MS - nicht immer liegt's am Immunsystem

JENA. Bei einem Viertel der MS-Patienten sind Autoimmunreaktionen offenbar gar nicht der primäre Grund für die Entmarkung. Dies könnte erklären, weshalb ein Teil der Patienten auf MS-Therapeutika nicht gut anspricht.

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Oligodendrozyt (grün) unterm Mikroskop. Fehlfunktionen solcher Zellen können zu MS führen.

Oligodendrozyt (grün) unterm Mikroskop. Fehlfunktionen solcher Zellen können zu MS führen.

© Foto: MPI für Experimentelle Medizin

Multiple Sklerose verläuft bekanntlich sehr heterogen. Sowohl der klinische Verlauf, als auch die Befunde in der Bildgebung können bei den einzelnen Patienten sehr unterschiedlich sein. Große Differenzen gibt es auch beim Ansprechen auf einzelne Arzneien. Möglicherweise steckt hinter den einzelnen MS-Formen jeweils eine andere Pathogenese. Darauf hat Professor Wolfgang Brück vom Institut für Multiple-Sklerose-Forschung der Uni Göttingen hingewiesen.

Aufgrund der Analyse von Gewebe aus MS-Läsionen lassen sich vier Subtypen der Demyelinisierung histopathologisch gut unterscheiden, sagte Brück beim Neuropädiatrie-Kongress in Jena. Zwei davon sind durch Autoimmunreaktionen bedingt. Sie kommen bei etwa 75 Prozent der MS-Patienten vor. Bei dem übrigen Viertel liegt offenbar eine erhöhte Vulnerabilität der Oligodendrozyten vor und keine primäre Autoimmunreaktion, so Brück bei einem von Merck Serono unterstütztem Symposium. Die Subtypen im Einzelnen:

  • Durch T-Zellen und Makrophagen vermittelter Verlauf: Aktivierte T-Zellen und Makrophagen dringen über die Blut-Hirn-Schranke ins Gehirn ein und starten einen zellulären Angriff auf das Myelin direkt oder schädigen die Markscheide indirekt über toxische Mediatoren.
  • Humoral vermittelter Verlauf: Hier findet man Antikörper gegen Myelin an den Markscheiden. Die Antikörper aktivieren das Komplementsystem der erkrankten Patienten und schädigen durch eine Komplement-vermittelte Lyse Myelin und Oligodendrozyten. Makrophagen bauen schließlich die geschädigten Myelinscheiden ab.
  • Distale Oligodendrogliopathie: Bei dieser Form werden zwei Proteine in der Myelinscheide nicht mehr regulär produziert. So schwindet das Myelin-assoziierte Glykoprotein (MAG), das innen an der Kontaktstelle zum Axon liegt. Gleichzeitig wird vermehrt Myelin-Oligodendrozyten-Glykoprotein (MOG) produziert. Dieses Protein liegt an der Außenseite der Myelinscheide. "Irgendwann scheinen die Oligodendrozyten diesen Fehler zu bemerken und begehen Selbstmord", so Brück. "Der Prozess läuft praktisch ohne Entzündungsreaktion."
  • Primäre Oligodendrozyten-Degeneration: Eine sehr seltene Form, die bisher ausschließlich bei Patienten mit primär progredienter MS beobachtet wurde. Dabei ist auffällig, dass die Oligodendrozyten hier nicht in den Plaques zugrunde gehen, sondern in der normalen weißen Substanz. "Offenbar gehen zuerst die Oligodendrozyten kaputt, und es kommt dann erst sekundär zu einer Entmarkung", so Brück. Der Tod der Oligodendrozyten löst somit erst eine Demyelinisierung und damit die Plaque-Entstehung aus. Weshalb die Oligodendrozyten zugrunde gehen, ist noch unklar.

Da bei einem Viertel der MS-Patienten offenbar keine primäre Autoimmunreaktion besteht, könnte dies erklären, weshalb bestimmte Patienten auf Immunsuppressiva und -modulatoren nicht gut ansprechen. Im Prinzip müsste für jeden der vier Subtypen eine spezifische Therapie entwickelt werden, so Brück.

Unabhängig von der Pathogenese gibt es jedoch auch zahlreiche Gemeinsamkeiten bei den MS-Formen. So kommt es schon bei einem ersten MS-Schub durch die Entmarkung zu einer irreversiblen Durchtrennung von Axonen.

Eine Zerstörung von etwa einem Drittel der Axone im Läsionsbereich kann das Gehirn noch kompensieren. Brück erinnerte daran, dass die massivsten Axonschäden bereits in den ersten Jahren einer MS auftreten. Dies sollte Grund genug sein, mit einer Therapie möglichst früh zu beginnen.

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema
Das könnte Sie auch interessieren
Was die MS-Behandlung auszeichnet

© Suphansa Subruayying | iStock

Lebensqualität

Was die MS-Behandlung auszeichnet

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

© AscentXmedia | iStock

Lebensqualität

Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Kommentare
* Hinweis zu unseren Content-Partnern
Dieser Content Hub enthält Informationen des Unternehmens über eigene Produkte und Leistungen. Die Inhalte werden verantwortlich von den Unternehmen eingestellt und geben deren Meinung über die Eigenschaften der erläuterten Produkte und Services wieder. Für den Inhalt übernehmen die jeweiligen Unternehmen die vollständige Verantwortung.
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Rückgang der generalisierten tonisch-klonischen Anfälle unter Cannabidiol + Clobazam

© Springer Medizin Verlag , modifiziert nach [1]

Real-World-Daten aus Deutschland zum Lennox-Gastaut- und Dravet-Syndrom

Cannabidiol in der klinischen Praxis: vergleichbare Wirksamkeit bei Kindern und Erwachsenen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Jazz Pharmaceuticals Germany GmbH, München
Abb. 1: Daten zur lipidologischen Versorgung von Patientinnen und Patienten mit hohem kardiovaskulärem Risiko aus der VESALIUS-REAL-Studie

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [7]

Kardiovaskuläre Prävention

Frühe Risikoidentifikation und konsequentes Lipidmanagement

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Amgen GmbH, München
Abb. 1: FIB-4 1,3: numerische 26%ige Risikoreduktion der 3-Punkt-MACE durch Semaglutid 2,4mg

© Springer Medizin Verlag GmbH, modifiziert nach [17]

Kardiovaskuläre, renale und hepatische Komorbiditäten

Therapie der Adipositas – mehr als Gewichtsabnahme

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novo Nordisk Pharma GmbH, Mainz
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Kasuistik

Massiv erhöhter CA-19-9-Wert weckt falschen Krebsverdacht

Umbrella-Review

Welcher Sport bei Depression und Angststörung am besten hilft

Lesetipps
Das Zusammenspiel zwischen Vermögensverwalter und Anlegerin oder Anleger läuft am besten, wenn die Schritte der Geldanlage anschaulich erklärt werden.

© M+Isolation+Photo / stock.adobe.com

Geldanlage

Was einen guten Vermögensverwalter ausmacht

Person mit weißer Pille in der rechten Hand und Glas Wasser in der linken Hand

© fizkes - stock.adobe.com

Acetylsalicylsäure in der Onkologie

ASS schützt Senioren langfristig wohl nicht vor Krebs