HINTERGRUND

Intensiv und qualifiziert - Ärztekammern bieten suchtkranken Ärzten ein Komplettpaket an

Von Marion Lisson und Sabine Schiner Veröffentlicht:

Arbeit kann krank machen. Das müssten Ärzte eigentlich am besten wissen. Doch sie sind oft völlig hilflos, wenn sie selbst betroffen sind. Ärzte sind zwar nicht häufiger krank, als Menschen aus anderen Berufsgruppen, sie leiden allerdings häufiger an Burnout, Depressionen und Suchterkrankungen. Viele Ärztekammern bieten deshalb verschiedene Behandlungs- und Betreuungsangebote für suchtabhängige Kollegen an. Ziel der Angebote der Kammern ist es, Medizinern den Ausstieg aus der Sucht möglichst leicht zu machen.

Betreuungsprogramm wird gut angenommen

Seit ein paar Wochen wenden sich zum Beispiel niedergelassene Ärzte und Kliniker verstärkt an die Ärztekammer Baden-Württemberg, um sich bei ihren Suchtproblemen helfen zu lassen.

"Die Bezirksdirektionen melden uns, dass unser neues Betreuungs- und Behandlungsprogramm von den Kollegen angenommen wird", teilte Dr. Oliver Ehrens, Pressesprecher der Landesärztekammer in Stuttgart mit. Zum Teil würden sich die Betroffenen selbst bei der Ärztekammer melden, teilweise riefen aber auch Kollegen an, die auf Kollegen aufmerksam machen wollten. Nur selten erfahre die Ärztekammer durch Angehörige, Patienten, Mitarbeiter oder durch Selbstanzeigen Betroffener von den Schicksalen suchtkranker Kollegen. Die Angst, die Approbation zu verlieren, spiele dabei eine große Rolle.

Etwa sieben Prozent aller Mediziner sind abhängig

Meist erfahren die Ärztekammern auch über Strafsachen von den Suchtproblemen ihrer Kammermitglieder, etwa aufgrund von Trunkenheitsfahrten, gefolgt von Meldungen durch Patienten oder Mitarbeiter. Genaue Zahlen, wie viele Kollegen davon betroffen sind, gibt es nicht. Bei einer Befragung der Bundesärztekammern im Jahr 2004 gaben die Kammern an, zwischen einer und 30 Meldungen pro Jahr zu erhalten. "Schätzungen zufolge leiden sieben Prozent der Mediziner an einer Abhängigkeitserkrankung", so Landesärztekammerpräsidentin Dr. Ulrike Wahl in Stuttgart. Die Gründe dafür lägen meist in der großen Beanspruchung durch den Beruf mit einer oft überdurchschnittlichen Arbeitsbelastung und dem Druck durch die hohe Verantwortung, die der Arztberuf mit sich bringt.

Ziel der Interventionsprogramme ist es, Ärzten zu erleichtern, professionelle Hilfe anzunehmen, so Wahl. Die Ärztekammer unterstützt die Abhängigen bei der unverzüglichen Aufnahme einer qualifizierten Entzugs- und Entwöhnungsbehandlung, berichtet Dr. Christoph von Ascheraden, Vorsitzender des Ausschuss Suchtmedizin der Landesärztekammer Baden-Württemberg.

Die Ärztekammer helfe den Kollegen selbstverständlich auch bei der Klärung einer möglichen Übernahme der Behandlungskosten und bei der Vermittlung einer Praxisvertretung, so von Ascheraden. Ärzte hätten zudem die Möglichkeit, sich in Fachkliniken behandeln zu lassen, die sich auf Suchterkrankungen bei Ärzten und anderen akademischen Berufen spezialisiert haben. Dazu gehören zum Beispiel die Oberbergkliniken.

Die Kliniken - es gibt sie im Schwarzwald, im Weserbergland und in Berlin/Brandenburg - folgen nach eigenen Angaben keinem starren Behandlungsschema, sondern entwickeln für jeden Patienten einen individuellen Plan. Ziel ist, dass die Patienten möglichst schnell wieder in ihren Alltag zurückkehren können. Das Konzept hat der 1998 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommene Facharzt für Neurologie Professor Matthias Gottschaldt entwickelt. Gottschaldt war selbst als Chefarzt an Burn-out erkrankt und wurde Alkoholiker.

Therapieplan umfasst 30 Stunden pro Woche

Nach einer stationären Therapie hatte Gottschaldt seine eigenen Erfahrungen beim Entzug in Therapieempfehlungen umgesetzt. Schwerpunkte des Konzepts sind 50-minütige Einzel- und 100-miniütige Gruppentherapien. Der Therapieplan umfasst insgesamt 30 Stunden pro Woche. Auf den klinikeigenen Intensivstationen werden zudem die somatischen Begleiterkrankungen der Patienten diagnostiziert und behandelt.

Gute Prognosen für therapiewillige Kollegen

Haben sich Ärzte erst einmal zu einem Entzug entschlossen, stehen die Chancen auf ein abstinentes Leben gut. "Die Mehrzahl der eingeleiteten therapeutischen Maßnahmen wird erfolgreich abgeschlossen", so die Meinung von Dr. Wilfried Kunstmann von der Bundesärztekammer und Professor Ingo Flenker, Chefarzt der Medizinischen Klinik und ehemaliger Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, jüngst in einer Veranstaltung.

Sie berichteten auch von Ergebnissen einer Befragung der 17 Landesärztekammern, die der Sucht- und Drogen-Ausschuss der Bundesärztekammer 2004 durchgeführt hat. Etwa 60 bis 70 Prozent der Ärzte seien beispielsweise auch noch sechs Monate nach Abschluss der stationären Therapie weiterhin stabil.



STICHWORT

Hilfen für suchtkranke Ärzte

Nach Meinung von Bernhard Mäulen, Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Villingen-Schwenningen und Leiter des Instituts für Ärztegesundheit, sind etwa 20 000 Ärzte in Deutschland suchtmittelabhängig oder gefährdet. Er rät, Hinweise auf Suchterkrankungen von Kollegen immer ernst zu nehmen, den Vorwürfen nachzugehen und auf Behandlungsmöglichkeiten hinzuweisen. Mäulen plädiert für einen sechs- bis achtwöchigen stationären Aufenthalt und für eine ambulante Nachsorge.

Weitere Infos zum Thema Ärzte und Sucht gibt‘s unter folgenden Adressen: www.oberbergkliniken.de, www.bundesaerztekammer.de, www.aerztegesundheit.de

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