Kassen-Chef kritisiert

Risikoscheu bremst innovative Medizin

In Deutschland dauert es lange, bis diagnostische und therapeutische Innovationen in die Anwendungsphase kommen, kritisiert der SBK-Chef beim Hauptstadtkongress. Das liege an der Scheu der Institutionen, Risiken einzugehen.

Von Helmut LaschetHelmut Laschet Veröffentlicht:
Innovation auf Knopfdruck: So schnell geht es in Deutschland nicht.

Innovation auf Knopfdruck: So schnell geht es in Deutschland nicht.

© Olivier Le Moal / stock.adobe.com

BERLIN. Die Entscheidungsprozesse der zentralen Institutionen im deutschen Gesundheitswesen – insbesondere die des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA) und des GKV-Spitzenverbandes – sind zu lang und einseitig auf Sicherheit ausgerichtet. Dies kritisierte der Vorstandsvorsitzende der Siemens-Betriebskrankenkasse (SBK), Dr. Hans Unterhuber, beim Hauptstadtkongress.

Es sei in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern außerordentlich langwierig, diagnostische und therapeutische Innovationen von der Pilot- in die Anwendungsphase zu bringen. Über die „Riesenbürokratie“, die den Rückstand verursache, seien die einzelnen Krankenkassen „nicht glücklich“.

Beispielhaft nannte Unterhuber die seit Anfang der 2000er Jahre zur Verfügung stehenden Genexpressionstests zur Stratifizierung von Frauen mit Brustkrebs, bei denen eine zusätzliche Chemotherapie lebensverlängernd wirkt.

Wie etliche andere Krankenkassen hat die Siemens BKK dazu Selektivverträge abgeschlossen, um den Test ihren Versicherten anzubieten. Das stößt auf juristische Bedenken des Bundesversicherungsamtes, weil die Labortests nicht in der EU, sondern in den USA durchgeführt werden, was für ärztliche Leistungen nicht zulässig ist.

 Im Falle einer Untersagung kündigte Unterhuber massive Gegenwehr an: „Dann werden wir prominent in die Öffentlichkeit gehen.“

Mit Blick auf therapeutische Innovationen berichtete Unterhuber von Individualverträgen, die seine Kasse mit Herstellern abgeschlossen hat. Darin sei vereinbart, dass der Preis halbiert wird, wenn die Mortalität der behandelten Patienten nach zwei Jahren eine definierte Rate übersteigt.

Hoffnung in neues Kassen-Gesetz

Als ursächlich für den Rückstand in Deutschland nannte Unterhuber eine „grundlegende Aversion gegen Risiken und eine Unterbewertung von Chancen“ durch innovative Diagnostik und Therapie bei den zentralen Entscheidungsinstanzen GBA und GKV-Spitzenverband.

Die einzelnen Kassen hätten darauf bislang keinerlei Einfluss. Das könne sich aber mit dem Faire-Kassenwahl-Gesetz ändern, wenn professionelle Kassen-Manager den Verwaltungsrat des GKV-Spitzenverbandes besetzen.

Jedenfalls repräsentierten GBA und GKV-Spitzenverband mit ihrer Risikoscheu nicht die tatsächliche und sehr differenzierte Einstellung von Bürgern zu Chancen und Risiken von Innovationen.

Professor Christof von Kalle vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg macht dafür auch eine in der Medizin einzigartige Bewertung von Todesfällen verantwortlich: „In allen Bereichen des Lebens halten wir unbeabsichtigte Todesfälle für nicht akzeptabel – nur in der Medizin gilt dieses Prinzip nicht.“

Zu wenig Prävention

Beispiel Verkehr: Aufgrund intensiver Unfallanalysen und Sicherheitsmaßnahmen sei es gelungen, bei wachsendem Verkehr die Zahl der Verkehrstoten in Europa binnen 30 Jahren um 90 Prozent zu senken. Im Gesundheitswesen hingegen suche man nach allen möglichen Entschuldigungen für vorzeitige Todesfälle: Alter des Patienten, seine schwere Krankheit, ungesundes Verhalten.

Tatsächlich werde sehr wenig in Prävention investiert, Screeningmöglichkeiten würden nicht genutzt, und Einladungsverfahren – wie nun für den Stuhltest im Rahmen der Darmkrebs-Früherkennung vorgesehen – würden für die Betroffenen so kompliziert gestaltet, dass die Testmöglichkeit auf wenig Akzeptanz stoßen dürfte.

Wir haben den Beitrag aktualisiert und ergänzt am 23.05.2019 um 15:02 Uhr.

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