Kaum Gewebeschäden durch Hirnstimulation

Einmal sicher implantiert, gehen von Elektroden zur Hirnstimulation kaum Gefahren aus. Auch jahrelange Stimulation scheint das Gewebe im Zielgebiet nicht zu schädigen.

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Tiefenhirnstimulation bei Parkinson. Hier wird oft der Nucleus subthalamicus gereizt.

Tiefenhirnstimulation bei Parkinson. Hier wird oft der Nucleus subthalamicus gereizt.

© Foto: Medtronic

Beim Einpflanzen von Elektroden zur Hirnstimulation (THS) besteht bekanntlich die Gefahr von Hirnblutungen. Über langfristige Auswirkungen der Elektroden auf das umgebende Hirngewebe und die Reaktionen des Gehirns auf den Fremdkörper ist jedoch wenig bekannt. So seien weltweit etwa erst 50 Gehirne von Patienten mit THS nach deren Tod analysiert worden, hat Dr. Martin Kronenbuerger vom Uniklinikum Aachen berichtet. Der Neurologe präsentierte beim DGN-Kongress in Hamburg jetzt histopathologische Untersuchungen bei zehn Patienten mit THS.

Stichkanäle bei 17 Patienten post mortem ausgewertet

Insgesamt konnte er zusammen mit Mitarbeitern aus Bern bei den Patienten in den Post-Mortem-Analysen 17 Stichkanäle von Elektroden auswerten, bei zwei Stichkanälen waren die Elektroden nach einer Teststimulation nicht permanent implantiert worden. Die Patienten der Studie - überwiegend Parkinsonkranke - wurden bis zu acht Jahre vor ihrem Tod stimuliert.

Die Ärzte fanden bei den meisten Stichkanälen eine leichte Astrogliose in Form einer epithellosen Pseudomembran um die Stichkanäle. Diese war sowohl bei den Stichkanälen ohne permanent implantierte Elektroden als auch bei Patienten mit langjähriger Stimulation in etwa gleich stark ausgeprägt. Kronenbuerger interpretierte dies als unspezifische Reaktion auf die Verletzung durch den Fremdkörper. Bei einem der zehn Patienten wurden jedoch auch sogenannte Fremdkörper-Riesenzellen in unmittelbarer Umgebung der Elektroden gefunden.

Diese deuten auf eine chronische Abwehrreaktion. In einigen Gehirnen wurde zudem eine moderate bis starke Mikroglia-Aktivierung sowie eine Akkumulation von B- und T-Lymphozyten in Elektrodennähe beobachtet. Ob diese durch die THS bedingt war, sei jedoch unklar, da viele der Patienten an einer Sepsis gestorben waren und dadurch möglicherweise auch eine verstärkte Immunreaktion im Gehirn ausgelöst wurde.

Kleine kortikale Infarkte durch Implantation

Bei drei Patienten wurden Reste von Blutungen und kleine kortikale Infarkte an der Eintrittstelle der Elektroden in den Kortex beobachtet. Diese waren postoperativ nicht aufgefallen, da die Elektroden bei der Bildgebung die Läsionsregion bedeckten. Welche klinische Bedeutung diese frontalen Defekte haben, ist noch unklar, so Kronenbuerger. Möglicherweise sind sie eine Erklärung für die Verwirrtheit einiger Patienten kurz nach der Implantation.

Insgesamt, so der Neurologe, komme es bei den meisten Patienten nach geglückter Implantation der Elektroden lediglich zu einer leichten Fremdkörperreaktion. Hinweise, dass die elektrischen Ströme zu Schäden im Zielgebiet führen, ließen sich nicht finden - die beobachteten Veränderungen betrafen die elektrisch aktiven Pole in ähnlicher Weise wie die nicht aktiven Elektrodenbereiche.

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