Multiple Sklerose

MS - nicht immer liegt's am Immunsystem

JENA. Bei einem Viertel der MS-Patienten sind Autoimmunreaktionen offenbar gar nicht der primäre Grund für die Entmarkung. Dies könnte erklären, weshalb ein Teil der Patienten auf MS-Therapeutika nicht gut anspricht.

Von Thomas Müller Veröffentlicht: 27.06.2008, 17:08 Uhr
MS - nicht immer liegt's am Immunsystem

Oligodendrozyt (grün) unterm Mikroskop. Fehlfunktionen solcher Zellen können zu MS führen.

© Foto: MPI für Experimentelle Medizin

Multiple Sklerose verläuft bekanntlich sehr heterogen. Sowohl der klinische Verlauf, als auch die Befunde in der Bildgebung können bei den einzelnen Patienten sehr unterschiedlich sein. Große Differenzen gibt es auch beim Ansprechen auf einzelne Arzneien. Möglicherweise steckt hinter den einzelnen MS-Formen jeweils eine andere Pathogenese. Darauf hat Professor Wolfgang Brück vom Institut für Multiple-Sklerose-Forschung der Uni Göttingen hingewiesen.

Aufgrund der Analyse von Gewebe aus MS-Läsionen lassen sich vier Subtypen der Demyelinisierung histopathologisch gut unterscheiden, sagte Brück beim Neuropädiatrie-Kongress in Jena. Zwei davon sind durch Autoimmunreaktionen bedingt. Sie kommen bei etwa 75 Prozent der MS-Patienten vor. Bei dem übrigen Viertel liegt offenbar eine erhöhte Vulnerabilität der Oligodendrozyten vor und keine primäre Autoimmunreaktion, so Brück bei einem von Merck Serono unterstütztem Symposium. Die Subtypen im Einzelnen:

  • Durch T-Zellen und Makrophagen vermittelter Verlauf: Aktivierte T-Zellen und Makrophagen dringen über die Blut-Hirn-Schranke ins Gehirn ein und starten einen zellulären Angriff auf das Myelin direkt oder schädigen die Markscheide indirekt über toxische Mediatoren.
  • Humoral vermittelter Verlauf: Hier findet man Antikörper gegen Myelin an den Markscheiden. Die Antikörper aktivieren das Komplementsystem der erkrankten Patienten und schädigen durch eine Komplement-vermittelte Lyse Myelin und Oligodendrozyten. Makrophagen bauen schließlich die geschädigten Myelinscheiden ab.
  • Distale Oligodendrogliopathie: Bei dieser Form werden zwei Proteine in der Myelinscheide nicht mehr regulär produziert. So schwindet das Myelin-assoziierte Glykoprotein (MAG), das innen an der Kontaktstelle zum Axon liegt. Gleichzeitig wird vermehrt Myelin-Oligodendrozyten-Glykoprotein (MOG) produziert. Dieses Protein liegt an der Außenseite der Myelinscheide. "Irgendwann scheinen die Oligodendrozyten diesen Fehler zu bemerken und begehen Selbstmord", so Brück. "Der Prozess läuft praktisch ohne Entzündungsreaktion."
  • Primäre Oligodendrozyten-Degeneration: Eine sehr seltene Form, die bisher ausschließlich bei Patienten mit primär progredienter MS beobachtet wurde. Dabei ist auffällig, dass die Oligodendrozyten hier nicht in den Plaques zugrunde gehen, sondern in der normalen weißen Substanz. "Offenbar gehen zuerst die Oligodendrozyten kaputt, und es kommt dann erst sekundär zu einer Entmarkung", so Brück. Der Tod der Oligodendrozyten löst somit erst eine Demyelinisierung und damit die Plaque-Entstehung aus. Weshalb die Oligodendrozyten zugrunde gehen, ist noch unklar.

Da bei einem Viertel der MS-Patienten offenbar keine primäre Autoimmunreaktion besteht, könnte dies erklären, weshalb bestimmte Patienten auf Immunsuppressiva und -modulatoren nicht gut ansprechen. Im Prinzip müsste für jeden der vier Subtypen eine spezifische Therapie entwickelt werden, so Brück.

Unabhängig von der Pathogenese gibt es jedoch auch zahlreiche Gemeinsamkeiten bei den MS-Formen. So kommt es schon bei einem ersten MS-Schub durch die Entmarkung zu einer irreversiblen Durchtrennung von Axonen.

Eine Zerstörung von etwa einem Drittel der Axone im Läsionsbereich kann das Gehirn noch kompensieren. Brück erinnerte daran, dass die massivsten Axonschäden bereits in den ersten Jahren einer MS auftreten. Dies sollte Grund genug sein, mit einer Therapie möglichst früh zu beginnen.

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