HINTERGRUND

Psychologische Barrieren und Depressionen verhindern Therapie-Erfolg bei Diabetikern

Von Uwe Groenewold Veröffentlicht: 13.07.2007, 08:05 Uhr

Der Erfolg einer Diabetestherapie hängt nicht so sehr von den Medikamenten oder dem Einfluss des Arztes ab, als vielmehr von der persönlichen Einstellung des Patienten. Akzeptiert er seine Erkrankung nicht und integriert er die Therapie nicht in sein Leben, kommt es eher zur Progression und zu Spätkomplikationen, sagte Dr. Bernd Kulzer, Psychologe am Diabeteszentrum Bad Mergentheim, beim Kongress der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG). Das sollten Kollegen wissen und versuchen, Patienten zur gesundheitsbewussten Lebensführung zu motivieren.

Häufig sind es psychologische Barrieren, die dem Behandlungsziel "gute Lebensqualität" im Wege stehen. "Viele Patienten haben außer Diabetes andere Probleme mit sich und der Umwelt. Das verhindert vielfach ein erfolgreiches therapeutisches Selbstmanagement", erläuterte Kulzer bei einem Symposium des Unternehmens B. Braun. Die Komorbidität bei Diabetes reiche von Substanzmissbrauch über Zwangsstörungen und Essstörungen bis hin zu Phobien und anderen Angsterkrankungen.

Jeder vierte Diabetiker hat Symptome einer Depression

Größtes Problem sei die unheilvolle Verbindung von Diabetes und Depressionen, so Kulzer. "Nach Studiendaten leidet jeder vierte Diabetiker unter Symptomen einer Depression. Bei jedem achten liegt eine klinisch relevante Depression vor." Angesichts von mehr als fünf Millionen Menschen mit Depressionen und sechs bis acht Millionen mit Diabetes bedeutet das: Mindestens eine Million haben beide Leiden gleichzeitig - mit gravierenden Auswirkungen.

Die trübe Grundstimmung, Antriebs- und Freudlosigkeit erschweren die regelmäßige Blutzuckerkontrolle und Medikamenteneinnahme und führen zu schlechteren Werten. Aufgrund der Folgeschäden haben Diabetiker bekanntlich ein deutlich erhöhtes Risiko früh zu sterben - die Kombination Diabetes und Depression verstärkt diese Tendenz dramatisch.

Kulzer berichtete von einer Studie von Forschern vom National Center for Chronic Disease and Health Promotion in Atlanta. Darin wurden knapp 8 000 Menschen verschiedener Gruppen mit ähnlichem Lebensstil und Gesundheitszustand beobachtet. Nach zehn Jahren war jeder zweite Diabetiker, jedoch nur jeder fünfte Nicht-Diabetiker gestorben. Noch schlechter erging es den chronisch Traurigen: Zhangs Berechnungen zufolge hatten Diabetiker mit Depressionen eine um 54 Prozent höhere Sterberate als Diabetiker ohne Depressionen. Bei den Nicht-Diabetikern war die Sterberate bei den Personen mit und ohne Depressionen beinahe identisch.

Die meisten Diabetiker ahnen jedoch nichts von ihrem Seelenleid. In der Sprechstunde klagen sie über Schlafstörungen, Rückenschmerzen, Antriebslosigkeit oder mangelnden Appetit und wundern sich, wenn ihr Arzt eine Depression feststellt. Dies geschieht jedoch noch viel zu selten: Obwohl die DDG in ihren Leitlinien einen jährlichen Depressions-Check für Diabetiker fordert, wird die krankhafte Schwermut nur bei jedem zweiten Betroffenen erkannt, so Kulzer. Dabei lässt sich oft mit wenigen Fragen zu Schlafqualität, Niedergeschlagenheit, Hoffnungs- und Freudlosigkeit ein Verdacht auf Depression erhärten. Eine Behandlung mit Antidepressiva und Psychotherapie begünstige eine bessere Stoffwechseleinstellung.

Eine weitere psychologische Barriere für eine erfolgreiche Therapie sei die Angst vor der Insulinbehandlung oder die Abneigung dagegen. Im deutschen Teil der DAWN*-Studie äußerten sich die meisten der etwa 500 befragten Patienten besorgt über eine Insulintherapie. Kulzer: "Insulin ist für viele so etwas wie der letzte Schritt. Sie glauben, die Therapie ist für sie zu aufwändig und kompliziert; außerdem würde sie das Spritzen in der Öffentlichkeit diskreditieren." Diese Vorbehalte spielten sich oft nur im Unterbewusstsein ab, geäußert werde dagegen oft eine unbestimmte Angst vor Spritzen.

Drohen mit Insulintherapie bessert die Compliance nicht

Kulzer bezeichnete das Phänomen als "psychologische Insulinresistenz", das von den Ärzten vielfach noch verstärkt werde. Die DAWN-Studie ergab: 78 Prozent der Kollegen drohen mit der Insulintherapie, um die Compliance zu erhöhen. 68 Prozent sagen, dass sie Insulin erst verordnen, wenn es absolut notwendig sei. Kulzer empfahl, möglichst früh nach der Diagnose mit dem Patienten die Vor- und Nachteile einer solchen Therapie zu besprechen. Rückt die Insulintherapie näher, sollte vorab eine intensive spezifizierte Schulung durchgeführt werden. "Läuft die Behandlung dann, sind 95 bis 99 Prozent der Patienten zufrieden und können ihre zuvor geäußerten Vorbehalte nicht mehr nachvollziehen."

*Diabetes, Attitudes, Wishes, Needs



STICHWORT

Drei Fragen bei Verdacht auf Depression

Liegt der Verdacht einer Depression vor, lässt er sich mit drei Fragen prüfen: "Haben Sie sich im vergangenen Monat oft niedergeschlagen oder hoffnungslos gefühlt?", "Hatten Sie im letzten Monat oft wenig Freude bei den Dingen, die Sie tun?" Diese zwei Fragen bejahen fast alle Depressiven. Das Problem: Auch viele Nicht-Depressive sagen ja. Wird jedoch zusätzlich die Frage gestellt "Benötigen Sie deswegen Hilfe?", lassen sich die wirklich Depressiven damit gut herausfiltern, hat eine Studie in 19 Hausarztpraxen ergeben (BMJ 331, 2005, 884). (eb)

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