Innere Medizin

Kardiologe: Darf man alles, was man kann?

Immer weniger Menschen sterben nach einem Herzinfarkt. Aber die Zahl derjenigen, die an einer Herzschwäche leiden, steigt stetig. Angesichts wachsender Kosten fragen sich jetzt Experten: Sollten alte Menschen überhaupt noch Eingriffe am Herzen bekommen?

Veröffentlicht: 11.04.2012, 15:06 Uhr

MANNHEIM (dpa). In den vergangenen drei Jahrzehnten ist die Sterblichkeit nach Herzinfarkten Experten zufolge um 70 Prozent zurückgegangen.

Ein Hauptgrund seien schonende, sogenannte interventionelle Behandlungen, sagte Ellen Hoffmann, Präsidentin der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) in Mannheim.

Sie seien deshalb das Schwerpunktthema des Treffens.

Interventionelle - im Gegensatz zum konservativen Vorgehen gezielt eingreifende - Methoden hätten sich in den vergangenen Jahren rasant entwickelt, sagte Hoffmann, Chefärztin am Städtischen Klinikum München.

"Der plötzliche Herztod kann heute mittels moderner Defibrillatoren abgewendet werden und Krankheitsursachen können interventionell mittels Herzkatheter behoben werden", so Hoffmann.

Vorhofflimmern am häufigsten

Zu den bei der Tagung vorgestellten Methoden gehöre die künstliche Narbenerzeugung, um elektronische Impulse zu unterbinden, die Vorhofflimmern auslösten, sagte Eckart Fleck vom Deutschen Herzzentrum Berlin.

Vorhofflimmern ist eine der häufigsten Herz-Rhythmus-Störungen.

Aufgrund der Fortschritte überlebten zwar zunehmend mehr Menschen einen Herzinfarkt, entwickelten aber in der Folge eine Herzschwäche - die Zahl der Herzkranken nehme daher stetig zu.

In den kommenden Jahren müsse man sich auch im Hinblick auf die dramatisch steigenden Kosten fragen, ob man alles, was man machen könne, auch machen dürfe, sagte DGK-Präsident Georg Ertl.

"Es stellt sich die Frage, ob jeder Neunzigjährige noch einen Aortenklappen-Eingriff braucht", sagte Ertl.

Zur 78. Jahrestagung erwartet die DGK bis zum Samstag rund 7500 Teilnehmer aus 25 Ländern in Mannheim.

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Kommentare
Dr. Dirk Einecke

Aufregung völlig umsonst

Journalistisch ist es natürlich wünschenswert, für Aufregung zu sorgen. Aber was liegt hier vor? Eine kurze dpa-Meldung (!) mit provokativer Überschrift, die im Artikel durch gerade mal zwei aus dem Zusammenhang gerissene Sätze des Präsidenten der Kardiologie-Gesellschaft getragen wird. Die Frage, was sich die Gesellschaft bei über 90jährigen noch an Maximalmedizin leisten kann, wird sich zunehmend stellen. Sie wird ausführlicher zu diskutieren sein als in zwei Sätzen.

Dr. med. Dirk Einecke

Uwe Schneider

Vorschlag verfrüht, Rationierung (noch) nicht notwendig

Es mag sein, dass wir auch in Deutschland eines Tages lebenswichtige medizinische Leistungen expliziter und massiver als bisher rationieren müssen. Dann wäre Altersrationierung möglicherweise eine - in den Grenzen des Systems - gerechte Weise mit dem Mangel umzugehen. Nun kann man sich natürlich schon heute Gedanken zur Priorisierung med. Leistungen machen, um für den Fall des Falles auf die Rationierung vorbereitet zu sein. Eine immer noch sehr reiches Gemeinwesen wie das in der BRD sollte es sich aber auch in den kommenden Jahren leisten können, auch 90jährigen bei medizinischer Nützlichkeit eine Bypass-Op zu bezahlen. Bei partiellen Engpässen müsste eben ggf. das Gesundheitsbudget aufgestockt, Kassenbeiträge oder Steuern erhöht werden. Deutschland liegt bei der Abgabenquote keineswegs an der Weltspitze. Eine beliebige Steigerung ist hier im internationalen Wettbewerb, u.a. mit den aufstrebenden asiatischen Ländern, nicht möglich. Ab einer gewissen Abgabenquote bringt eine höhere Quote keinen Zuwachs an Abgaben mehr, da Leistungsträger und Wirtschaft zunehmend abwandern. Apelle an einen Wertpatriotismus und Solidarität sind hier vollkommen berechtigt, werden aber wohl oder übel irgendwann auch nichts mehr helfen. Etwas Luft nach oben ist aber die kommenden Jahre zur Not sicher noch drin.

Iris Rohmann

Überrascht...

Ich bin schon überrascht, wie spärlich die Reaktionen in diesem Forum sind. Wieviele Leser hat dieses Medium?

Freya Matthiessen

„Kardiologe stellt Herz-Op für Alte in Frage“.


Ärztezeitung online vom 11.04.2012:

„In den kommenden Jahren müsse man sich auch im Hinblick auf die dramatisch steigenden Kosten fragen, ob man alles, was man machen könne, auch machen dürfe, sagte DGK-Präsident Georg Ertl“.

Vollkommen richtig, ab und zu erfährt je sogar die Öffentlichkeit von entsprechendem Fehlverhalten, wo Ärzte etwas machen oder unterlassen, was sie nicht machen oder unterlassen dürfen.

„’Es stellt sich die Frage, ob jeder Neunzigjährige noch einen Aortenklappen-Eingriff braucht’, sagte Ertl.“ lt. Ärztezeitung auch noch.-

Ja, da hat er auch Recht, vielleicht sollte man den Patienten fragen (Arzt muss sogar).)Warum fragt Prof. Dr. med.Georg Ertl nicht "den" neunzigjährigen.Patienten, wo „sich“ doch diese Frage stellt? Ganz klar, ist ja überflüssig, weil ein Patient nicht ohne seine Zustimmung operiert werden darf.

Oder will Prof. Ertl. etwa eine ethische Wende in der Medizin unterstützen und wollte eigentlich sagen:

„...ob man alles, was man machen KÖNNE, auch machen WOLLE, da es doch nützlicher sei, die am Patienten eingesparten Gelder, woanders verteilen zu DÜRFEN."?

Irgendwie haben sich im Denken einiger (? vieler?) Ärzte in ihrer Patientenbeziehung Vorstellungen von Leibeigenschaft erhalten.

Wenn man „morgen“ meinen sollte, der Anteil der Mittel für die Behandlung von GKV-Patienten in Deutschland müsse noch knapper gehalten werden - wer ist nach den NEUNZIGJÄHRIGEN MENSCHEN dann „DRAN“?

Und bitte, lieber - ggf. - Aussortierter, verhalte dich immer schön compliant, auch wenn die Behandlung(seinschränkung) dein Leben „kostet“. Vielleicht bedeutet diese ja „nur“ unererträgliches Leiden. Dein Arzt wird dir nicht helfen dürfen, es zu verkürzen - aus ethischen Gründen.

Ob ein „kostenintensiver betagter Patient“ nicht vielleicht vorsichtshalber die Kardiologie Würzburg meiden sollte? Nein – es war doch sicherlich alles nur ein Miesverständnis.

Freya Matthiessen

PS
Die Exzellenz einer Universitätsklinik wird an den veröffentlichten Forschungsergebnissen gemessen, oder? F.M.

Iris Rohmann

Double-Bind

Sehr geehrter Herr Ertl,

Ich habe den Eindruck, dass wir in Deutschland eine Ärzteschaft haben, die glaubt, sie hätte die Hoheit über Leben und Tod. Biomacht nannte Foucault das.

Einerseits wird das Selbstbestimmungsrecht von Patienten abgeschwächt, wenn es zum Beispiel um den Wunsch geht, das Leben dann und so zu beenden, wie ein Kranker es für richtig hält. Da wird der hippokratische Eid dann rauf und runterzitiert.
Patienten werden häufig wie Unwissende behandelt. Da mag es auch naheliegen, darüber nachzudenken, bei wem sich medizinische Eingriffe noch "lohnen". Und wie hierzulande gesellschaftlich über "Alter" nachgedacht wird, verstärkt diese Tendenz wahrscheinlich noch.

Ich weiß nicht, wie alt Sie sind, sicherlich noch nicht neunzig. Ich bin sicher - Sie würden ansonsten eine solche Äußerung nie getan haben.

Iris Rohmann

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