Wechselwirkungen

Orale Krebstherapie ist nicht so einfach

Die orale Krebstherapie gewinnt immer stärker an Bedeutung. Sie bringt zwar viele Vorteile mit sich, allerdings auch das Risiko von Wechselwirkungen mit anderen Arzneien oder Lebensmitteln.

Von Prof. Dr. Werner Weitschies Veröffentlicht:
Bei Krebspatienten ist die orale Therapie von immer größerer Bedeutung.

Bei Krebspatienten ist die orale Therapie von immer größerer Bedeutung.

© Özgür Donmaz / iStock / Thinkstock

GREIFSWALD. In onkologischen Indikationen gewinnt die orale Therapie in den letzten Jahren stark an Bedeutung.

Der Grund hierfür liegt insbesondere in der Einführung neuer Wirkstoffe wie den Kinaseinhibitoren, die ausschließlich als orale Darreichungsformen verfügbar sind.

Die orale Gabe birgt jedoch immer auch das Potenzial von die Arzneistoffresorption betreffenden Wechselwirkungen mit anderen gleichzeitig eingenommenen Arzneistoffen oder Bestandteilen von Lebensmitteln.

Bedingt durch die häufig sehr schlechte Wasserlöslichkeit und oft auch noch starke Abhängigkeit der Löslichkeit vom pH-Wert, kommt es im Fall der oralen onkologischen Therapeutika häufig auch zu einer, unter Umständen sehr ausgeprägten Beeinflussung des Ausmaßes der Resorption (Bioverfügbarkeit) durch eine gleichzeitige Nahrungsaufnahme (Food-Effekte) sowie die gleichzeitige Therapie mit Arzneistoffen, die den pH-Wert im Gastrointestinaltrakt erhöhen.

Dazu zähleninsbesondere Protonenpumpeninhibitoren (zum Beispiel Omeprazol), H2-Antihistaminika (zum Beispiel Ranitidin) und Antazida (zum Beispiel Magaldrat).

Food-Effekte

Die häufigste Auswirkung der Einnahme von Arzneimitteln mit Nahrung ist die Beeinflussung der Geschwindigkeit und des Ausmaßes der Arzneistoffresorption aus dem Gastrointestinaltrakt (Food-Effekte).

Da viele der modernen onkologischen Wirkstoffe eine sehr geringe Wasserlöslichkeit aufweisen, treten positive Food-Effekte häufig auf.

Diese erreichen bei einigen Präparaten ein sehr ausgeprägtes Ausmaß: von einer Verdopplung der resorbierten Arzneistoffmenge bei Einnahme mit einer hochkalorischen (ca. 1000 kcal) und fettreichen (Fettanteil > 50 Prozent) Mahlzeit (z.B. Bosutinib, Erlotinib, Nilotinib, Pazopanib), über eine Verdreifachung (Lapatinib) oder Vervierfachung (Vemurafenib), bis hin zu einer Verzehnfachung (Abirateron).

Im Fall der oralen onkologischen Präparate sind die Einnahmeempfehlungen bei Vorliegen eines positiven Food-Effektes nicht einheitlich.

Häufig lautet die Einnahmeempfehlung nüchtern, mit der Angabe in den Gebrauchs- und Fachinformationen, dass eine Einnahme unter nüchternen Bedingungen gleichbedeutend mit einer Einnahme mindestens 1 h oder 2 h vor einer Mahlzeit oder 1 h beziehungsweise 2 h nach einer Mahlzeit ist.

Die pharmazeutischen Unternehmen begründen diese von der üblichen Praxis abweichende Einnahmeempfehlung in der Regel mit der Vermeidung von hohen Resorptionsschwankungen aufgrund unterschiedlicher Kaloriengehalte der Nahrung.

In Anbetracht der hohen Therapiekosten moderner oraler Zytostatika wurde mehrfach vorgeschlagen, Präparate mit hohen Food-Effekten zusammen mit Mahlzeiten und nicht nüchtern einnehmen zu lassen, um dadurch die Tagesdosis und die Therapiekosten erheblich senken zu können.

Allerdings ist dieser als "value meal" bezeichnete Einsparungseffekt bei Präparaten mit positiven FoodEffekten sehr fraglich.

Eine ganze Reihe der neuen Kinaseinhibitoren sind Basen, die neben einer sehr geringen Wasserlöslichkeit auch noch eine ausgeprägte Abhängigkeit der Löslichkeit vom pH-Wert zeigen.

Beste Auflösung bei sauren Bedingungen im Magen

Die besten Bedingungen für die Auflösung basischer Wirkstoffe finden sich unter den sauren Bedingungen im Magen.

Die Blockade der Magensäure durch den pH-Wert des Magens erhöhende Arzneimittel wie Protonenpumpeninhibitoren (Omeprazol, Esomeprazol, Lansoprazol, Pantoprazol, Rabeprazol), H2-Antihistaminika (zum Beispiel Ranitidin und Famotidin) und Antazida birgt das Risiko einer verringerten Auflösung und damit auch einer abnehmenden Resorption schwer löslicher basischer Arzneistoffe.

Entsprechend wurde inzwischen bei einer ganzen Reihe oraler Zytostatika beobachtet, dass ihre Bioverfügbarkeit nach Blockade der Magensäuresekretion mit Protonenpumpeninhibitoren zum Teil drastisch abnimmt.

Falls bei Vorliegen dieser Interaktion eine Blockade der Magensäure zwingend erforderlich ist, kann durch den Umstieg von den irreversibel und damit sehr lange anhaltend wirksamen Protonenpumpeninhibitoren auf H2-Antihistaminika und eine um mehrere Stunden zeitversetzte Gabe die Interaktion zumindest reduziert werden.

Die Bedeutung des pH-Werts des Mageninhaltes für die Bioverfügbarkeit einiger oraler Zytostatika birgt auch das Risiko, dass Patienten mit einer ohnehin geringen Magensäureproduktion unerkannt niedrige Resorptionsraten aufweisen könnten.

Dies erscheint insbesondere bei älteren Patienten wahrscheinlich, da mit steigendem Lebensalter häufig eine reduzierte Magensäureproduktion beobachtet wird.

Patienten informieren!

Gerade bei den modernen onkologischen Therapien ist die häufige anzutreffende Einteilung der Arzneimitteleinnahme in morgens / mittags / abends nicht ausreichend.

Bedingt durch zum Teil hoch signifikante Food-Effekte kommt dem Zeitpunkt der Einnahme relativ zu Mahlzeiten eine wesentliche Bedeutung zu. Die Patienten sollten deshalb unbedingt über die Bedeutung des Abstandes zwischen Arzneimitteleinnahme und Nahrungsaufnahme informiert werden.

Nach derzeitigem Wissen ist die sicherste Maßnahme zur Erzielung einer möglichst konstanten Resorption die Einhaltung fester Regeln hinsichtlich der Einnahmezeitpunkte relativ zur Nahrungsaufnahme. Beim Auftreten von Nebenwirkungen sollte auch daran gedacht werden, die Einnahmebedingungen zu hinterfragen.

Dieser Beitrag wurde erstmals publiziert in der Kongresszeitung von Springer Medizin zum 66. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie 2014

Mehr zum Thema

Urologen uneins

Kontroverse um fokale Prostatakrebs-Therapie bleibt

Das könnte Sie auch interessieren
Management tumorassoziierter VTE

© Leo Pharma GmbH

CME-Fortbildung

Management tumorassoziierter VTE

Anzeige | Leo Pharma GmbH
CAT bei „3G“-Tumoren richtig managen

© Leo Pharma GmbH

Empfehlungen

CAT bei „3G“-Tumoren richtig managen

Anzeige | Leo Pharma GmbH
Die Ära der Immunonkologie: bessere Chancen für Krebspatienten

© Bristol-Myers Squibb

Immunonkologie mit dem Schwerpunkt Biomarker

Die Ära der Immunonkologie: bessere Chancen für Krebspatienten

Anzeige | Bristol-Myers Squibb GmbH & Co. KGaA
Prädiktion in der Immunonkologie mit Biomarkern

© Alpha Tauri 3D Graphics / shutterstock

Immunonkologie mit dem Schwerpunkt Biomarker

Prädiktion in der Immunonkologie mit Biomarkern

Anzeige | Bristol-Myers Squibb GmbH & Co. KGaA
OH-Ton – Trifft den Ton in der Onkologie & Hämatologie

© Bristol-Myers Squibb GmbH & Co. KGaA

CAR-T-Zelltherapie

OH-Ton – Trifft den Ton in der Onkologie & Hämatologie

Anzeige | Bristol-Myers Squibb GmbH & Co. KGaA
Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Jetzt anmelden / registrieren »

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

» kostenlos und direkt in Ihr Postfach

Am Morgen: Ihr individueller Themenmix

Zum Feierabend: das tagesaktuelle Telegramm

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
Kleines Kind wird gegen COVID geimpft: Ersten Zwischenergebnissen zufolge löst ComirnatyTextbaustein: war bei 5- bis 11-Jährigen eine robuste neutralisierende Antikörperantwort aus.

© famveldman / stock.adobe.com

Comirnaty® bei Kindern

Erster Corona-Impfstoff für 5- bis 11-Jährige in Sicht

BKV-Chef Gassen erntet viel Widerspruch für seine Forderung nach Aufhebung aller Corona-Schutzmaßnahmen.

© Michael Kappeler / dpa

Ende der Corona-Maßnahmen

Gassens Vorschlag für „Freedom Day“ stößt auf Ablehnung

Prostatakarzinom: Über den Einsatz der fokalen Therapie beim Prostata-Ca herrscht weiter Uneinigkeit. Gebraucht wird letztlich eine differenziertere Risikoabschätzung als bislang.

© SciePro / stock.adobe.com

Urologen uneins

Kontroverse um fokale Prostatakrebs-Therapie bleibt