Interview

Demenzrisiko: Hausärzte sollten aktiv nachfragen

Beklagen Patienten subjektive Gedächtnisstörungen, ist das Demenzrisiko erhöht. Professor Frank Jessen vom Uniklinikum Bonn rät, diese Patienten halbjährlich einzubestellen und über Präventionsmaßnahmen zu beraten.

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Professor Frank Jessen

Aktuelle Position: Leiter der klinischen M. Alzheimer-Forschungsgruppe an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Uniklinikums Bonn und Psychiatrischer Leiter des Klinischen Behandlungs- und Forschungszentrums für neurodegenerative Erkrankungen (KBFZ).

Forschungsschwerpunkt: Früherkennung und Risikoidentifikation von Demenzerkrankungen in klinischen und bevölkerungsbasierten Kohorten (AgeCoDe)

Ärzte Zeitung: Subjektive Gedächtnisstörungen gehen mit einem erhöhten Risiko für eine Demenzerkrankung einher, vor allem wenn sich der Patient darüber sorgt. Wie kann der prädiktive Wert weiter erhöht werden?

Professor Frank Jessen: Zunächst muss zwischen zwei Arten von subjektiven Gedächtnisstörungen unterscheiden werden: Zum einen solche im Rahmen der normalen Altersvergesslichkeit, und zum anderen solche, über die der Patient beunruhigt ist.

Letztere sind mit einer Demenzentwicklung assoziiert. Nur aufgrund der subjektiven Störungen und der Sorge des Patienten darüber kann aber noch kein individuelles Demenzrisiko berechnet werden.

Für eine individuelle Prädiktion müssten zusätzlich biologische Marker mittels Liquor-Untersuchung oder Bildgebung untersucht werden.

Ärzte Zeitung: In einem Positionspapier empfehlen Sie, dass der Hausarzt aktiv nach subjektiven Gedächtnisstörungen fragen sollte. Sollte nach biologischen Markern geforscht werden, wenn der Patient die Frage bejaht?

Jessen: Nein, das ist derzeit noch Gegenstand der Forschung. Wir werden noch etwas Zeit benötigen um heraus zu finden, wie aussagekräftig diese Marker sind.

Heute würde ich einen solchen Patienten aufmerksam beobachten, zum Beispiel halbjährlich einbestellen, und bezüglich Präventionsmaßnahmen beraten.

Ärzte Zeitung: Was soll der Hausarzt dem Patienten sagen? Die Kommunikation eines erhöhten Alzheimer-Risikos kann ja auch negative wirken.

Jessen: Man sollte einfach sagen, dass subjektive Gedächtnisstörungen ein Hinweis auf eine mögliche zukünftige Verschlechterung des Gedächtnisses sein können, aber dass man dagegen aktiv etwas tun kann.

Körperliche Bewegung und gesunde Ernährung sind gut für das Gehirn, doch das ist in der Breite nicht bekannt. Man sollte die kardiovaskulären Risikofaktoren kontrollieren.

In diesem Stadium ist es nicht ratsam, den Patienten mit dem Begriff Demenz zu konfrontieren.

Ärzte Zeitung: Wirken Medikamente präventiv?

Jessen: Laut Studienlage können Medikamente derzeit nicht allgemein empfohlen werden.

Ärzte Zeitung: Warum setzen Sie Hoffnungen auf die möglichst frühe Diagnose einer Demenz?

Jessen: Zu dem Zeitpunkt, in dem wir üblicherweise die Demenz erkennen, ist das Gehirn bereits in Teilen zerstört. Die entsprechenden biochemischen Kaskaden sind dann therapeutisch kaum mehr aufzuhalten.

Wenn wir die Krankheit beeinflussen möchten, dann müssen wir viel früher aktiv werden.

So wie heute LDL-Cholesterin gesenkt wird, um eine KHK zu verhindern, können wir vielleicht künftig einmal die Amyloidose des Gehirns behandeln, um einer Demenz vorzubeugen.

Das Interview führte Dirk Einecke

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