Hormonstörungen

Die Endokrinologie krempelt sich um

In der Endokrinologie findet ein Paradigmenwechsel statt: Künftig soll der Stoffwechsel organ- und krankheitsspezifisch moduliert werden. Nur bei generellem Hormonmangel wird weiter substituiert.

Von Michael Hubert Veröffentlicht: 18.08.2020, 17:38 Uhr

Stuttgart. Hormone zirkulieren im Blut, aber sie wirken in den Organen, genauer in den Zellen. Wie das erfolgt, haben die Endokrinologen vor allem anhand seltener Erkrankungen gelernt, sagte Professor Dagmar Führer-Sakel, Uni Duisburg-Essen. Eine der Seltenen sei das AHDS (Allen-Herndon-Dudley-Syndrom). Diese X-chromosomale Erkrankung geht mit schwersten neuro-kognitiven Defekten und Entwicklungsverzögerungen einher. Ursache ist eine Mutation im Gen für das Transportprotein des Schilddrüsenhormons. Dadurch komme es letztlich zu einem T3-Mangel im Gehirn, so die Endokrinologin.

Dieser Transporter kommt aber auch in anderen Geweben vor. Die Patienten mit AHDS haben im Gehirn einen Mangel an Schilddrüsen-Hormonen, in der Leber aber eine Überversorgung. Hier habe der Transporter eine andere Funktion als im Gehirn. Und im Blut weisen die Patienten sehr hohe Hormonspiegel auf, so Führer-Sakel bei einer Online- Veranstaltung der Gesellschaften für Diabetes (DDG) und Endokrinologie (DGE). „Das ist etwas ganz neues“, so Führer-Sakel: „Sie haben im Blut bestimmte Hormonwerte, aber in dem einen Organ eine Über-, in dem anderen Organ eine Unterversorgung.“

Drei Bausteine

Heute sei klar, dass es drei Bausteine gibt: Transporter entscheiden, ob das Hormon in das Organ kommt. Dann gibt es die Verstoffwechslung, da spielen etwa Deionidasen eine Rolle – wird das Hormon aktiv oder nicht? Und dann ist da die schon länger bekannte dritte Ebene, die Prozesse am Zellkern. „Was auf diesen drei Ebenen passiert, ist nicht immer das, was wir im Blut messen.“ Das sei der entscheidende Wechsel im Paradigma, so Führer-Sakel.

Denn bestimmte Krankheitsprozesse finden statt, wenn an einem dieser drei Stellschrauben eine Veränderung stattfindet. So gebe es etwa bei einer Fettleber an bestimmten Stellen des Organs eine Minderwirkung vom Schilddrüsenhormon. Und nach Herzinfarkt oder Schlaganfall ist in der Erholungsphase die Schilddrüsenhormon-Wirkung gemindert, so Führer-Sakel weiter. Da könne überlegt werden, ob es sinnvoll ist, Schilddrüsenhormon zu geben. „Aber eben nicht überall, sondern nur an dieser Stelle.“

Im Gegensatz zur bisherigen Hormonsubstitutionstherapie – wenn also ein genereller Hormonmangel herrscht – gehe es in Zukunft darum, lokal anzusetzen. Ein Ansatz seien Chimären-Moleküle, bei denen etwa das Schilddrüsenhormon an ein GLP1-Rezeptortarget gekoppelt wird. Das Hormon komme so quasi als trojanisches Pferd genau in die Organe hinein, in denen die Hormonwirkung erzielt werden soll. Bei der Fettleber seien solche Chimären bereits in klinischen Studien.

Mehr Infos rund ums Thema „Schilddrüse“: www.infoline-schilddruese.de

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