einer ersten Erhebung feststellen, dass das Thema Barrierefreiheit meist unterschätzt wird. Denn bei der Rekrutierung der Teilnehmer gab ein großer Teil an, dass entweder sie selbst oder ihre Angehörigen meinen, dass ihre Wohnung bereits barrierefrei sei. „Das müssen wir erst einmal so hinnehmen“, sagte er.

Auch Gewohnheiten in Frage stellen

Die wenigsten würden dabei aber wohl an die wirklich kritischen Dinge wie Hilfsmittel für eine gute Sturzprävention, also etwa entsprechende Handläufe und Haltegriffe auch außerhalb vom Badezimmer, das Achten auf Bodenbeläge oder auch die Bewegung innerhalb der Räume mit Gehhilfe oder Rollator denken. Ein guter Hinweis für ältere Patienten könnte daher sein, dass es die Möglichkeit der unverbindlichen, kostenlosen Beratung über die Wohnberatungsstellen der Bundesländer gebe.

Vielfach bieten die Beratungsstellen bereits online Checklisten an, die einen ersten Eindruck vermitteln, wo überall Barrieren lauern. Ein eingängiges Beispiel aus der Checkliste der Wohnberatung Mecklenburg-Vorpommern: Häufig genutzte Gegenstände in der Küche sollten nicht in hohen Schränken oder Regalen, sondern griffbereit gelagert werden. Hier lohnt es sich, im Sinne der Prävention potenzieller Stürze alte Ordnungsmuster zu überdenken. Auf der anderen Seite heißt barrierefrei nicht immer, dass alles teuer umgestaltet werden muss.

Fördermittel sind möglich

Wenn ein Umbau nötig ist, gibt es durchaus Fördermittel, z.B. über die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), mitunter sogar über die Pflegekasse oder Landesförderungen. Auch hierbei können die Beratungsstellen unterstützen.

Eine Übersicht über die regionalen Beratungsstellen bietet die Website der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnanpassung e.V. (www.wohnungsanpassung-bag.de/)

An die Heilmittelverordnung denken!

Hausärzte haben laut König ebenso wie Fachärzte für Orthopädie und Unfallchirurgie zudem die Möglichkeit, via Heilmittelverordnung eine ergotherapeutische Wohnraumanalyse zu veranlassen.

Leitsymptomatik auf der Verordnung sei dann eine akute Sturzgefährdung. Zur Risikobewertung reiche es aus, wenn eine oder mehrere der folgenden drei Fragen mit „Ja“ beantwortet werden:

  • Unsicherheit beim Gehen?
  • Sturzangst?
  • Sturz in den letzten zwölf Monaten?

Wichtig sei auf der Verordnung der Vermerk „Umfeldberatung“. Und die Ärzte sollten unbedingt einen Therapiebericht anfordern.

Der starke Einfluss von Partnern

Noch viel stärker in den Blick nehmen sollten Ärzte dyadische Synergien und die Rolle des sozialen Umfelds auf die Gesundheitsversorgung, riet Professorin Kathrin Boerner, Abteilung Präventions- und Rehabilitationsforschung an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.

Die Psychologin hatte Ergebnisse der SeFallED-Studie dabei. Im Rahmen der Studie sollen Trajektorien und Bedürfnisse von älteren Patienten nach Index-Sturz mit Vorstellung im Notfallzentrum ohne stationäre Aufnahme untersucht werden. Untersucht wird aber ebenso die Frage, inwiefern Sturzbedenken – und zwar eigene wie auch Partnerbedenken – die körperliche Aktivität beeinflussen. „Körperliche Aktivität schützt kognitive Leistung“, erinnerte Boerner, es habe also direkte Folgen, wenn die eigene Aktivität zunehmend aus Angst eingeschränkt werde.

Letztlich konnten 46 Paare (92 Personen mit einem Durchschnittsalter von 71,5 Jahren und einer Beziehungsdauer von 43 Jahren) in die Subpopulation der Studie eingeschlossen werden. Bei den Probanden wurde sensorbasiert die Anzahl der Schritte pro Tag gemessen.

Sturzängste aufbrechen

Das Ergebnis: Sturzbedenken des oder der Partnerin hatten sogar höhere negative Auswirkungen auf die eigene Aktivität als eigene Sturzbedenken, denn sie sorgten für deutlich weniger Schritte. „Das heißt, wir müssen neben einem positiven Einfluss von Partnern auf das eigene Gesundheitsverhalten immer auch eine mögliche Overprotection im Blick behalten“, sagte sie.

Neben dieser dyadischen Beziehung können aber auch andere soziale Beziehungen das Gesundheitsverhalten beeinflussen. Nehmen wir einen Patienten im ländlichen Raum in Niedersachsen. „Wenn wir Glück haben, hat er im Nachbardorf eine Hausärztin oder einen Hausarzt, die oder der ihn betreut“, so Boerner. Die Tochter aber wohne im 150 Kilometer entfernten Hamburg. „Hat man die Ehefrau schließlich davon überzeugt, dass Bewegung für ihren Mann gut ist, um neue Stürze zu verhindern. Die Tochter sagt zu ihrem Vater aber nun: ,Lass das besser mal, das ist zu riskant.‘ Dann ist wenig gewonnen.“

Helfen kann allerdings wieder, wenn man das nähere soziale Umfeld einbeziehe bzw. kenne. Es mache einen Unterschied, wenn ein Bekannter oder eine Bekannte zum Spazierengehen animiere. „Wir haben also in verschiedenen Rollen einen Cross-over-Effekt auf das eigene Gesundheitsverhalten“, erläuterte sie. (reh)

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