Menschliches Versagen als Unfallursache?

LATHEN (dpa). Nach dem Transrapid-Unglück in Lathen (Emsland) haben Experten gestern mit der Auswertung der sichergestellten Unterlagen und des aufgezeichneten Funkverkehrs begonnen. Nach bisherigen Erkenntnissen hat wahrscheinlich menschliches Versagen in der Leitstelle den Unfall mit 23 Toten und zehn Verletzten ausgelöst.

Veröffentlicht:

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Osnabrück gibt es keine Hinweise auf einen technischen Defekt. Alles deute darauf hin, daß die Mitarbeiter der Leitstelle dem Transrapid am Freitagmorgen freie Fahrt gaben, obwohl ein Werkstattwagen auf der Strecke stand.

Die Magnetschwebebahn war mit 170 Stundenkilometern in den Werkstattwagen gerast und erst nach 400 Metern zum Stillstand gekommen. Weitere Gutachter sollen nun an der Unfallstelle Untersuchungen vornehmen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Unbekannt wegen fahrlässiger Tötung in 23 Fällen. Die beiden unter Schock stehenden Fahrdienstleiter konnte die Staatsanwaltschaft noch nicht befragen.

Vertreter der Industrie räumen erhebliche Sicherheitslücken ein

Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) bestätigte nach einem Krisentreffen mit der Betreibergesellschaft und dem Hersteller-Konsortium in Berlin, daß es bei dem Unglück erhebliche Sicherheitslücken gegeben habe. Dennoch wollen Verkehrspolitiker der schwarz-roten Koalition an den geplanten Transrapid-Projekten in Bayern und China festhalten.

Tiefensee und Bayerns Wirtschaftsminister Erwin Huber (CSU) kündigten ein gemeinsam geplantes und finanziertes Gutachten an, das Erkenntnisse aus der Unglücksfahrt für andere Transrapid-Vorhaben nutzbar machen soll.

Die Vertreter der Industrie hätten erhebliche Sicherheitslücken eingeräumt, so Tiefensee. Nach ihrer Ansicht hätte ein solcher Unfall bei der geplanten Magnetschwebebahn in München nicht passieren können. "Das Sicherheitskonzept für den Transrapid in München ist auf einem anderen technischen Niveau wie bei einer Teststrecke", erläuterte Huber. "Es ist ein integriertes Sicherheitssystem bereits vorgesehen, in dem alle Fahrzeuge eingebunden sind, die sich auf dieser Strecke bewegen."

"Wir müssen bei dem Unglück von menschlichem Versagen und einer Verkettung unglücklicher Umstände ausgehen", sagte der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff (CDU). "Es ist voreilig, die Technologie in Frage zu stellen", sagte er der Zeitung "Hessisch Niedersächsische Allgemeine" von gestern. Der Transrapid sei 25 Jahre lang störungsfrei gelaufen.

Der SPD-Bundestagsabgeordnete und Verkehrsexperte Rainer Fornahl sagte der "Leipziger Volkszeitung" (Montag), es sei "völliger Unsinn zu fordern, nun die Finger vom Transrapid zu lassen". Der Unfall dürfe nicht zur Folge haben, die ausgefeilte Magnetschwebe-Technologie zu den Akten zu legen.

Bei dem Unglück kamen 21 Männer und zwei Frauen ums Leben (die "Ärzte Zeitung" berichtete). Die Todesopfer waren zwischen 40 und 66 Jahren alt. Unter ihnen waren zehn Mitarbeiter des RWE-Regionalcenters Nordhorn sowie zwei US-Bürger. Die US-Amerikaner hatten als Gäste eines Judoclubs aus Lathen an der Fahrt teilgenommen. Sechs Männer und vier Frauen hatten das Unglück verletzt überlebt.

Wiederaufnahme des Betriebs auf der Teststrecke ist fraglich

Ob und wann der Betrieb auf der Teststrecke im Emsland wieder aufgenommen wird, ist offen. Die Staatsanwaltschaft hat die komplette Unfallstelle abgesperrt und beschlagnahmt. Der zertrümmerte Transrapid steht noch immer auf den Stelzen hoch oben über dem Boden.

Schlagworte:
Mehr zum Thema

Herzchirurg mit Installateurfirma

Das Doppelleben des Dr. Jean-Philippe Grimaud: Arzt und Klempner

Wohl mehr Schaden als Nutzen

Kopfverband nach Mittelohr-Operation: Braucht es das wirklich?

Kommentare
* Hinweis zu unseren Content-Partnern
Dieser Content Hub enthält Informationen des Unternehmens über eigene Produkte und Leistungen. Die Inhalte werden verantwortlich von den Unternehmen eingestellt und geben deren Meinung über die Eigenschaften der erläuterten Produkte und Services wieder. Für den Inhalt übernehmen die jeweiligen Unternehmen die vollständige Verantwortung.
Sonderberichte zum Thema
Zielgerichtete Interleukin-23p19-Inhibition

© Oleh / stock.adobe.com

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen

Zielgerichtete Interleukin-23p19-Inhibition

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Lilly Deutschland GmbH, Bad Homburg v.d.H.
Abb. 2: ADA und nAb unter AVT05 und Referenz-Golimumab bis Woche 16

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [3]

Colitis ulcerosa

Das erste Golimumab-Biosimilar erweitert die Therapieoption bei entzündlichen Erkrankungen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Advanz Pharma GmbH, München
Abb. 2: Infusionsschema der REGENCY-Studie

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [3]

Neue Therapieoption bei Lupus-Nephritis verfügbar

Obinutuzumab verbessert Nierenoutcomes bei Lupus-Nephritis

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Roche Pharma AG, Grenzach-Wyhlen
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Palliativregisteranalyse

Menschen mit Krebs: Viel Schmerz am Lebensende

Studie aus Schweden

Dermatozoenwahn – frühes Anzeichen von Demenz?

Lesetipps