HINTERGRUND

Blinde Tastuntersucherinnen helfen Gynäkologen

Von Carolin Wedekind Veröffentlicht:
Eine blinde Frau arbeitet hier als Tastuntersucherin.

Eine blinde Frau arbeitet hier als Tastuntersucherin.

© Foto:discovering hands

In der Essener Universitätsklinik lernen blinde Frauen Brustkrebs-Tastuntersuchungen. Sie sollen durch ihren besseren Tastsinn niedergelassene Gynäkologen bei der Arbeit unterstützen.

Eigentlich wäre für die Körbchengrößen A bis C eine halbe Stunde zum Ertasten von Tumoren in der Brust nötig, bei größeren Brüsten auch mehr. Im hektischen Praxisalltag bleiben dem Gynäkologen pro Patientin aber nur einige Minuten. Der Duisburger Frauenarzt Dr. Frank Hoffmann hatte deshalb die Idee, Tastuntersuchungen von Hilfskräften vornehmen zu lassen. Einen besonders genauen Tastsinn vermutete er bei Blinden. Im August 2006 startete er ein Pilotprojekt, in dem blinde Frauen speziell für diese Aufgabe ausgebildet werden.

Zwei Tastuntersucherinnen von der Kammer bereits zertifiziert

"Die Rahmenbedingungen für die Krebsvorsorge sind nicht optimal", sagt Hoffmann. Ab dem 50. Lebensjahr zahlen die Krankenkassen einer Patientin eine präventive Mammografie. Für Patientinnen zwischen dem 30. und dem 50. Lebensjahr sind Mammografien nur möglich, wenn ein Verdacht besteht. Die Tastuntersuchung ist also für viele Frauen die einzige Möglichkeit, einen Tumor zu entdecken. "Und das sollten wir möglichst gründlich machen", sagt Hoffmann. "Wenn man die Größe des Tumors bei seiner Entdeckung halbieren kann, halbiert man auch die Mortalität."

Zwei Tastuntersucherinnen hat die Ärztekammer Nordrhein bereits nach der neun Monate dauernden Fortbildung zertifiziert. Vier weitere werden zur Zeit in einem zweiten Pilotkurs ausgebildet. Finanziert wird das Projekt mit 200 000 Euro vom Landschaftsverband Rheinland (LVR), der damit die Integration von Blinden in das Arbeitsleben fördern will. Das Geld kommt aus den Ausgleichszahlungen, die Betriebe ab 20 Mitarbeitern leisten müssen, wenn weniger als fünf Prozent der Belegschaft behindert sind. "Später soll medizinische Tastuntersucherin ein regulärer Ausbildungsberuf werden, bei dem der Lehrherr die Ausbildung zahlt", sagt LVR-Sprecher Christophe Göller. "Unser Ziel ist, Menschen mit Behinderung am normalen Arbeitsmarkt unterzubringen."

Die finanzielle Förderung wurde vor allem zum Erarbeiten des Unterrichtsmaterials genutzt. Das Berufsbildungswerk Düren hat beispielsweise Silikonmodelle von Brüsten mit Tumoren und blindengerechtes Lernmaterial entwickelt. Außer den Brustmodellen lernen die Frauen das Ertasten an freiwilligen Probandinnen und bei einem dreimonatigen Praktikum in einer Praxis.

Viele Ärzte betrachten das Angebot bislang eher skeptisch

Mit Klebestreifen, deren Oberflächen ertastbare Abschnitte haben, wird die Brust in Zonen eingeteilt. "Die Brust kann so systematisch untersucht werden", sagt Hoffmann. Es entsteht ein Raster, in dem die Tastuntersucherin verdächtige Punkte genau bestimmen und dem Arzt mitteilen kann. "Man sollte die Tastuntersucherin nicht als Konkurrenz sehen. Sie leiht dem Arzt nur ihre Hände", sagt Hoffmann. Die Diagnose stelle auch weiterhin der Arzt, betont er.

Mehr als 400 Frauen haben seit Oktober 2007 die individuelle Gesundheitsleistung der Tastuntersucherinnen für 25 Euro genutzt.

Eine der beiden ausgebildeten Tastuntersucherin ist Miroslawa Grässer. Ihre neue Arbeit gefällt der früheren Telefonistin gut. "Natürlich bin ich froh, wenn ich keinen Befund habe", sagt Grässer. "Aber wenn ich einen Knoten finde, ist das besser als wenn er erst später entdeckt würde." In Zukunft möchte sie auch Kurse zur Selbstuntersuchung geben.

"Wenn Frauen lernen, wie sie sich jeden Monat selbst untersuchen können, bekommen sie ein sehr gutes Gefühl für Veränderungen in der Brust", ist Grässer überzeugt. Viele Gynäkologen sehen das Projekt noch skeptisch. "Eine Tastuntersucherin ersetzt keine Mammografie", sagt Dr. Peter Potthoff vom Berufsverband der Frauenärzte. "Ich würde immer selbst nachuntersuchen."

Auch wenn Hoffmann weitere Gynäkologen für sein Projekt begeistern kann, werden die Tastuntersucherinnen nicht der Standard zur Brustkrebsfrüherkennung werden. "Für flächendeckende Untersuchungen nach diesem Modell gibt es zu wenig geeignete Frauen", sagt Hoffmann. Nicht jede Blinde kann gut genug tasten. Durch Diabetes erblindete haben oft einen eingeschränkten Tastsinn.

"Für die einzelne Frau, die sich sorgfältig untersuchen lassen kann, sind die medizinischen Tastuntersucherinnen aber sicher ein Vorteil", sagt Hoffmann.

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Simulationsstudie

Vorteile für risikobasiertes Brustkrebs-Screening?

Kommunikationsfehler vermeiden

Tipps: So sollten Sie mit Patienten über Risiken und Zahlen sprechen

Das könnte Sie auch interessieren
DMykG 2025: So dringt Bifonazol effektiv in die Nagelplatte ein

© Matt LaVigne | iStock

Neue in-vitro-Daten

DMykG 2025: So dringt Bifonazol effektiv in die Nagelplatte ein

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Bifonazol: Antimykotikum mit antientzündlicher Wirkung

© Irina Esau | Getty Images/iStockphoto

Fokus: Integrität der Haut

Bifonazol: Antimykotikum mit antientzündlicher Wirkung

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Die Bedeutung von Bifonazol in der Therapie der Tinea capitis

© Prof. Dr. med. Hans-Jürgen Tietz

Pilzinfektion Kopfhaut

Die Bedeutung von Bifonazol in der Therapie der Tinea capitis

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Kommentare
Sonderberichte zum Thema

ADHS im Erwachsenenalter

Wechseljahre und ADHS: Einfluss hormoneller Veränderungen auf Symptomatik und Diagnose

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: MEDICE Arzneimittel Pütter GmbH & Co. KG, Iserlohn
Den Herausforderungen mit Hopfenextrakt begegnen

© Pixelrohkost / stock.adobe.com

Arztinformation – Hilfe für Patientinnen in den Wechseljahren

Den Herausforderungen mit Hopfenextrakt begegnen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Procter & Gamble Health Germany GmbH, Schwalbach am Taunus
Abb. 1: Wichtige Signalwege und Angriffspunkte für eine zielgerichtete Therapie beim Mammakarzinom

© Springer Medizin Verlag GmbH, modifiziert nach [3]

Molekularpathologische Diagnostik

Welche Tests sind wichtig beim Mammakarzinom?

Sonderbericht | Beauftragt und finanziert durch: AstraZeneca GmbH GmbH, Hamburg
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Anwältin erläutert Fristen

Regressbescheid nach 10 Jahren – ist das rechtens?

Lesetipps
Skelettszintigraphie einer betroffenen Patientin mit Osteomalazie in den Hüften (gelb) nach intravenöser Eisentherapie mit Eisencarboxymaltose.

© Roland Haubner/Universitätsklinik für Nuklearmedizin Innsbruck

Beobachtungsstudie

Eisenmangel: Wahl des Eisenpräparats beeinflusst das Frakturrisiko

Ein Arzt in einem weißen Arztkittel spricht mit einem männlichen Patienten über die Ergebnisse der medizinischen Untersuchung und gibt anhand dieser eine Behandlungsempfehlung ab.

© Pcess609 / stock.adobe.com

Kommunikationsfehler vermeiden

Tipps: So sollten Sie mit Patienten über Risiken und Zahlen sprechen

Markus Frühwein

© Porträt: privat | Spritze: Fiedels / stock.adobe.com

Sie fragen – Experten antworten

Keine Gelbfieberimpfung bei Patienten über 60 Jahren: Stimmt das?