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HINTERGRUND

Die Heroinstudie ermöglicht Drogenabhängigen den ersten Schritt in ein neues Leben ohne Kriminalität

Von Nadja Douglas Veröffentlicht:

Das Leben von Claudia (Name von der Redaktion geändert) hat sich enorm verändert. Noch vor 18 Monaten bestimmten den Tagesablauf der 33jährigen Heroinabhängigen ausschließlich "Geld Organisieren oder Stehlen und Stoff Besorgen". Das hat sie hinter sich gelassen, seit sie in der Bonner Heroinambulanz an einem bundesweiten Modellprojekt teilnimmt. Zwei Mal pro Tag spritzt Claudia sich unter ärztlicher Aufsicht die Droge. "Endlich gibt es wieder Kontinuität in meinem Leben", sagt sie stolz. Mit diesem festen Rhythmus könne sie jetzt sogar ab und zu kleinere Jobs annehmen.

Bonn startete als erste Stadt mit dem Heroinprojekt

Claudia ist seit 16 Jahren heroinabhängig und eine von bundesweit etwa 1000 Teilnehmern der Studie zur kontrollierten Abgabe von Heroin an Schwerstabhängige. Als erste Stadt Deutschlands startete Bonn vor zwei Jahren dieses Projekt, am 4. März 2002. Dabei erhält die Hälfte der Probanden medizinisch reines Heroin, die andere Hälfte die Ersatzdroge Methadon. Das Projekt läuft zwei Jahre lang als Arzneimittelstudie in Zusammenarbeit zwischen Bundesärztekammer, Bundesgesundheitsministerium und dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte.

Die Forscher wollen testen, ob sich durch die Heroinabgabe der Gesundheitszustand bessert, die Beschaffungskriminalität zurückgeht und Einstieg in ein normales Leben sowie Ausstieg aus der Sucht leichter werden. Nach Bonn haben sich auch die Städte Hamburg, Frankfurt/Main, Hannover, Karlsruhe, Köln und München an der von Bund, Ländern und Kommunen finanzierten Initiative beteiligt. Erste Ergebnisse eines ähnlichen Projektes in der Schweiz zeigen, daß sich bei allen Teilnehmern die Lebenssituation deutlich verbessert hat.

Wie alle Probanden erfüllt auch Claudia die wichtigsten Kriterien für die Studie: viele gescheiterte Suchttherapien und mindestens fünf Jahre Abhängigkeit. Zur Teilnahme entschloß sie sich aus purer Verzweiflung und aus Angst, wieder einmal im Knast zu landen. Zunächst war sie äußerst skeptisch: "Ich war sicherlich die, die am lautesten geschrien hat, daß da ein Haken dran sein muß." Doch Ärzte und Betreuer konnten Claudia und die anderen Probanden überzeugen, daß sie keine Versuchskaninchen sind. Allerdings dauerte es ein Jahr, bis alle 100 Plätze in Bonn besetzt waren.

Außer der regelmäßigen Abgabe von Heroin oder dem Ersatzstoff Methadon werden alle 1000 Probanden während der Studie auch psychologisch und sozial betreut. So steht in Bonn einmal pro Woche ein Gruppengespräch auf dem Programm, in dem die Teilnehmer über Probleme reden können. Zudem helfen die Mitarbeiter der Heroinambulanz bei der Wohnungs- und Jobsuche.

Die Studie ist noch nicht ausgewertet

Erste Ergebnisse will die Stadt Bonn nicht nennen, da die Studie noch nicht ausgewertet sei. Einiges hat sich bei den Probanden aber durchaus zum Positiven gewendet.

"Die meisten waren sehr verelendet, als sie kamen. Allein wenn man das Äußere einiger Abhängiger heute mit damals vergleicht, wird der Unterschied deutlich", berichtet die Leiterin des psychosozialen Teams, Linde Wüllenweber-Tobias. Viele der Patienten seien früher obdachlos gewesen und hätten jetzt eine feste Bleibe. Ergebnisse will auch das Bundesgesundheitsministerium noch nicht nennen, zumal in den Städten Hamburg und Frankfurt das Projekt auch erst Ende 2005 auslaufe. Ob es nach Abschluß der Studie in den jeweiligen Städten eine Weiterbehandlung der Probanden gebe, werde derzeit auf Bundes- und Landesebene diskutiert. Eine Übergangslösung für die Teilnehmer, die jeweils nach zwei Jahren die Studie beenden, werde es aber sicher geben, versprechen die Bonner Organisatoren.

Über die Weiterbehandlung muß noch entschieden werden

Auf eine Weiterbehandlung mit Heroin möchte Claudia auf keinen Fall verzichten. "Wenn die Studie aufhört, wäre das eine Katastrophe für mich." Für einen Ausstieg aus der Abhängigkeit sei sie noch nicht bereit. Sie brauche die Droge weiterhin täglich. Claudia ist jedoch froh, das Leben in der Szene weitgehend hinter sich gelassen zu haben: "Ich spüre keinen täglichen Zwang mehr, ich kann das Leben wieder genießen."

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Hoffnungsschimmer für Drogenabhängige



FAZIT

Im Jahre 2002 startete das Modellprojekt zur Heroinabgabe an Abhängige - Ende des Jahres werden wohl die ersten Ergebnisse vorliegen. Erste Erfahrungsberichte - wie der von Claudia - zeigen, daß sich im Umfeld der Drogenabhängigen vieles zum Positiven gewendet hat. Noch ist allerdings nicht klar, wie und ob überhaupt das Projekt, das als Arzneimittelstudie läuft, weitergeführt werden soll. Eine Übergangslösung wurde den Teilnehmern der Heroinstudie zwar versprochen, ist aber längst noch nicht gefunden.

Weitere Infos zum Heroinprojekt finden Sie unter: www.heroinstudie.de

 

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