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Zusammenhang

Krebs, dafür kein Alzheimer - und umgekehrt

Wer an Krebs erkrankt, bekommt seltener Alzheimer. Umgekehrt bekommen Alzheimerkranke seltener Krebs, bestätigt eine neue Analyse. Möglicherweise hängen Neurodegeneration und Onkogenese eng zusammen.

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Tumorzelle auf Wanderschaft.

Tumorzelle auf Wanderschaft.

© Juan Gärtner / fotolia.com

MAILAND. Schon lange ist Forschern die inverse Beziehung zwischen Alzheimer und Krebs aufgefallen: In großen prospektiven Untersuchungen wie der Framingham Heart Study erkrankten die Überlebenden eines Krebsleidens um 33 Prozent seltener an Alzheimer als Gleichaltrige ohne Krebs.

Umgekehrt wurden bei Alzheimer-Patienten 61 Prozent weniger maligne Tumoren diagnostiziert als bei geistig gesunden Personen im gleichen Alter.

Allerdings zweifeln Experten immer wieder daran, ob es tatsächlich eine Wechselwirkung zwischen den beiden Krankheitsprozessen gibt.

Möglich ist auch, dass bei Demenzkranken schlicht weniger genau nach Tumoren gesucht wird - schließlich können sie häufig selbst nicht mehr auf die Symptome hinweisen.

Krebsüberlebende wiederum sterben möglicherweise aufgrund von Rezidiven oder anderer Schäden durch das Krebsleiden vorzeitig, sodass ihnen eine Demenz erspart bleibt. Zudem könnte bei ihnen eine Alzheimerdemenz fälschlicherweise als kognitive Nebenwirkung einer Chemotherapie oder Radiatio interpretiert werden.

Analyse im Raum Mailand

Solche Fallstricke bei der Beurteilung wollten nun Neurologen und Epidemiologen um Dr. Massimo Musicco vom Institut für Biotechnik in Mailand bei ihrer Analyse des Zusammenhangs vermeiden.

Sie verglichen die Daten von knapp 21.500 Krebspatienten und über 2800 Alzheimerpatienten im Alter von über 60 Jahren aus der Region Mailand und schauten sich die Inzidenzen der jeweils anderen Erkrankung vor und nach der Diagnose an (Neurology 2013; 81: 322-328).

Sollte also Krebs bei Alzheimerpatienten unterdiagnostiziert sein, dann müsste die Inzidenz erst nach der Alzheimerdiagnose sinken. Ist sie davor schon erniedrigt, lässt sich das nicht mit mangelhafter Diagnose erklären.

Zusätzlich verglichen die Forscher die Inzidenzen von Alzheimer und Krebs mit der der Gesamtbevölkerung in der Region.

Die Krebskranken wurden über ein Krebsregister ermittelt, die Alzheimerkranken über die Verschreibung von Antidementiva, die in Italien bei Alzheimer, aber keiner anderen Demenzform von den Kassen bezahlt werden.

Mangelhafte Diagnose lässt sich ausschließen

Insgesamt fand das Team um Musicco 161 Patienten, die zwischen 2004 und 2009 an Alzheimer und Krebs erkrankt waren.

Eigentlich wären unter den Krebspatienten aber 246 Alzheimerkranke zu erwarten gewesen, und von den Alzheimerkranken hätten 281 an Krebs erkranken müssen, legt man die Inzidenzen für die beiden Krankheiten in den jeweiligen Altersgruppen in der Region Mailand zugrunde.

Die Krebsrate unter den Alzheimerkranken war damit um 43 Prozent erniedrigt, die Alzheimerrate unter Krebskranken um 35 Prozent geringer als erwartet.

Die Alzheimerrate bei den Krebskranken war vor und nach der Krebsdiagnose im selben Maße erniedrigt - es scheint sich demnach um einen realen Effekt zu handeln und nicht nur um ein Diagnoseproblem.

Bei Alzheimerpatienten zeigte sich aber tatsächlich ein Zusammenhang mit der Diagnose, nur anders als erwartet: Vor der Alzheimerdiagnose war die Krebsrate um 58 Prozent erniedrigt, danach nur noch um 20 Prozent.

Würden Tumoren nach der Alzheimerdiagnose vermehrt übersehen, hätte die Reduktion nach der Diagnose stärker als zuvor ausfallen müssen.

Schauten sich die Forscher die einzelnen Altersgruppen genauer an, so wurde die inverse Beziehung zwischen Alzheimer und Krebs erst bei den über 70-Jährigen statistisch signifikant.

Tumorsuppressorgene im Fokus

Ein möglicher Grund für die inverse Beziehung zwischen Alzheimer- und Krebsinzidenz könnten Tumorsuppressorgene wie p53 sein. Dieses Gen hat eine wichtige Wächterfunktion und aktiviert bei DNA-Schäden Reparaturmechanismen oder den kontrollierten Zelltod.

Es ist bei etwa der Hälfte der Tumoren inaktiviert - dadurch können sich Zellen mit beschädigtem Genom weiter vermehren und entarten.

Zugleich ist das p53-Protein offenbar bei vielen neurodegenerativen Erkrankungen überaktiv und treibt Hirnzellen vorzeitig in den Untergang.

Umgekehrt scheint das Protein Pin1- den Amyloidstoffwechsel zu normalisieren und dadurch vor einer Alzheimerdemenz zu schützen, aber gleichzeitig eine ganze Reihe von Tumoren zu begünstigen.

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