Erleichtern Steroide den Analgetika-Entzug?

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KRISTIANSAND (ner). Prednisolon wird häufig bei der Entzugsbehandlung von Patienten mit Medikamenten-induziertem Kopfschmerz verwendet. Zu Unrecht, sagen jetzt norwegische Neurologen nach negativen Ergebnissen einer kontrollierten Studie. Deutsche Kollegen sind in diesem Punkt aber zum Teil anderer Meinung.

Es gibt weltweit viele Zentren, in denen versucht wird, die teilweise sehr heftigen Symptome des Medikamenten-Entzugs mithilfe von Steroiden zu lindern. Mit Erfolg, wie offene Studien zu bestätigen scheinen. Norwegische Ärzte um Dr. Magne G. B¢e vom Sorlandet Hospital in Kristiansand sagen jetzt in der Zeitschrift "Neurology" (69, 2007, 26): "Wir empfehlen nicht den Gebrauch von Steroiden bei der Entzugsbehandlung." Sie ziehen diese Schlussfolgerung aus der ersten Placebo-kontrollierten und randomisierten Studie zum Medikamenten-Entzug mit Prednisolon.

Die einwöchige Steroidtherapie hatte nichts bewirkt

Denn die einwöchige Prednisolon-Therapie hatte bei 100 Patienten buchstäblich nichts bewirkt. Teilgenommen hatten 26 Männer und 74 Frauen mit Medikamenten-Übergebrauch. Sie hatten primär Migräne, Spannungskopfschmerzen oder eine Kombination von beidem.

Während des Entzugs hatten die Teilnehmer sechs Tage lang Prednisolon in abnehmender Dosis, beginnend mit 60 mg, erhalten, oder aber Placebo. Weder Kopfschmerzstärke noch Kopfschmerzfrequenz ergaben einen Unterschied zu den Patienten mit Placebo. Auch die Analysen der Subgruppen von Patienten mit Migräne sowie Spannungskopfschmerz oder derjenigen, die Medikamente mit einer gewissen prophylaktischen Wirkung (Trizyklika, Antihypertensiva) eingenommen hatten, ergab keinerlei signifikante Unterschiede zwischen den Therapie-Gruppen.

Allerdings schließen B¢e und seine Kollegen nicht aus, dass zum Beispiel höhere Prednisolon-Dosen als 60 mg effektiv sein könnten. Auch für Professor Hans Christoph Diener aus Essen ist das letzte Wort zu diesem Thema noch nicht gesprochen. Diener verweist in einem Editorial im gleichen Heft (Neurology 69, 2007, 14) auf Erfolge in einer kleinen Placebo-kontrollierten Studie. An dieser hatten ausschließlich Migräne-Patienten mit Medikamenten-induziertem Kopfschmerz teilgenommen. Sie hatten täglich 100 mg Prednisolon erhalten.

Betroffen sind in Deutschland bis zu 800 000 Menschen

In Deutschland gehen Experten von bis zu 800 000 Personen mit Medikamenten-Übergebrauch bei chronischem Kopfschmerz aus. Damit handelt es sich um die vierthäufigste Kopfschmerzform nach episodischen Spannungskopfschmerzen, Migräne und chronischen Spannungskopfschmerzen. Die Therapie-Empfehlungen bei Medikamenten-induziertem Kopfschmerz variieren beträchtlich. Abgesehen vom Entzug reichen sie von der Flüssigkeitssubstitution über Analgetika, Tranquilizer, Neuroleptika bis hin zur Sauerstofftherapie oder elektrischen Nervenstimulation.

DIE STUDIE IN KÜRZE

Patienten: 100 Patienten mit Medikamenten-Kopfschmerz bei vorliegender Migräne und/oder Spannungskopfschmerz.

Therapie: Randomisierte, doppelblinde und Placebo-kontrollierte Studie. Gruppe A erhielt nach Absetzen der Medikamente zwei Tage lang 60 mg, zwei Tage lang 40 mg und zwei Tage lang 20 mg Prednisolon. Gruppe B erhielt Placebo.

Primärer Studienendpunkt: Mean Headache (MH)-Score, er kombiniert Informationen über die Kopfschmerzfrequenz und -intensität. Die Kopfschmerzintensität wurde auf einer Skala von 0 (kein Schmerz) bis 3 (schwerer Schmerz) registriert. Sekundäre Endpunkte waren etwa die Anzahl der Tage ohne Schmerzen, mit milden, mäßigen oder starken Schmerzen sowie die Kopfschmerzfrequenz.

Ergebnisse: In den ersten sechs Tagen nach Medikamentenentzug war die Kopfschmerzintensität in den Gruppen A und B ähnlich. Während der Gesamtstudiendauer von 28 Tagen betrug der MH-Score in beiden Gruppen 1,4. (ner)

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