Infektion bei Rafting-Tour

Amöbe zersetzt Gehirn

Im US-Bundesstaat North Carolina stirbt eine 18-Jährige an den Folgen einer Infektion mit Naegleria fowleri - einer Amöbe, die Hirngewebe zersetzt. Infiziert hat sie sich vermutlich in einem Wildwasserpark.

Von Marco MrusekMarco Mrusek Veröffentlicht:
Vermutlich beim Rafting hat sich die 18-jährige Lauren Seitz mit Naegleria fowleri infiziert.

Vermutlich beim Rafting hat sich die 18-jährige Lauren Seitz mit Naegleria fowleri infiziert.

© Özgür Donmaz / Getty Images

CHARLOTTE. Seit dem 24. Juni steht die Wildwasseranlage in Charlotte, North Carolina, still. Fünf Tage zuvor erlag die 18-jährige Lauren Seitz aus Westerville, Ohio, einer eitrigen Entzündung von Hirnhaut und Hirngewebe, genauer einer Primären Amöben Meningoenzephalitis (PAM).

Beim Rafting hatte sie sich dort vermutlich über Wasser, das in ihre Nase eingedrungen war, mit der Amöbe Naegleria fowleri infiziert, die die PAM auslöste, wie der Wildwasserpark mitteilte.

Amöben sind Einzeller und ernähren sich für gewöhnlich von Bakterien und anderen Einzellern. Die häufig vorkommende Art Naegleria fowleri bevölkert in den Sommermonaten vor allem warme Süßwasserseen und Flüsse in den Südstaaten der USA und Australien.

Obgleich die Amöbe verbreitet vorkommt, ist eine Infektion mit Naegleria fowleri extrem selten. In den letzten zehn Jahren verzeichneten die US-amerikanischen Centers for Disease Control (CDC) lediglich 37 Infektionen in den USA. Zum Vergleich: Im gleichen 10-Jahres-Zeitraum ertranken ungefähr 34.000 amerikanische Badegäste, so die CDC.

Die französische Behörde für Ernährung, Umwelt- und Arbeitsschutz ANSES spricht von 310 weltweiten Infektionen in den letzten 50 Jahren. Eine Großzahl der Infektionen mit der Amöbe in Entwicklungsländern bleibt unbemerkt (PLoS Negl Trop Dis 8(8):e3017).

Von der Nasenschleimhaut über den Riechnerv ins Gehirn

Gelangt Naegleria fowleri mit dem Wasser zur Nasenschleimhaut, wandert die Amöbe entlang des Riechnervs ins Hirn und zersetzt innerhalb von wenigen Tagen das Hirngewebe. Die Symptome treten nach durchschnittlich fünf Tagen auf und beinhalten hohes Fieber, Übelkeit, häufiges Erbrechen, Kopfschmerzen sowie die für eine Meningitis typische Nackensteifigkeit.

Der geringen Infektionsrate gegenüber steht die extrem hohe Sterblichkeitsrate von über 97 Prozent. Fast immer führt die Infektion innerhalb von fünf Tagen nach Auftreten der Symptome zum Tode: Bei insgesamt 138 dokumentierten Infektionen in den USA seit 1962 sind den CDC überhaupt nur drei Personen bekannt, die eine PAM durch Naegleria fowleri überlebt haben. Laut ANSES sind es weltweit immerhin elf.

Rechtzeitige Therapie nur selten gelungen

Wie steht es um die Therapiechancen bei PAM? Aufgrund des fulminanten Verlaufes ist eine rechtzeitige und damit effiziente Therapie bisher nur äußerst selten gelungen. Zwei Patienten überlebten die Infektion, weil sie rechtzeitig mit einer Reihe von Medikamenten, unter anderem dem Antiprotozoikum Miltefosin, sowie einer aggressiven Therapie gegen Hirnödem behandelt wurden, erklären die CDC.

 Laut Robert Koch-Institut empfehlen die CDC eine hochdosierte systemische und intrathekale Gabe von Amphotericin B. Kombinationen mit Miconazol, Rifampicin und Miltefosin sowie Dexamethason, Fluconazol und Chloramphenicol (systemisch und intrathekal) können versucht werden.

Ebenso wenig wie eine erprobte Therapie steht ein Schnelltest auf Naegleria fowleri zur Verfügung. Bis jetzt dauert ein Test auf die Amöbe bis zu eine Woche und ist nur im Labor zu machen. Aus diesem Grund werden 75 Prozent der Diagnosen erst nach dem Tod des Patienten gestellt, so die CDC.

Diese Tests haben die CDC nun in Charlotte durchgeführt. Alle elf Proben, die im Wildwasserpark entnommen wurden, waren positiv auf Naegleria fowleri, erklärten die CDC bei einer Pressekonferenz. "Unsere Testergebnisse hier sind deutlich", erläuterte Dr. Jennifer Cope von den CDC gegenüber CNN. "Mehrere positive Stichproben weisen Amöbenmengen auf, die wir so noch nicht in Umweltstichproben gesehen haben."

Infektionen extrem selten

Zwar behandelt der Wildwasserpark sein Wasser mit ultraviolettem Licht und Chlor, die normalerweise 99,99 Prozent der Amöben abtöten, wie der Park mitteilt. Doch das Wasser war durch aufgewirbeltes Sediment zu verdreckt, als dass die UV-Strahlung oder das Chlor die Amöben hätten abtöten können.

 "Wenn man Chlor zu solchem Wasser gibt, reagiert es mit all dem Sediment und ist sofort verbraucht. Es ist dann nicht mehr präsent, um Pathogene wie Naegleria zu inaktivieren", erklärte Cope. Maßnahme: Der Wildwasserkanal wird geleert, getrocknet und gereinigt, um alle Überbleibsel von Naegleria fowleri zu entfernen.

Welche Konsequenzen sollten nun gezogen werden? Die Experten der CDC betonen noch einmal, dass eine Infektion mit Naegleria fowleri extrem selten vorkommt. Badegäste in den Südstaaten der USA sollten in Zukunft trotzdem eine Nasenklammer tragen, wenn sie baden gingen, um den Amöben, aber auch anderen Erregern im Wasser den Zugang zur Nase zu versperren.

Kein Grund zur Beunruhigung in Deutschland

 Das Verschlucken von kontaminiertem Wasser ist hingegen ungefährlich, da die Amöbe durch die Magensäure abgetötet wird. Ebenso wenig kann der Parasit von Mensch zu Mensch weitergegeben werden.

Auch in Deutschland besteht kein Grund zur Beunruhigung, bestätigt Professor Tomas Jelinek, Medizinischer Direktor des Berliner Centrum für Reise- und Tropenmedizin, der "Ärzte Zeitung".

"Soweit wir wissen, spielt Naegleria fowleri in Deutschland keine Rolle." Es habe in Deutschland bisher keine Infektion gegeben und der letzte Fall in Europa liege bereits 38 Jahre zurück, als ein junges Mädchen in den römischen Bädern in Bath, Großbritannien, an einer Infektion mit Naegleria fowleri starb. Trotz der geringen Infektionsgefahr rät Jelinek, wie auch die CDC, besorgten Badegästen vorsorglich zu einer Nasenklammer.

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