Medizin im Fernsehen

Abendfüllende Antibiotika-Resistenzen

Die Weltgesundheitsorganisation warnt vor einer globalen Katastrophe, dem postantibiotischen Zeitalter – wenn Keime gegen die letzten Reserveantibiotika resistent geworden sind. Das ZDF widmete Antibiotikaresistenzen einen ganzen Themenabend: fesselnd, facettenreich, informativ.

Helmut LaschetVon Helmut Laschet Veröffentlicht:
Klärte die Zuschauer über die Gefahr der zunehmenden Resistenzen auf. RKI-Experte Tim Eckmanns.

Klärte die Zuschauer über die Gefahr der zunehmenden Resistenzen auf. RKI-Experte Tim Eckmanns.

© ZDF / Screenshot Bahr

Krankenhausalltag: Ein älterer Patient mit Verdacht auf Pneumonie wird eingeliefert, standardmäßig wird ein Breitspektrumantibiotikum eingesetzt. Ohne Wirkung. Wie die Tests ergeben, ist der Patient mit panresistenten Klebsiella pneumoniae infiziert, der Patient wird sofort isoliert. Die bedrückende Story, die dann in der ersten Sendung des Abends zum Thema Antibiotika-Resistenzen im ZDF folgt, ist mehr als Fiktion – sie könnte jeden Tag Realität werden. Diese Realität kann zurückführen in ein postantibiotisches Zeitalter, in der jede Wunde, jede Operation ein tödliches Risiko darstellt.

Die Geschichte im Film deckt die Schwachstellen im System unbarmherzig auf: Denn wenige Tage später sind dennoch fünf weitere Patienten auf verschiedenen Stationen von dem Keim befallen. Über das Gesundheitsamt und die zuständige Landesbehörde wird das Robert Koch-Institut alarmiert, das einen Expertentrupp schickt, um den Ursprung des Keims zu eruieren.

Heraus kommt: Bei einem drei Wochen zurückliegenden Waldspaziergang war der Patient in einen Bach gefallen und hatte sich verletzt. Probenentnahmen aus dem Gewässer unweit einer Kläranlage in einer Region mit intensiver Massentierhaltung bestätigen: Von hier, aus der scheinbar harmlosen deutschen Mutter Natur, stammt der Keim.

Detektivarbeit im Krankenhaus

Zugleich geht im Film die Detektivarbeit des RKI- Teams nach den Infektionswegen im Krankenhaus selbst weiter. In Frage kommen: Verlegung von Patienten, Kontakte durch Ärzte und Pflegepersonal, der Röntgenraum, in dem sich auch mehrere inzwischen infizierte Kinder aufgehalten haben. Verdächtig sind fünf Infektionen, die offenbar in der Chirurgie ihren Ursprung haben.

Von jedem dort vorhandenen Gegenstand werden Abstriche genommen – und das führt zum Ergebnis: Es ist eine Handschuhbox, aus der ein offenbar nicht ausreichend händedesinfizierter Mitarbeiter sich einen Handschuh gezogen und dabei die Box kontaminiert hat. 16 Todesfälle verursacht der fiktive Infektionsfall im Film.

Massentierhaltung, unsachgemäßer Antibiotika-Gebrauch, mangelndes Hygienebewusstsein: Die Ursachen für das Malheur, das machen die Sachbeiträge im Film deutlich, sind vielfältig: Professor Hagen Pfundner, Vorstandschef der Roche Pharma AG, nennt zusätzlich den viel zu häufigen, unkritischen Einsatz von Antibiotika, Unter- wie auch Überdosierung im Einzelfall, wovor schon Sir Alexander Fleming, der Entdecker des Penicillins gewarnt habe. Ein weiterer Grund ist die Fehleinschätzung der Pharmaforschung, Infektionskrankheiten seien besiegt. Die extreme Mutagenität der Keime ist gefährlich unterschätzt worden.

80 mal 30 Sekunden Arbeitszeit für Desinfektion

Eine der großen Stärken des Themenabends im ZDF: Es wird das Problem in seiner ganzen Komplexität dargestellt, es geht nicht um einfache Kausalketten. Beispiel Mängel im Hygiene-Management der Kliniken – Übertragungen durch Patienten, Personal, tote Materie.

Das erfordert, erläuterte Dr. Tim Eckmanns vom RKI, eine konsequente Desinfektion. Und das heißt in Zahlen: 80 Desinfektionsprozeduren mit mindestens einem Zeitaufwand von 30 Sekunden „fressen“ pro Person und Arbeitstag 40 Minuten. Und das bei weithin herrschender Arbeitsüberlastung oder -verdichtung. Auf deutschen Intensivstationen versorgt eine Pflegekraft vier Patienten, in den Niederlanden sind es zwei.

Die bessere Personalausstattung sowie die konsequente Isolierung verdächtiger Patienten und eine stärkere ambulante Versorgung in Holland, hätten zu dem vergleichsweise niedrigen Infektionsrisiko im Nachbarland geführt, so Eckmanns. Dennoch: Die Instrumente des vor etwa fünf Jahren novellierten Infektionsschutzgesetzes beginnen zu wirken, die Infektionszahlen sind um etwa 20 Prozent gesunken.

Differenziert auch die Darstellung der Massentierhaltung als Problem für Antibiotikaresistenzen: Zwar ist der Antibiotika-Verbrauch inzwischen auf 700 Tonnen jährlich gesunken, dafür werden gerade Reserveantibiotika aber teilweise auf breiter Front eingesetzt – ein gutes Training für die Keime, erfahren die Zuschauer. Ein Verbot der Massentierhaltung?

Die zuständige Ministerin Julia Klöckner quetscht sich um eine Antwort herum. Das Risiko bleibt: Gülle mit resistenten Keimen gerät ins Grundwasser und in Kläranlagen, ebenso Antibiotikarückstände. Die herauszufiltern ist technisch inzwischen möglich, würde aber über die Jahre Investitionen von über 30 Milliarden Euro erfordern. Müsste sich die Pharmaindustrie nach dem Verursacherprinzip an diesen Kosten beteiligen? Oder ist das doch Aufgabe für die Gesellschaft?

Wo bleiben neue Antibiotika?

Und die Hoffnung auf eine neue Zauberkugel? Die bleibt vage, auch wenn viele Ansätze erforscht werden, sei es die Phagentherapie oder exotische Wirkstoffe, die Forscher in Höhlen, im Speichel von Waranen oder in Haaren von Faultieren suchen – auch das erfährt der Zuschauer an diesem Themenabend.

Nicht zuletzt zeigt das ZDF mit zwei Berichten von Einzelschicksalen, was resistente Keime im Körper eines infizierten Patienten anrichten können, wie Patienten damit leben können – und auch, dass sie für gesunde Menschen nicht ansteckend sind.

Der Themenabend hat insofern dazu beigetragen, Bewusstsein für die Problematik zu schaffen und Patienten über (vermeintliche) Gefahren aufzuklären. Diese Dolmetscher-Funktion kann nicht zuletzt als Argumentationshilfe für Ärzte wichtig sein: zum Beispiel beim nächsten Patienten mit einem viralen Atemwegsinfekt, der nach einem Antibiotikum fragt. So spannend und lehrreich kann Medizin im Fernsehen sein. (Mitarbeit: ger)

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