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HINTERGRUND

Nicht-invasiver und schmerzfreier Hörtest bei Neugeborenen

Von Helmut Schneider Veröffentlicht:

Alle Neugeborenen am Markus-Krankenhaus in Frankfurt am Main werden jetzt - erstmals für eine Frankfurter Klinik und beispielhaft für die Bundesrepublik - routinemäßig auf Hörstörungen untersucht.

Die Anschaffung des dafür verwendeten tragbaren Hörtest-Gerätes hat eine private Spende ermöglicht. Mit dem Gerät läßt sich die Hörfähigkeit der Babys nicht-invasiv und schmerzfrei über otoakustische Emissionen (OAE), das heißt über sehr leise Schallaussendungen des Innenohrs, rasch messen.

"Wir wollten nicht länger warten. Da es in Deutschland für Neugeborene noch kein generelles Hör-Screening gibt und die Leistungsträger diese Untersuchung nicht in ihrem Leistungspaket haben, sind wir eigene Wege gegangen", unterstrich Privatdozent Dr. Klaus Wernicke. Die Klinik habe damit eine sowohl regionale als auch bundesweite Vorreiterfunktion für eine optimale Vorsorge.

Sprech- und Lernstörungen bei hörgeschädigten Babys

In der Bundesrepublik kommen jährlich etwa 1600, davon allein in Hessen 120, hörgeschädigte Babys auf die Welt, wie der Chefarzt der Frauenklinik im Markus-Krankenhaus bei der Präsentation des Hörtest-Gerätes für Neugeborene in Frankfurt berichtet hat. "Die Folgen für die Entwicklung des Kindes sind fatal, wenn diese Störungen nicht rechtzeitig erkannt werden", so Wernicke.

Als Konsequenzen zu später Diagnostik nannte Privatdozent Dr. Werner Rettwitz Sprech-, Lern-, Lese- und Rechtschreibstörungen. Nach Angaben des Frankfurter Pädiaters haben zum Beispiel gesunde Dreijährige einen Wortschatz von etwa 700 Worten. Gleichaltrige, bei denen eine hochgradige Schwerhörigkeit erst im Alter von zwei Jahren entdeckt wird, beherrschten hingegen nur insgesamt etwa 25 Worte.

Therapie sollte spätestens nach sechs Monaten beginnen

Werde die Hörstörung nach einem halben Jahr entdeckt, umfasse der Wortschatz 280 Worte und wenn die Störung bereits bei Neugeborenen erkannt werde, 400 Worte. "Die Diagnostik sollte im Alter von drei Monaten abgeschlossen sein, die Therapie wie eine Hör-Sprach-Förderung spätestens nach sechs Monaten beginnen", mahnte Rettwitz. Um das zu erreichen, hält der Kinderarzt ein generelles Hör-Screening aller Neugeborenen für erforderlich. Rettwitz sagte: "Davon sind wir in Deutschland allerdings noch weit entfernt. Derzeit werden weniger als zehn Prozent der Säuglinge so getestet."

Im Markus-Krankenhaus sind vor kurzem die Voraussetzungen dafür geschaffen worden, routinemäßig jedes neugeborene Kind auf mögliche Hörschäden zu untersuchen. Die Kosten dafür, zehn bis 17 Euro, übernimmt die Klinik. Das tragbare, etwa 8000 Euro teure Hörtest-Gerät "EchoScreen™ plus", nicht viel größer und schwerer als ein Handy, des Unternehmens Fischer-Zoth aus Germering haben zwei Frankfurter LIONS-Clubs gespendet.

Untersucht werden die Kinder während des Schlafes

Der Apparat basiert auf dem OAE-Prinzip: Dem schlafenden Säugling wird, um Umgebungsgeräusche auszuschließen, in der Regel nachts über eine Sonde ein leiser Ton von etwa 35 Dezibel ins Ohr gegeben, ein in die Sonde integriertes Mikrophon mißt dann die Stärke des im Display angezeigten zurückkommenden Emissionstons. Der Nachweis von OAE schließt eine Hörstörung weitgehend aus. Als Vorteil des automatisierten, nur wenige Minuten dauernden Verfahrens sieht Rettwitz zusätzlich zur nahezu 100prozentigen Trefferquote auch diesen: "Das Kind wacht bei der Untersuchung nicht auf."



STICHWORT

Otoakustische Emissionen

Das Ohr kann nicht nur akustische Reize aufnehmen, sondern darüber hinaus auch Schall erzeugen: Otoakustische Emissionen sind sehr leise Schallaussendungen des Innenohrs. Sie entstehen zum Beispiel nach einer akustischen Stimulation im Bereich der äußeren Haarzellen, die das Hören leiser Geräusche ermöglichen, innerhalb der Cochlea. Über die Gehörknöchelchen und das Trommelfell werden die otoakustischen Emissionen dann wieder in den äußeren Gehörgang abgegeben. (hsr)

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