Direkt zum Inhaltsbereich

Seltene Krankheit

Autonome Dysfunktionen bei M. Wilson im Fokus

Patienten mit M. Wilson können autonome Dysfunktionen, Arrhythmien, eine Kardiomyopathie und EKG-Veränderungen haben. Die Bedeutung dieser Symptome und Befunde wird noch erforscht.

Von Dagmar Jäger-Becker Veröffentlicht:

MANNHEIM. Eine Erkrankung gilt in der EU dann als selten, wenn nicht mehr als 50 von 100.000 Menschen davon betroffen sind. Es gibt Tausende von Krankheiten mit einer Prävalenz von 1–2 : 100.000, viele davon in der Neurologie.

Seit 2009 existieren die ersten Zentren für seltene Krankheiten in Deutschland, mittlerweile gibt es 27 an der Zahl. Und: Seit 2013 gibt es einen Nationalen Aktionsplan, der allerdings noch zögerlich umgesetzt werde, betonte Professor Thomas Klockgether vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen in Bonn bei einem Symposium zu seltenen neurologische Krankheiten beim DGN-Kongress in Mannheim.

Akkumulation von Kupfer

Zu den seltenen Erkrankungen mit neurologischer Beteiligung gehört dabei auch der M. Wilson. Die autosomal-rezessive Speicherkrankheit führt durch gestörte Kupferausscheidung über die Galle bekannterweise zu einer Akkumulation des Metalls in verschiedenen Organen und manifestiert sich meist neurologisch und hepatisch. Ebenso können Augen und Nieren betroffen sein. Die Beteiligung der Augen zeigt sich – besondere bei den neurologischen Verlaufsformen – in Kayser-Fleischer-Kornealringen durch in der Peripherie der Kornea gelegene Kupferablagerungen mit bräunlicher Pigmentierung.

Ferner kann es zu Kupferablagerungen in autonomen Zentren kommen. Insbesondere Patienten mit extrapyramidalen Symptomen weisen häufig eine autonome Dysfunktion auf. Auch bei Parkinson-Patienten kann es zu einer deutlichen Verschlechterung autonomer Funktionen kommen. Die neurologischen Symptome des Morbus Wilson wie Dystonie, Tremor oder akinetisch-rigides Syndrom ähneln denen eines Morbus Parkinson und können von psychiatrischen Störungen begleitet sein.

Chelatbildner und Zinksalze

Patienten mit Morbus Wilson können mit Chelatbildnern und Zinksalzen behandelt werden. Ziel der medikamentösen Therapie ist, eine normale Kupferhomöostase zu erreichen oder zu erhalten. Bei rechtzeitiger und lebenslanger Behandlung ist die Lebenserwartung nicht verkürzt. Unbehandelt verläuft die Erkrankung progredient und führt zu dekompensierter Leberzirrhose und schwerer neurologischer Behinderung.

Autonome Dysfunktion, Arrhythmie, Kardiomyopathie und EKG-Veränderungen wurden beobachtet, seien jedoch in Bedeutung und Verlauf noch nicht ausgiebig erforscht, erläuterte Professor Tjalf Ziemssen, Abteilung für Neurologie an der Universitätsklinik Carl-Gustav-Carus in Dresden. Insbesondere fehlen Longitudinalstudien, Spektralanalysen der Herzfrequenzvariabilität (HRV) und Untersuchungen zur Baroreflex-Sensitivität (BRS). BRS ist eine Methode in der autonomen Funktionsdiagnostik, die viel Aufschluss über die Regulation des kardiovaskulären autonomen Systems gibt.

Ziemssen berichtete über eine an der Technischen Universität Dresden durchgeführte Studie, die Aufschluss über das Muster der autonomen Beteiligung bei Morbus Wilson liefern sollte. 26 Morbus Wilson-Patienten – zwölf davon mit neurologischem Phänotyp – und 26 gesunde Kontrollen wurden mit einem Fragebogen zu Symptomen des autonomen Nervensystems und mit Funktionstests im Hinblick auf eine autonome Dysfunktion untersucht, etwa mit HRV in Ruhe und während tiefer Respiration, Valsalva-Manöver, 24-Stunden-Herzfrequenz- und Blutdruckmessung oder BRS. Verwendet wurde eine trigonometrische regressive Spektralanalyse. Die Baroreflex-Messung zeigt die Interferenz zwischen Blutdruck und Herzfrequenz. 20 Patienten wurden nach drei Jahren erneut untersucht.

Wie Ziemssen berichtete, zeigten die Wilson-Patienten eine autonome Dysfunktion im Vergleich zur Kontrollgruppe vorwiegend als gesteigerte Herzfrequenz in Ruhe und im 24-Stunden-Monitoring. Die BRS war in allen autonomen Funktionstests niedriger, insbesondere bei Patienten mit neurologischer Verlaufsform. Ein niedriger BRS gilt bei Patienten mit Parkinson, Postmyokardinfarkt oder Diabetes als Prognosefaktor für eine erhöhte Mortalität. Drei Jahre später hatte die BRS trotz Therapie weiter abgenommen. Insbesondere bei den neurologischen Patienten war es zu einer parasympathischen Funktionsstörung gekommen.

Die kardiovaskuläre autonome Funktion bei gut behandeltem Morbus Wilson sei über drei Jahre grundsätzlich weitgehend stabil, fasste Ziemssen zusammen, die Abnahme des BRS müsse jedoch kritisch gesehen werden.

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Fehlzeiten-Report 2026

Aktuelle Kassenstatistik: Mehr Fehlzeiten durch psychische Leiden

Kooperation | In Kooperation mit: AOK-Bundesverband
Das könnte Sie auch interessieren
Update Multiple Sklerose: Aktuelle Erkenntnisse und Entwicklungen

© libre de droit | iStock

Update MS

Update Multiple Sklerose: Aktuelle Erkenntnisse und Entwicklungen

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Einfluss der MS-Therapie auf Immunzellen im Liquor

© Yozayo | iStock

Intrathekale Entzündung

Einfluss der MS-Therapie auf Immunzellen im Liquor

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Ein erreichbares Ziel bei MS?

© Merck KGaA

Therapiefreie Remission

Ein erreichbares Ziel bei MS?

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Jugendliche die schon früh, ohne Eltern in die Sprechstunde kommen, werden selbstständiger.

© Racle Fotodesign / stock.adobe.com

Typ-1-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen

Wie gelingt der Übergang vom Pädiater in die Erwachsenenmedizin?

Frauen erhalten eine andere und meist schlechtere Behandlung als Männer. Sie sind häufiger vom Medical Gaslighting betroffen, insbesondere in der Kardiologie.

© NPS Studio / stock.adobe.com

Hormone, Schwangerschaft, Wechseljahre

Warum ein Diabetes Frauen anders trifft als Männer

Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Ofatumumab-Konzentrationen in der Muttermilchh

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [10]

Aktive schubförmige Multiple Sklerose

Flexiblere Familienplanung durch kürzere Kontrazeptionszeit

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novartis Pharma GmbH, Nürnberg
Abb. 1: MS-Krankheitsdynamik: Patientinnen und Patienten bewegen sich von frühen Stadien über Phasen fokaler Entzündung in fortgeschrittene, meist irreversible Stadien

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [4]

Multiple Sklerose heute

Praxisrelevante Daten im Fokus

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novartis Pharma GmbH, Nürnberg
Primär Biliäre Cholangitis: therapeutisches Potenzial der PPAR-Aktivierung

© Kateryna_Kon / stock.adobe.com

PPAR-Isoform-Selektivität: wissenschaftliche Grundlagen und klinische Relevanz

Primär Biliäre Cholangitis: therapeutisches Potenzial der PPAR-Aktivierung

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Gilead Sciences GmbH, Planegg-Martinsried
Vorteile des Logins

Mit unserem kostenloses Login erhalten Ärztinnen und Ärzte, Medizinstudierende sowie Fachkräfte im Gesundheitswesen vollen Zugriff auf unsere medizinischen und praxisrelevanten Inhalte.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Cholesterin

Intensive LDL-Senkung bei hohem Lp(a): Warum das schwierig werden kann

Frühe Warnzeichen

Bei diesen Hautbefunden auch an Hantavirus denken

Lesetipps
Eine Frau in den Wechseljahren leidet unter Hitzewallungen.

© Diane Diederich / Getty Images / iStock

Über eine Million Datensätze

Wie die Menopause Körperprozesse beeinflusst

Ausgestreckte Hand gegenüber einer Impfspritze.

© anyaivanova / Getty Images / iStock

Überprüft

5 Mythen übers Impfen im Faktencheck