Unfälle in den Bergen

"Manchmal muss man den Patienten vor seinen eigenen Entscheidungen schützen"

Haben Wanderer in den Alpen oft zu wenig Achtung vor den Bergen? Unfälle bei solchen Touren legen nahe: Wenn Ärzte von solchen Planungen erfahren, sollten sie klar zum Ausdruck bringen, ob dies medizinisch verantwortbar ist.

Von von Prof. Stephan Martin Veröffentlicht:
Nicht jeder Wanderer ist einer mehrtägigen Tour wirklich gewachsen.

Nicht jeder Wanderer ist einer mehrtägigen Tour wirklich gewachsen.

© Viktar / stock.adobe.com

Das Wandern in den Alpen gewinnt zunehmend wieder die Popularität, die es in den 60er Jahren hatte. Ganz aktuell ist der europäische Wanderweg E5, der eine Überquerung der Alpen ermöglicht, voll im Trend. Nicht zuletzt durch Reiseberichte im Fernsehen wird eine breite Bevölkerungsgruppe auf diese mehrtägige Bergtour aufmerksam gemacht. Dabei ist alles organisiert, das Gepäck wird transportiert, man kann sich dem Wandern und der Natur voll widmen.

Doch werden durch diese Sendungen auch Personen angesprochen, die aufgrund der körperlichen Fitness besser Wanderungen entlang der Nordsee buchen sollten. Die Leistungsfähigkeit wird aber auch nicht durch die Reiseunternehmen bewertet, für die dieser Wandertourismus steigende Umsätze beschert. Eigene Erfahrungen mit einem renommierten Unternehmen für Alpintourismus haben ergeben, dass bei einem Teil einer 17-köpfigen Wandergruppe die medizinische Akte mit Erkrankungen wie paroxysmaler Schwindel, Hüft- oder Knie TEP, sowie Zustand nach Apoplex oder Spinalkanalstenose gut gefüllt war. Das Bewusstsein, dass der kommerzielle Veranstalter einen schon über die Alpen schaffen werde, da man dafür bezahlt hat, scheint mögliche Bedenken zu verdrängen.

Was passiert, wenn nicht alles gut läuft?

Doch was passiert, wenn nicht alles gut läuft und ein Mitglied der Wandergruppe abstürzt und mit dem Hubschrauber gerettet werden muss? Dieser Fall ist in den Reiseberichten nicht vorgesehen und wird eher in Sendungen wie "Der Bergdoktor" abgehandelt. Bei unserer Wanderung ist dies schon nach wenigen Stunden passiert. Im Zusammenspiel mit der professionell agierenden Bergführerin konnte die Verunglückte sicher ausgeflogen werden.

Jedoch zur Überraschung aller Beteiligten stand die Abgestürzte leicht verwirrt durch eine Gehirnerschütterung und sichtlich gezeichnet mit blutverschmierten Haaren, Druckverband an der Stirn sowie halbseitig zugeschwollenem Gesicht einen Tag später, hoch in den Bergen, vor der Wandergruppe. Was war geschehen?

Das lokale Traumazentrum, in das die Patientin geflogen worden war, hatte im wahrsten Sinne des Wortes eine blutige Entlassung vorgenommen. Der in der Region weilende Ehemann war nicht informiert worden, da die Betroffene es nicht wollte und ohne diese Zustimmung ist dies nach geltendem Datenschutz nicht möglich.

Nach dem Motto "the games must go on" hat das Reiseunternehmen daraufhin dem Wunsch der Abgestürzten entsprochen und diese der gebuchten Reise wieder zugeführt. Nur durch ein eindringliches ärztliches Gespräch konnte sie dann von einer Fortführung der Wanderung abgebracht werden.

Auch wenn alles glimpflich abgelaufen ist, sollte dieses Ereignis Anlass zum Nachdenken sein. Die Hauptverantwortung liegt natürlich in erster Linie bei den Teilnehmern. Jeder sollte sich realistisch fragen, ob er mehrtägigen Wandertouren in alpiner Umgebung wirklich gewachsen ist. Wenn wir als behandelnde Ärzte von solchen Planungen Kenntnis bekommen, sollten wir auch klar zum Ausdruck bringen, ob dies medizinisch verantwortbar ist.

Notärzte riskieren ihr Leben

Jeder sollte sich zudem klar werden, dass bei Rettungseinsätzen Bergrettung und Notärzte ihr Leben riskieren. Die hautnah erlebte Rettungsaktion bei Regen hat meine Achtung der in diesem Bereich tätigen Frauen und Männer extrem steigen lassen. Die Notfallkliniken sollten ihre Abläufe kritisch prüfen, der Datenschutz sollte nicht über den Schutz des Patienten gestellt werden, und manchmal muss man diesen auch vor seinen eigenen Entscheidungen schützen.

Die kommerziellen Veranstalter sollten sich ihrer moralischen Verantwortung bewusst werden. Bei Schulkassen ist ab zwölf Schülern eine zweite Begleitperson erforderlich, Wandergruppen mit 17 Teilnehmern erscheinen in diesem Zusammenhang als deutlich zu groß.

Vielleicht wäre auch eine medizinische Basisuntersuchung sinnvoll, so wie es gelegentlich Veranstalter von Marathonläufen einfordern. Wer auf dem Ergometer keine 125 Watt erreicht, hat in den Alpen auf solchen Touren wenig verloren. Auch die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten sollten ein etwas differenzierteres Bild von den Alpen mit ihren Gefahren nicht nur beim "Der Bergdoktor", sondern auch in Reiseberichten darstellen.

Wer in den Alpen wandern will, muss nicht nur Trittsicherheit, entsprechende Ausrüstung und Fitness mitbringen, sondern auch die Achtung vor den Bergen!

Professor Stephan Martin ist Chefarzt für Diabetologie und Direktor des Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrums (WDGZ) in Düsseldorf.

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