INTERVIEW

"Kinder mit ADHS fallen heute früher auf - die Nachfrage nach Therapie ist enorm"

Bei Kindern und Jugendlichen gehören heute Aufmerksamkeits- defizit/Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) zu den häufigsten chronischen Krankheiten. Immer mehr Eltern suchen Rat bei Ärzten und Psychotherapeuten. "In der Schule werden heute mehr Konzentration und Ausdauer gefordert, auch Kinder mit leichtem ADHS fallen da auf", sagt Professor Manfred Döpfner von der Universität Köln. Zusammen mit dem Pädiater und ADHS-Experten Dr. Klaus Skrodzki aus Forchheim plädiert er im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" für eine frühe angemessene Therapie.

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Ärzte Zeitung: ADHS wird oft als Modediagnose gesehen. Ist ADHS überhaupt eine Krankheit?

Skrodzki: ADHS ist eine psychische Störung, die die Lebensqualität von Betroffenen tief greifend verringern kann. Und je ausgeprägter die Störung ist, desto größer sind die Probleme. Das ist ähnlich wie bei Bluthochdruck oder Übergewicht.

Ärzte Zeitung: Wird die Entstehung von ADHS durch eine zunehmend hektische Umwelt begünstigt?

Döpfner: Umwelt und psychosoziale Bedingungen sind für die Entstehung von ADHS nicht so wichtig wie für andere psychische Störungen etwa Aggressionen. So tritt ADHS zum Beispiel kaum gehäuft bei Kindern aus unteren sozialen Schichten auf. Von Umweltfaktoren hängt es aber ab, wie stark sich ADHS ausprägt und ob die Kinder Ängste, Depressionen, aggressives Verhalten oder andere komorbide Störungen entwickeln.

Ärzte Zeitung: Was sind denn die Ursachen von ADHS?

Döpfner: ADHS ist wahrscheinlich vor allem genetisch bedingt. Es gibt viele Familien, in denen sich die Störungen über Generationen verfolgen lassen. Aber: Die Körpergröße ist sogar zu 99 Prozent genetisch bestimmt und trotzdem sind die Menschen heute wesentlich größer als vor 300 Jahren. Ungünstige Faktoren in der Schwangerschaft wie Alkohol oder Rauchen, Frühgeburt oder geringes Geburtsgewicht führen offenbar bei empfänglichen Kindern später zu besonders schwerem ADHS.

Ärzte Zeitung: ADHS-Medikamente werden zunehmend verordnet, Hilfsangebote immer öfter nachgefragt. Nimmt ADHS bei Kindern zu?

Döpfner: Nach Schätzungen haben bis zu acht Prozent der Kinder in Deutschland ADHS, etwa zwei Prozent schwer. Die gefühlte Zunahme von ADHS ist erheblich. Ob die Prävalenz aber tatsächlich zunimmt, lässt sich mangels Daten nicht beantworten. Kinder mit ADHS fallen aber heute viel stärker auf als früher, weil sich unsere Gesellschaft stark verändert hat. Betroffene haben große Probleme, sich selbst zu organisieren. Sie erleben aber im Alltag immer weniger Struktur und immer mehr Freiheit und Vielfalt. Früher gab es zum Beispiel keine 20 TV-Kanäle. Da musste man Fernsehschauen nicht dauernd verbieten.

Skrodzki: Hinzu kommt, dass sich die Anforderungen in Schule und Beruf verändert haben. Konzentration, Ruhe und Ausdauer werden zunehmend gefragt, was Kindern mit ADHS sehr schwer fällt. Störende Kinder werden heute sehr schnell aus einer Schule aussortiert. Zum Beispiel kann in Bayern ein Kind schon nach zwei Monaten in der Förderschule landen. Eltern fragen daher schon sehr früh nach Hilfsangeboten.

Ärzte Zeitung: Waren Kinder mit ADHS denn in den 50er Jahren besser in der Schule aufgehoben, wo Lehrer oft einen Stock dabei hatten?

Skrodzki: Die schwächer Betroffenen ja, die stark Betroffenen nicht. Für schwach Betroffene war von außen so viel Druck da, dass sie sich zusammengerissen haben. Die stärker Betroffenen haben Dresche gekriegt.

Döpfner: Heute haben wir in der Schule manchmal das andere Extrem. Da sagt der Lehrer "Würdest Du eventuell so nett sein und vielleicht mal Deinen Platz aufsuchen". Kinder mit ADHS brauchen eine klare Orientierung und unmittelbare positive oder negative Rückmeldungen für ihr Verhalten. Bevor aber heute ein Lehrer eine Strafarbeit aufgibt, muss er sich erst mal rechtlich in einer Konferenz absichern.

Ärzte Zeitung: Wie werden Kinder mit ADHS versorgt?

Döpfner: Kinder mit ADHS brauchen unbedingt eine frühe angemessene Therapie. Die Behandlung hängt vom Alter ab und vom Ausmaß der Störung. Vorschulkinder mit ADHS werden zum Beispiel besonders pädagogisch betreut, etwa in kleinen Kindergarten-Gruppen. Die Eltern werden bei der Erziehung beraten, zum Beispiel wie sie den Tag des Kindes strukturieren können. Verhaltenstherapeutische Elterntrainings können sehr hilfreich sein.

In der Schule ist die Pharmakotherapie wesentlich für die Behandlung. Auf Methylphenidat zum Beispiel sprechen nach den Erfahrungen 70 bis 90 Prozent der Kinder an, bei 50 bis 60 Prozent normalisiert sich das Verhalten, sodass sie von Kindern ohne die Störung nicht mehr zu unterscheiden sind.

Mit Verhaltenstherapie allein lässt sich das nicht ganz erreichen. Hier werden die Normalisierungsraten auf 35 Prozent geschätzt. Eine Kombination aus Medikamenten und Verhaltenstherapie ist tendenziell wirksamer als eine Monotherapie. Oft sind Therapeuten aber nicht verfügbar.

Skrodzki: In meinem Landkreis gibt es zum Beispiel zwei Verhaltenstherapeuten. Die sind mit jeweils 35 Patienten über Jahre hin eingedeckt. Fast alle Eltern möchten bei ihrem Kind zur medikamentösen Behandlung gerne noch irgendeine Begleittherapie machen lassen. Deshalb wird da auch vieles verordnet, von dessen Wirkung wir nicht überzeugt sind, etwa Spieltherapie oder Entspannungsübungen. Das ist eher Wellness. Verhaltenstherapie müssen vor allem Kinder mit Begleiterkrankungen bekommen, etwa bei Angststörungen oder gestörtem Sozialverhalten. Hilfreich sind auch Selbsthilfegruppen und Elterntraining.

Ärzte Zeitung: Methylphenidat wird oft als Kokain für Kinder bezeichnet. Macht die Substanz abhängig? Wie sicher ist die Therapie?

Döpfner: Das irritiert ja immer die Leute. Methylphenidat ist zu verordnen nach dem Betäubungsmittelgesetz und wird von der Bunsdesopiumstelle kontrolliert. Und wenn es schon nicht körperlich abhängig machen soll, dann psychisch. So nach dem Motto: "Kinder lernen früh: nimm eine Pille und das Leben wird leichter." Die Studien belegen jedoch, dass die Therapie mit Methylphenidat nicht abhängig macht. Das Mittel wird seit den 50er Jahren bei Kindern angewandt und ist mit weltweit über 7000 in Studien untersuchten Patienten eines der am besten überprüften Medikamente in der Pädiatrie. Die Verordnung nach dem Betäubungsmittelgesetz sorgt zudem dafür, dass damit sorgfältig umgegangen wird.

Skrodzki: Appetitminderung ist eine der häufigeren unerwünschten Wirkungen von Methylphenidat. Auch bei Tendenz zum Kleinwuchs muss man vorsichtig sein, da es eine zeitweilige Wachstumsverzögerung geben kann. Alle Kinder unter der Therapie sollten einmal im Quartal gewogen, Körpergröße, Blutdruck und Puls gemessen werden. Auch gibt es häufiger Einschlafstörungen, deshalb sollte das Ende der Wirkung nicht in der Einschlafphase liegen. Selten werden bei Jugendlichen eine leichte Steigerung des Blutdrucks registriert oder Tics verstärkt oder ausgelöst.

Ärzte Zeitung: Welche Alternativen zu Methylphenidat gibt es?

Döpfner: Medikamentöse Alternativen zu Methylphenidat sind Amphetamin, da gibt es allerdings kein Präparat, und Atomoxetin. Atomoxetin hat einen sehr langsamen Wirkungseintritt. Es dauert vier bis sechs Wochen, bis die Therapie richtig greift. Deshalb wird die Wirksamkeit oft unterschätzt. Es ist sehr hilfreich, ein zweites Medikament gegen ADHS zu haben. Wir wissen aber noch nicht, für welche Patienten es besonders geeignet ist.

Ärzte Zeitung: Hausärzte sind oft die erste Anlaufstelle von Familien mit verhaltensauffälligen Kindern. Sollten sie Kinder mit ADHS auch untersuchen und behandeln?

Skrodzki: Um ADHS zu diagnostizieren, braucht man viel Zeit und spezielle Kenntnisse. Deshalb wünschen wir uns, dass Hausärzte, wenn sie die Verdachtsdiagnose gestellt haben, die Kinder zu einem Kinder- und Jugendarzt mit Erfahrung in der Behandlung bei ADHS oder zu einem Kinderpsychiater überweisen. Eine wichtige Aufgabe von Hausärzten ist es aber bei älteren Kindern, Jugendlichen oder jungen Erwachsenen, die sonst keine Ansprechpartner mehr haben, die Erhaltungstherapie zu überwachen. Wer sich als Arzt dafür interessiert, sollte sich fortbilden und Patienten zum Beispiel mit einem Facharzt zusammen betreuen.

Infos zu ADHS: www.bv-ah.de und www.zentrales-adhs-netz.de

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