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Fast täglich einen Joint

Macht Kiffen dumm?

Wer über viele Jahre hinweg fast täglich eine Tüte qualmt, muss bereits im mittleren Lebensalter mit deutlichen Gedächtnislücken rechnen. Gelegentlich etwas Gras scheint dem Hirn hingegen nicht zu schaden.

Von Thomas Müller Veröffentlicht:

LAUSANNE Die US-amerikanische CARDIA#-Studie ist offenbar gut geeignet, um Klischees wissenschaftlich zu untermauern. Stellten Forscher vor kurzem in einer Auswertung fest, dass junge Erwachsene, die viel vor der Glotze hängen, ein Vierteljahrhundert später nicht mehr die Hellsten sind, so wird jetzt die alte Junkie-Weisheit bestätigt: Kiffen macht auf Dauer dumm.

Allerdings gilt diese Aussage nur mit gewissen Einschränkungen.

Grundsätzlich ist es nicht neu, dass Vielkiffer geistig nicht so auf Zack sind. In der aktuellen Auswertung der CARDIA-Daten geht es aber eher darum, ob der Konsum von Marihuana zu bleibenden Schäden im Gehirn führt, ob also Personen, die irgendwann einmal im Leben viel Pott geraucht haben, Jahre später mit geistigen Defiziten auffallen - selbst dann, wenn sie mittlerweile abstinent geworden sind.

Diese Frage lässt sich anhand von CARDIA mit einem Jein beantworten: Beim verbalen Gedächtnis scheint ein hoher Cannabiskonsum langfristig Spuren zu hinterlassen, andere kognitive Funktionen werden hingegen kaum beeinflusst - zumindest lässt sich der Einfluss nicht klar herausarbeiten.

Defizite bei hoher Dosis

An CARDIA haben über 5000 junge Erwachsene im Alter von 18 bis 30 Jahren teilgenommen. Die Studie begann im Jahr 1985, inzwischen liegen also Daten über mehr als 25 Jahre vor, und die Teilnehmer sind jetzt in einem Alter um die 50 Jahre, in dem sie erste kardiovaskuläre Erkrankungen entwickeln.

Mit der Studie soll vor allem der Einfluss des Lebensstils in jungen Jahren auf solche Erkrankungen untersucht werden. Daraus will man dann bessere Präventionsansätze ableiten.

Bei den alle paar Jahre erfolgenden Befragungen gaben die Teilnehmer auch ihren Cannabiskonsum an. In Fragebögen sollten sie etwa mitteilen, an wie vielen Tagen sie sich im vergangenen Monat einen Joint gegönnt hatten.

Forscher um Dr. Reto Auer von der Universität in Lausanne extrapolierten die Angaben dann auf die anderen Monate und berechneten so die kumulative Cannabisdosis über ein Vierteljahrhundert hinweg.

Eingeteilt wurden die Teilnehmer grob in solche ohne jeglichen Cannabiskonsum - das waren lediglich 16% -, solche mit geringem Konsum (an weniger als 180 Tagen), mit moderatem Gebrauch (0,5-2 Jahre), hohem Konsum (2-5 Jahre) und sehr hohem Konsum (über 5 Jahre). Letztere hatten also in 25 Jahren an mindestens 1800 Tagen gekifft.

Bei der Untersuchung nach 25 Jahren wurden mit drei verschiedenen Verfahren (DSST, Stroop-Test, RAVLT)* Verarbeitungsgeschwindigkeit, Exekutivfunktionen und das verbale Gedächtnis geprüft. Dabei schnitten die Kiffer in allen drei Tests umso schlechter ab, je mehr Tüten sie sich in ihrem bisherigen Leben reingezogen hatten, und zwar auch dann noch, wenn sie mittlerweile auf Cannabis verzichteten.

Ein solcher Dosis-Effekt war allerdings erst bei hohem und sehr hohem Konsum zu beobachten, nicht bei einer kumulativen Dosis von weniger als zwei Jahren. Man kann also nach diesen Daten zwei bis dreimal im Monat kiffen, ohne langfristig kognitive Problem zu bekommen - für manche vielleicht eine gute Nachricht.

Beschleunigter kognitiver Abbau?

Nun haben aber viele Kiffer eine Reihe von Risikofaktoren, die bereits mit einer schlechten kognitiven Leistung einhergehen: Sie treiben weniger Sport, sind öfter depressiv, alkoholkrank, süchtig nach Nikotin und weiteren illegalen Drogen.

Wurden solche Faktoren berücksichtigt, dann schwächte sich der Zusammenhang zwischen Kiffen und schlechter Kognition deutlich ab - er blieb nur noch für das verbale Gedächtnis signifikant, und auch hier war die Effektgröße um zwei Drittel kleiner als ohne solche Adjustierungen.

Wenn Kiffer dumm sind, dann liegt das folglich zum größten Teil an ungünstigen anderen Lebensstilfaktoren und nur zum kleinen Teil am Marihuana. Nichtsdestotrotz lässt sich ein gewisser Effekt auf die Droge zurückführen: Wer es auf eine Zehnjahresdosis bringt - also 3650 Joints in 25 Jahren qualmt -, muss damit rechnen, dass er sich eines von 15 Wörtern weniger beim RAVLT merken kann als absolute Abstinenzler.

Man kann sich gut vorstellen, dass dies den meisten Kiffern egal ist.

Den Umkehrschluss, dass der Cannabis-Dauerkonsum weitgehend harmlos fürs Gehirn ist, sollte man deswegen aber nicht ziehen. In einer neuseeländischen Langzeitstudie über 38 Jahre war bei fast täglichem Konsum ein beschleunigter kognitiver Abbau zu beobachten.

Ein solcher Abbau ließ sich bei gelegentlichen Grasrauchern hingegen nicht nachweisen. Leider haben die Studienautoren um Auer keine Angaben zum kognitiven Verlauf über die 25 CARDIA-Jahre hinweg geliefert.

Daran hätte man erkennen können, ob es auch hier zu einem beschleunigten Abbau bei intensivem Konsum kommt. Interessant wäre zudem, ob ein hoher Konsum als Jugendlicher und junger Erwachsener schädlicher ist als im späteren Leben, wenn die Gehirnentwicklung abgeschlossen ist. Vieles deutet darauf, dass vor allem die Gehirne junger Menschen empfindlich auf Cannabis reagieren. Dazu nehmen die Studienautoren jedoch nicht Stellung.

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