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INTERVIEW

Reflux-Karzinom-Rate nimmt am schnellsten zu

NEU-ISENBURG. Der 360-Grad-Rundumblick auf die Gastroenterologie macht das zertifizierte Gastro Update auch für Hausärzte und Internisten interessant. An zwei Tagen stellen Experten wichtige neue Daten zu gastroenterologischen Krankheiten vor. Zum Beispiel, dass die Rate des Reflux-Karzinoms rasch zunimmt. Darauf wies der Initiator und wissenschaftliche Leiter des Gastro Updates, Professor Christian Ell aus Wiesbaden, im Gespräch mit Gabriele Wagner von der "Ärzte Zeitung" hin. Eine frühzeitige Endoskopie bei Refluxsymptomen ist daher sinnvoll, auch aus ökonomischer Sicht.

Veröffentlicht:

Ärzte Zeitung: Patienten mit Sodbrennen sind keine Seltenheit in Hausarztpraxen. Wann sollte bei Refluxsymptomen endoskopiert werden? Gibt es neue Erkenntnisse?

Professor Christian Ell: Eine frühzeitige Endoskopie ist sinnvoll zur Krebsfrüherkennung. Das Reflux-Karzinom - ein neuer Begriff für das Adenokarzinom im Ösophagus, verursacht durch chronischen Reflux - ist zwar noch relativ selten. Aber es ist diejenige bösartige Veränderung bei Menschen, deren Rate in den vergangenen 20 Jahren am schnellsten zugenommen hat.

Ärzte Zeitung: Ist das nicht lediglich eine scheinbare Zunahme durch vermehrte Endoskopien?

Ell: Es ist weitgehend sicher, dass es sich um wirkliche Zunahme handelt, eine echte Steigerung der Inzidenz. Neue Daten dazu werden beim Update vorgestellt. Die scheinbare Zunahme durch häufigere Endoskopien spielt eine zusätzliche Rolle. Wichtig dabei ist: Die Patienten werden früher endoskopiert. Dadurch werden die Reflux-Karzinome in deutlich früheren Stadien entdeckt als vor zehn oder 20 Jahren. Und das bessert die Prognose. Übrigens sind frühe Endoskopien auch unter Kosten-Nutzen-Aspekten sinnvoll.

Ärzte Zeitung: Wie kommt es zur Zunahme der Reflux-Karzinome?

Ell: Zum einen spielt die Genetik eine große Rolle. Was Genetik und Reflux-Karzinome betrifft, betreuen wir in Wiesbaden an den Dr.-Horst-Schmidt-Kliniken Familien, in denen zum Beispiel ein Bruder einen Barrett-Ösophagus hat und ein anderer Speiseröhren-Krebs. Oder eine Mutter ist an einem Reflux-Karzinom gestorben und die Tochter hat Barrett-Schleimhaut.

Dazu kommen Umwelt- und Wohlstandsfaktoren wie Übergewicht, aber auch Nikotin und Alkohol. Diese beiden reduzieren den Tonus des unteren Ösophagus-Sphinkters und fördern so den Reflux. Auch die sitzende Tätigkeit gehört zu den Reflux-auslösenden Faktoren: Wenn sich alles staut, weil man gebeugt am Schreibtisch sitzt, wird die Säure nach oben gedrückt.

Ärzte Zeitung: Und welche neuen Erkenntnisse gibt es zu Helicobacter-pylori-Infektionen? Inzwischen wird ja diskutiert, ob wirklich jeder Betroffene eradiziert werden sollte.

Ell: Wenn man die neueste Literatur sichtet, stellt man fest, dass in den vergangenen Jahren eine gewisse Überbewertung des Helicobacter pylori stattgefunden hat, was das Karzinomrisiko betrifft. Neue Untersuchungen zeigen, dass man Patienten mit einer Korpus-dominanten Helicobacter-positiven Gastritis eine klare Empfehlung zur Eradikation geben sollte im Sinne einer Magenkrebs-Prävention. Denn solche Patienten haben ein erhöhtes Risiko.

Ärzte Zeitung: Zu den echten Präventionsmaßnahmen gehören auch die Vorsorge-Koloskopien. Denn dabei können Krebsvorstufen wie Polypen gleich entfernt werden.

Ell: Vorsorge-Koloskopien sind ein wichtiges Thema beim Gastro Update. Daten aus den beiden weltweit größten Studien zu Screening-Koloskopien werden vorgestellt: einmal aus der polnischen Studie mit mehr als 50 000 Teilnehmern. Und zum anderen aus der deutschen Studie mit mehr als 100 000 Untersuchten.



Gastro Update in Wiesbaden und Berlin

Das Gastro Update findet seit 1993 unter der Leitung von Professor Christian Ell von den Dr.-Horst-Schmidt-Kliniken in Wiesbaden statt. Wegen des großen Zuspruchs gibt es das zertifizierte Gastro Update auch 2007 wieder zweimal: Am 9. und 10. März in Wiesbaden und am 16. und 17. März in Berlin. Außer um Diagnostik und Therapie bei Infektionen, Entzündungen und Tumoren im Magen-Darm-Trakt geht es um aktuelle Entwicklungen in der Chirurgie, bei den bildgebenden Verfahren und in der Pathologie.

Infos, Programm und Online-Anmeldung: www.gastro-update.de

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