Hintergrund

Parkinson durch Lösungsmittel

Ob Elektriker, Mechaniker oder Reinigungskraft: Mit dem Lösungsmittel Trichlorethylen hatten in der Vergangenheit viele Menschen beruflich zu tun. Das kann Konsequenzen haben: Denn das Lösungsmittel erhöht deutlich das Parkinsonrisiko.

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Lackierer, die heutzutage mit Lösungsmitteln arbeiten, müssen sich entsprechend schützen.

Lackierer, die heutzutage mit Lösungsmitteln arbeiten, müssen sich entsprechend schützen.

© Stefan Hasenhündl / fotolia.com

Möglicherweise lässt sich ein Teil der Parkinsonerkrankungen auf eine Exposition mit Lösungsmitteln zurückführen.

So haben US-Forscher aus San Francisco nun in einer Studie Hinweise darauf gefunden, dass Parkinsonkranke vermehrt Kontakt mit dem organischen Lösungsmittel Trichlorethylen hatten.

Das organische Lösungsmittel wurde lange Zeit in Klebstoffen, Farben und Reinigungen verwendet, ebenso als Anästhetikum, zur Hautdesinfektion, als Reiniger in der Druckindustrie und zur Entkoffeinierung von Kaffee.

Als Fettlöser weiter verbreitet

Nachdem man die neurotoxischen und karzinogenen Wirkungen erkannt hatte, wurde die Verbreitung seit den 1970er-Jahren stark eingeschränkt.

Allerdings ist die Substanz noch immer als Fettlöser in der metallverarbeiteten Industrie gefragt, wenngleich sie unter besseren Sicherheitsvorkehrungen als noch vor 40 Jahren verwendet wird.

In einer Studie hat ein multinationales Forscherteam um Dr. Samuel Goldman 99 Zwillingspaare untersucht, von denen ein Zwilling jeweils an Parkinson erkrankt war, der andere jedoch nicht (Ann Neurol 2011, online 14. November).

Störfaktoren ausgeschlossen

Da Zwillinge sowohl einen gemeinsamen genetischen als auch sozioökonomischen Hintergrund haben, lassen sich auf diese Weise viele Störfaktoren ausschließen, die gerade bei Fall-Kontroll-Studien zu falschen Annahmen verleiten.

Die Zwillinge wurden mit einem detaillierten Fragebogen ausführlich über ihren Beruf und ihre Hobbys befragt.

Experten berechneten daraufhin die Exposition mit sechs Lösungsmitteln, die aufgrund von anderen Studien oder Tierexperimenten im Verdacht stehen, Morbus Parkinson zu begünstigen.

Mindestens zwei Prozent der Arbeitszeit

Als Exposition galt, wenn die Befragten bei einer ihrer Tätigkeiten mindestens zwei Prozent der Arbeitszeit oder eine Stunde pro Woche mit dem Lösungsmittel Kontakt hatten.

Zudem versuchten die Experten, die Gesamtexposition über das Arbeitsleben hinweg zu berechnen. Als Ergebnis lässt sich daraus vor allem ein erhöhtes Parkinsonrisiko für Trichlorethylen ableiten.

So gab es neun Zwillingspaare, in denen nur der exponierte Zwilling Parkinson hatte, nicht aber der nicht exponierte. Dem gegenüber standen nur zwei Zwillingspaare, bei denen der Gesunde exponiert war und der Erkrankte nicht.

Ähnliches auch bei Perchlorethylen

Daraus berechneten Goldman und sein Team ein signifikantes, sechsfach erhöhtes Risiko für Parkinson nach einer Trichlorethylen-Exposition.

Einen ähnlichen Unterschied gab es auch für das chemisch verwandte Perchlorethylen, allerdings war dieser Unterschied hier nicht signifikant - die Zahl der Zwillinge, die damit Kontakt hatten, war zu gering.

Wurden jedoch beide Lösungsmittel zusammen betrachtet, so ließ sich für eine berufliche Exposition mit einem der beiden Stoffe ein knapp neunfach erhöhtes Risiko berechnen.

Andere Stoffe ohne erhöhtes Risiko

Dagegen ergab eine Belastung mit Toluol, Xylol, n-Hexan und Tetrachlorkohlenstoff weder allein betrachtet noch in der Summe ein erhöhtes Parkinsonrisiko.

Ein ähnliches Bild zeigte sich, wenn die Dauer der Exposition und damit die Dosis betrachtet wurde: Nur bei Tri- und Perchlorethylen hing das Risiko signifikant mit der Expositionsdauer zusammen, nicht aber bei den anderen vier Lösungsmitteln.

Nach einem begleitenden Kommentar zur Studie ist dies der erste konkrete Hinweis darauf, dass Chlorethylen-Lösungsmittel Parkinson verursachen können.

Nur wenige Teilnehmer

Interessant ist auch die Tatsache, dass die Parkinson-Erkrankung teilweise erst 40 Jahre nach der beruflichen Exposition auftrat.

Ein Manko der Studie ist allerdings die kleine Teilnehmerzahl. Um aussagekräftig zu sein, muss das Ergebnis folglich erst noch in größeren Untersuchungen bestätigt werden.

Etwas mehr Klarheit gibt es immerhin über den Schädigungsmechanismus. In Tiermodellen führte Trichlorethylen zu einer selektiven Zerstörung dopaminerger Nervenzellen in der Substantia nigra, also genau dem Ort, an dem auch bei idiopathischem Parkinson für die Motorik wichtige Zellen zugrunde gehen.

Zudem wurden in den Tierstudien mit Trichlorethylen vermehrt parkinsontypische Ablagerungen von Alpha-Synuclein im Gehirn gefunden - dem Protein, das in den Pathomechanismus bei Parkinson involviert ist.

Die Autoren der Untersuchung vermuten daher, dass Chlorethylen-Lösungsmittel die neurodegenerative Kaskade triggern oder beschleunigen, die letztlich zu Morbus Parkinson führt.

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