Frühe Therapie bei MS-Patienten zahlt sich aus

Als die Medizin-Studentin Petra S. beim Tennisspielen zum Aufschlag ausholte, nahm sie plötzlich die obere Hälfte ihres Tennispartners nur verschwommen wahr. Trotzdem schlug sie den Ball übers Netz. Der kam zurück wie aus dem Nichts und traf die Frau mitten ins Gesicht. Damit begann eine lange Krankheitsgeschichte. Ein Neurologe stellte eine Opticus-Neuritis fest. Aber erst Jahre später, als Paresen in der rechten Hand auftraten, Depressionen und Schmerzen in den Gliedmaßen, wurde die richtige Diagnose gestellt: Multiple Sklerose.

Von Nicola Siegmund-Schultze Veröffentlicht:

"Eine Opticus-Neuritis sollte grundsätzlich, vor allem aber bei jungen Frauen an eine Multiple Sklerose denken lassen", sagt Professor Bernd C. Kieseier von der Universitätsklinik Düsseldorf. Mit der Möglichkeit, nach den neuen Diagnosekriterien von McDonald eine Multiple Sklerose (MS) bereits nach dem ersten klinischen Schub zu diagnostizieren, steige die Verantwortung der Kollegen, die Differentialdiagnostik früh zu veranlassen, sagte Kieseier bei einer Veranstaltung des Unternehmens Serono in Düsseldorf.

Hausärzte sind oft erste Ansprechpartner

Zumal die initialen Symptome die Patienten meist nicht direkt zum Neurologen, sondern zum Hausarzt, zum Ophthalmologen oder zum Orthopäden führen. Abzugrenzen ist die MS von anderen multifokalen Krankheiten des Nervensystems wie infektiösen und granulomatösen Erkrankungen, Tumoren oder Vaskulitis-Syndromen.

Den McDonald-Kriterien zu Folge kann die Diagnose einer MS bereits dann gestellt werden, wenn nach einem ersten Krankheitsschub mit klinisch nachweisbaren Auffälligkeiten wie einseitige Sehstörung, Gefühlsstörungen, Gehschwäche oder Störungen der Feinmotorik MS-typische Befunde im Liquor vorliegen, die initiale MRT-Untersuchung zwei oder mehr charakteristische Läsionen ergibt (räumliche Dissemination) oder in der Verlaufs-MRT - mindestens drei Monate später - entzündliche Herde nachgewiesen werden (zeitliche Dissemination). Einer dieser Herde oder mehrere sollten das Kontrastmittel Gadolinium anreichern.

Standardtherapie bei einem MS-Schub ist die i.v.-Therapie mit hoch dosiertem Methylprednisolon. Bei schubförmiger MS folgt die verlaufsmodifizierende Basistherapie mit Interferon-beta oder Glatirameracetat, bei unbefriedigendem Therapieergebnis wird auf Mitoxantron gewechselt (Eskalationstherapie). "In der frühen Phase der MS sind die Entzündungszellen besonders aktiv, und deshalb ist es für den weiteren Krankheitsverlauf sehr wichtig, rechtzeitig eine immunmodulatorische Therapie einzuleiten", so Kieseier. Die positiven Effekte einer frühen Behandlung auf die Progression der MS ließen sich Studien zu Folge bei einem späteren Therapiebeginn nicht wieder aufholen.

Die Rate neuer MS-Schübe lässt sich dabei etwa durch eine drei Mal wöchentliche Hochdosis-Therapie mit rekombinantem Interferon-beta-1a s.c. (Rebif®) mindern. Da vor allem zu Beginn der Therapie Interferon-Präparate oft grippeähnliche Symptome oder Myalgien hervorrufen, die die Lebensqualität der Patienten und damit die Compliance mindern können, empfiehlt Kieseier, das Mittel einzuschleichen.

Einschleichende Therapie wird empfohlen

Für eine solche Therapie mit Interferon beta-1a s.c. gibt es, wie berichtet, einen Start-Kit mit zwölf Fertigspritzen zur Titration des Mittels im ersten Behandlungsmonat: In den ersten 14 Tagen injizieren sich die Patienten drei Mal pro Woche 8,8 µg s. c., in den folgenden beiden Wochen jeweils 22 µg und ab der fünften Woche 44 µg des Wirkstoffs drei Mal wöchentlich. "Dieses Vorgehen ist für jeden MS-Patienten mit Indikation für eine Interferontherapie zu empfehlen", sagte Kieseier. "Verträgt der Patient die hohe Dosis nicht optimal, kann er zunächst wieder auf die halbe Dosierung zurück gehen und es eventuell zu einem späteren Zeitpunkt wieder versuchen."



STICHWORT

Multiple Sklerose

Von der Erkrankung Multiple Sklerose (MS) sind Frauen etwas häufiger betroffen als Männer. Die meisten Erkrankungen treten im Alter zwischen 20 und 40 Jahren auf, jenseits des Alters von 55 bis 60 Jahren gibt es keine Neuerkrankungen mehr. In Mitteleuropa liegt die MS-Inzidenz bei 3 bis 7 pro 100 000 Einwohnern; in Australien bei etwa 10 und in Südafrika bei 1 bis 4. Jeder der etwa 120 000 MS-Kranken in Deutschland verursacht pro Jahr im Durchschnitt 33 000 Euro Kosten, davon einen großen Teil durch Arbeitsunfähigkeit. (nsi)

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