Ohne Befruchtung

Menschliche Embryomodelle im Labor gezüchtet

Forscher haben im Labor blastozysten-ähnliche Zellhaufen als Vorläufer menschlicher Embryonen erzeugt – ohne Befruchtung. Ihre Versuche zur Embryonalentwicklung werfen ethische Fragen auf.

Veröffentlicht:
Die künstlich hergestellten Blastoide ähneln humanen Blastozysten.

Die künstlich hergestellten Blastoide ähneln humanen Blastozysten.

© Tatiana Shepeleva / stock.adobe.com

Neu-Isenburg. Forscher aus den USA und Australien haben erstmals Vorläufer menschlicher Embryonen im Labor ohne Befruchtung erzeugt. Das berichtet das „Science Media Center“ (SMC) in einer Mitteilung. Entstanden sind blastozysten-ähnliche Bälle aus etwa 200 embryonalen Zellen.

Eine ähnliche Blastozyste entwickelt sich auch fünf bis sechs Tage nach natürlicher Befruchtung der Eizelle durch ein Spermium im Körper der Frau. Diese würde sich in die Gebärmutterschleimhaut einnisten und dort zum Embryo heranwachsen.

Die US-Forscher haben sogenannte menschliche „Blastoide“ aus embryonalen Stammzellen in 3D-Zellkultur differenziert und reprogrammiert (Nature 2021; online 17. März).

Die Australier erzeugten ihre Gebilde mit Fibroblasten; sie nennen sie induzierte Blastoide (iBlastoide). Damit wurden auch erste Einnistungs-Experimente in vitro vorgenommen (Nature 2021; online 17. März).

Erforschung der Embryogenese

Es hätten sich in der In-vitro-Entwicklung aber keine morphologischen oder molekularen Hinweise darauf gefunden, dass dabei der in der menschlichen Embryonalentwicklung typische Primitivstreifen auftritt. Die Erfolgsrate der Blastoid-Entwicklungen betrug nur 6 bis 18 Prozent. Um internationale Ethikregeln der Embryonalforschung einzuhalten, wurden alle Experimente 4,5 Tage nach der iBlastoid-Anheftung in vitro beendet.

Die Forscher weisen auf Einschränkungen ihrer Blastoiden-Modelle hin. Dennoch sei nun deren Erzeugung skalierbar und biete einzigartige Modelle, berichtet das SMC. Damit ließen sich die menschliche Embryogenese, frühe Entwicklungsdefekte sowie die Ursachen frühen Schwangerschaftsverlusts erforschen oder es könnten neue Verhütungsmittel entwickelt werden.

Aus ethischer Perspektive stellt sich die Frage, wie solche menschlichen Blastoid-Strukturen ethisch und rechtlich zu bewerten sind und wie lange Forscher menschenähnliche, sich selbst organisierende embryonale Gebilde entwickeln lassen dürfen.

Ein internationaler Konsens und die meisten nationalen Gesetze zur Kultivierung menschlicher Embryonen legen bisher fest, dass durch künstliche Befruchtung gewonnene Embryonen maximal bis zu 14 Tage nach der Befruchtung und/oder bis zur Bildung des Primitivstreifens in vitro kultiviert werden dürfen – je nachdem, was zuerst eintritt.

Vom Embryonenschutzgesetz erfasst?

Die rechtliche Einordnung von Blastoiden oder Embryoiden hängt nun davon ab, inwiefern sie menschlichen Lebewesen mit Entwicklungsfähigkeit ähneln und entsprechend als menschliche Embryonen eingestuft werden sollten. Dann könnte ihnen unter Umständen Menschenwürde und Lebensschutz zuzuweisen sein. Es ist unklar, ob die nun erstmals erzeugten Blastoide vom Embryonenschutzgesetz in Deutschland erfasst wären und erforscht werden dürften.

Der Medizinrechtler Professor Jochen Taupitz von der Uni Mannheim hat keine Bedenken: „Das deutsche Recht verbietet die Erzeugung derartiger zellulärer Artefakte nicht. Insbesondere werden sie nach überwiegender Auffassung nicht vom Embryonenschutzgesetz erfasst. Das ist richtig so, weil sich aus ihnen kein ganzheitlicher Organismus, gar im Sinne eines geborenen Menschen, entwickeln kann“, so Taupitz zum SMC.

Auch der Stammzellforscher Professor Thomas Zwaka von der Icahn School of Medicine in New York hält die aktuellen Experimente für ethisch relativ unbedenklich. Die Verfügbarkeit eines alternativen Modells könne auch den Druck auf Forscher verringern, echte menschliche Embryonen zu verwenden. Die neuen Methoden könnten aber auch benutzt werden, Menschen zu klonieren oder in die Keimbahn einzugreifen. (eb/eis)

Mehr zum Thema

Genomische Prägung

Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstädter-Preis an Epigenetik-Forscher verliehen

Das könnte Sie auch interessieren
Kommission fordert Grippeimpfung auch für gesunde Kinder

© Getty Images

STIKO-Empfehlungen

Kommission fordert Grippeimpfung auch für gesunde Kinder

Anzeige | Viatris-Gruppe Deutschland
Junge Frau spricht mit einer Freundin im Bus

© Getty Images

Update

Impflücken bei Chronikern

Chronisch krank? Grippeimpfung kann Leben retten

Anzeige | Viatris-Gruppe Deutschland
Grippeschutz in der Praxis – Jetzt reinhören!

© Viatris-Gruppe Deutschland

Update

Neue Podcast-Folgen

Grippeschutz in der Praxis – Jetzt reinhören!

Anzeige | Viatris-Gruppe Deutschland
DMykG 2025: So dringt Bifonazol effektiv in die Nagelplatte ein

© Matt LaVigne | iStock

Neue in-vitro-Daten

DMykG 2025: So dringt Bifonazol effektiv in die Nagelplatte ein

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Bifonazol: Antimykotikum mit antientzündlicher Wirkung

© Irina Esau | Getty Images/iStockphoto

Fokus: Integrität der Haut

Bifonazol: Antimykotikum mit antientzündlicher Wirkung

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Die Bedeutung von Bifonazol in der Therapie der Tinea capitis

© Prof. Dr. med. Hans-Jürgen Tietz

Pilzinfektion Kopfhaut

Die Bedeutung von Bifonazol in der Therapie der Tinea capitis

Anzeige | Bayer Vital GmbH
* Hinweis zu unseren Content-Partnern
Dieser Content Hub enthält Informationen des Unternehmens über eigene Produkte und Leistungen. Die Inhalte werden verantwortlich von den Unternehmen eingestellt und geben deren Meinung über die Eigenschaften der erläuterten Produkte und Services wieder. Für den Inhalt übernehmen die jeweiligen Unternehmen die vollständige Verantwortung.
Sonderberichte zum Thema

Chronisch kranke Kinder

Mangelernährung frühzeitig erkennen und konsequent angehen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Danone Deutschland GmbH, Frankfurt/Main

ADHS im Erwachsenenalter

Wechseljahre und ADHS: Einfluss hormoneller Veränderungen auf Symptomatik und Diagnose

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: MEDICE Arzneimittel Pütter GmbH & Co. KG, Iserlohn
Abb. 1: Patienten mit DMD profitierten von einer über 24-wöchigen Vamorolon-Therapie im Vergleich zu einer Therapie mit Prednison in Bezug auf das Längenwachstum

© Springer Medizin Verlag GmbH, modifiziert nach [14]

Duchenne-Muskeldystrophie (DMD)

Erstes dissoziatives Kortikosteroid zugelassen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Santhera (Germany) GmbH, München
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Vergleich der Kreise

Wo sich besonders wenige Senioren gegen Pneumokokken impfen lassen

„Sprechende Medizin“ beim Bayerischen Rundfunk

Hausarzt Schelling klärt im Radio über wichtige Gesundheitsthemen auf

Cochrane Review zu Ginkgo biloba

Ginkgo biloba: Kein Nutzen bei MCI, geringe Effekte auf Demenz

Lesetipps
Menschen im Park machen Qigong-Übungen

© zinkevych / Stock.adobe.com

Nutzen durch randomisierte Studie belegt

Qigong-Übungen senken erhöhten Blutdruck

Tablette, auf der GLP-1 steht

© THIBNH / Generated with AI / Stock.adobe.com

Neuer GLP-1-Rezeptoragonist

Orforglipron: Bekommt Semaglutid jetzt Konkurrenz?