BVKJ-Kongress

Pädiater sehen keine Überversorgung

Die Kinder- und Jugendärzte seien nicht einfach nur "falsch verteilt", betonte Berufsverbandschef Fischbach zum Abschluss des BVKJ-Herbstkongresses. Es gebe insgesamt zu wenige – und der Nachbesetzungsbedarf wachse.

Von Raimund SchmidRaimund Schmid Veröffentlicht:
Ein Kinderarzt untersucht eine junge Patientin mit Ohrenschmerzen.

Ein Kinderarzt untersucht eine junge Patientin mit Ohrenschmerzen.

© Lisa Eastman / fotolia.com

BAD ORB. Ein Drittel aller niedergelassenen Kinder- und Jugendärzte wird in den nächsten zehn Jahren aus dem Berufsleben ausscheiden. Nicht nur wegen der wieder ansteigenden Geburtenzahl würden aber in Zukunft weit mehr Pädiater benötigt als dies heute der Fall ist.

Damit reagierte der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) zum Abschluss des 44. Herbstkongresses in Bad Orb auf jüngste Äußerungen des GKV-Spitzenverbandsfunktionärs Gernot Kiefer, der die Anzahl der Ärzte in Ballungsräumen reduzieren und stattdessen die Landarztquote erhöhen will.

BVKJ-Präsident Dr. Thomas Fischbach sieht darin ein "äußerst fragwürdiges Konzept", weil damit die pädiatrische Versorgung in den Ballungsräumen stark gefährdet würde.

Fischbach: " Herrn Kiefer ist es wahrscheinlich entgangen, dass es überhaupt keine Überversorgung in Ballungsgebieten gibt." Es reiche "schon an Zynismus heran", die überdurchschnittlichen Fallzahlen gerade in Städten schlichtweg auszublenden.

Heute schon Unterversorgung

Denn eine Vielzahl von Praxen in "angeblich überversorgten Gebieten" sei schon heute gar nicht mehr in der Lage, neue Patienten aufzunehmen. Nicht nur auf dem Land, sondern auch in Mittelstädten und großstadtnahen Regionen bestehe heute eine Unterversorgung mit Kinder- und Jugendärzten. Verantwortlich dafür sind in den Augen des BVKJ auch Kiefer selbst und seine GKV-Kollegen, die "am Bedarf vorbei geplant" haben.

Und in den nächsten Jahren wird noch alles viel schlimmer kommen, prognostizierte Fischbach in Bad Orb. Denn gerade in den Städten nehme die Zahl an Kindern zu, die in sozial problematischen Verhältnissen aufwachsen und vermehrt gesundheitlichen Risiken wie psychische Störungen, Adipositas und Suchtmittelmissbrauch ausgesetzt sind.

Hinzu kommen die neuen Morbiditäten (übermäßiger Medienkonsum, ADHS, psychosozial bedingte Auffälligkeiten), mit denen die Ärzte ebenfalls in den Metropolen häufiger konfrontiert werden. Und schließlich strömten immer mehr Kinder mit Migrationshintergrund in die überfüllten Praxen, denen dort die erforderliche "weit über den reinen medizinischen Versorgungsbedarf hinausgehende sozialpädiatrische Betreuung" vorenthalten werden müsse.

Weniger Patienten versorgt

Dr. Roland Ulmer, stellvertretender Vorsitzender des BVKJ, wies zudem darauf hin, dass immer mehr Kinder- und Jugendärztinnen in Angestelltenverhältnissen oder in Teilzeit arbeiten möchten.

Diese stark veränderte Work-Life-Balance führe dazu, dass pro Tag im Durchschnitt von einem Pädiater weit weniger Patienten versorgt werden können, als dies noch vor 20 Jahren der Fall war.

Da zudem weitere Früherkennungsuntersuchungen und neue Impfungen hinzugekommen sind, forderte Ulmer auf dem Herbstkongress in Bad Orb eine "Zunahme des pädiatrischen Anteils der morbiditätsbedingten Vergütung." Ansonsten drohe die Gefahr, dass die dringend benötigten zusätzlichen Praxissitze von den Vertragsärzten selbst mit einer "Verminderung des eigenen Honorars querfinanzieren" müssten.

Um den Bedarf an Nachwuchsärzten aber in Zukunft überhaupt abdecken zu können, müsse auch die Weiterbildungsförderung in der Pädiatrie – ähnlich wie in der Allgemeinmedizin – viel entschiedener als bisher vorangetrieben werden, fordert BVKJ-Honorarexperte Dr. Reinhard Bartezky.

Die in Aussicht gestellten 1000 Weiterbildungsstellen für die grundversorgenden Fachärzte reichten bei weiten nicht aus, kritisierte er – zumal in Ländern wie Bremen und Berlin die Pädiater gar nicht berücksichtigt würden.

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