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Neurologie

Leitlinien "Crampi / Muskelkrampf" überarbeitet

Muskelkrämpfe ohne vorherige körperliche Belastung treten bei etwa einem Drittel der Bevölkerung auf, so die Autoren der S1-Leitlinien "Crampi / Muskelkrampf". Diese wurden komplett überarbeitet.

Dr. Marlinde LehmannVon Dr. Marlinde Lehmann Veröffentlicht:
Muskelkrampf: Oft sind die Muskeln der Wade betroffen.

Muskelkrampf: Oft sind die Muskeln der Wade betroffen.

© SENTELLO / stock.adobe.com

BERLIN. Vor Kurzem hat die Kommission Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) ihre vollständig überarbeiteten S1-Leitlinien zu Muskelkrämpfen veröffentlicht.

Zusammenfassend weisen die Leitlinien-Autoren gleich eingangs darauf hin, dass sich die Studienlage zur Therapie bei Muskelkrämpfen im Vergleich zur Vorauflage der Leitlinie nicht geändert habe. Das heißt:

» Ausreichend belegt ist die Behandlung mit Chinin.

» Alle anderen Maßnahmen und pharmakologischen Therapien sind nur sehr schwach oder nicht ausreichend belegt.

Das BfArM habe Chininsulfat der Rezeptpflicht unterstellt und die Indikation auf sonst nicht behandelbare, häufige oder sehr schmerzhafte, nächtliche Wadenkrämpfe eingeschränkt.

Besonders nächtliche Muskelkrämpfe seien häufig, erinnern die Leitlinien-Autoren. Die Frequenz nimmt mit dem Alter zu: 33 bis 50 Prozent der Personen im Alter über 65 Jahre haben mindestens einmal pro Woche Muskelkrämpfe. Wichtig ist der DGN bei der Betreuung von Patienten mit Muskelkrämpfen:

» Symptomatische Muskelkrämpfe sind auszuschließen. Diese treten unter anderem ja bei körperlicher Arbeit oder sportlicher Belastung auf, besonders bei Hitze, erinnert die DGN. Auch Schwangerschaft, Erkrankungen des zweiten Motoneurons wie Mono- und Polyneuropathien, endokrine Erkrankungen wie Funktionsstörungen der Schilddrüse, Hypoparathyreoidismus oder Morbus Addison, Leberzirrhose sowie Alkohol oder die Einnahme bestimmter Arzneimittel können zu symptomatischen Muskelkrämpfen führen.

Bei den Arzneimitten listet die Leitlinie Betasympathomimetika, Betarezeptorenblocker mit partiell agonistischer Aktivität, Cholinergika/Azetylcholinesterasehemmer, Kalziumantagonisten, Statine und Clofibrinsäurederivate sowie Diuretika.

Abgrenzungen nötig

Muskelkrampf

» Der gewöhnliche Muskelkrampf wird neurogen in den intramuskulären Anteilen der efferenten Axone ausgelöst.

» Es gibt Hinweise auf eine Beteiligung afferenter (Dehnungsrezeptoren in Sehnen und Muskeln) und spinaler Strukturen.

» Elektromyographisch wird der Muskelkrampf von regelrecht konfigurieren Aktionspotenzialen mit hoher Entladungsfrequenz begleitet.

Quelle: S1-Leitlinie "Crampi / Muskelkrampf"

Als Ursachen schmerzhafter Muskelkontraktionen anderer Genese, die abgegrenzt werden müssen, weisen die Leitlinien-Autoren etwa auf zentrale Störungen der Motorik, auf Störungen des motoneuralen Membranpotenzials – wie es auch bei Hypomagnesiämie der Fall ist – , auf metabolische Myopathien oder auf Durchblutungsstörungen und damit ischämische Muskelschmerzen hin.

» Im akuten Fall soll als erste physiotherapeutische Maßnahme der verkrampfte Muskel gedehnt und/oder die Antagonisten angespannt werden.

» Bei nächtlichen Wadenkrämpfen sollen regelmäßig passive Dehnübungen der Wadenmuskeln durchgeführt werden.

Die DGN rät hier in ihren Leitlinien dazu, mehrmals am Tag im Stand wiederholt den Körper vorzubeugen, wobei die Fersen am Boden bleiben sollten. Stütze man die Arme an einer etwa einen Meter entfernten Wand ab, könne die Übung auch von Älteren gemacht werden. Die Wirksamkeit von Dehnübungen werde unterschiedlich bewertet, so ein Hinweis in den Leitlinien.

» Ein Therapieversuch mit Magnesium sollte aufgrund des günstigen Nebenwirkungsprofils gemacht werden (Mg-[Hydrogen]Aspartat, Mg-Orotat, Mg-Oxid, 1-3 x 5 mmol oral), die Wirksamkeit sei nicht ausreichend belegt.

Chinin sei wirksam, so die Leitlinien-Autoren, sollte wegen der (seltenen) schweren Nebenwirkungen aber erst in zweiter Linie und nur bei schwer ausgeprägten Krämpfen eingesetzt werden. Wirksam seien Chininsulfat oder Hydrochinin 200-400 mg zur Nacht.

» In der Schwangerschaft sei bei Muskelkrämpfen Magnesium möglicherweise wirksam, heißt es in den Leitlinien.

» Für Muskelkrämpfe bei ALS / Motoneuronerkrankung ist laut Leitlinien keine Pharmakotherapie ausreichend belegt.

In Deutschland ist als Chininsulfat-Präparat Limptar® N zur Prophylaxe und Therapie nächtlicher Wadenkrämpfe bei Erwachsenen zugelassen. Die Arznei ist seit dem 1. April 2015 verschreibungspflichtig, sie könne auf Kassenrezept verordnet werden, erinnert das Unternehmen Klosterfrau in einer Mitteilung zur Veröffentlichung der Leitlinie.

Die Diagnose werde nach ICD-10 kodiert (R25.2 Krämpfe und Spasmen der Muskulatur). Zum Schutz vor Regressforderungen sei eine sorgfältige Dokumentation der diagnostischen Schritte, des Therapieversuchs mit Magnesium plus physiotherapeutische Behandlung – entsprechend der DGN-Leitlinien – erforderlich, so der Hersteller.

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