Diabetes plus KHK

Schwache Hirnleistung

Patienten mit kardiometabolischen Krankheiten haben in Kognitionstests oft das Nachsehen. Wenn KHK, Diabetes und Hypertonie zusammentreffen, ist die Hirnleistung häufig besonders schwach.

Von Thomas Müller Veröffentlicht: 23.12.2016, 16:21 Uhr

GLASGOW. Patienten mit KHK, Diabetes und Hypertonie schneiden bei Kognitionstests in der Regel schlechter ab als Menschen ohne die Krankheiten, auch ist das Demenzrisiko bei ihnen höher. Zwar lässt sich aufgrund der Tests kaum sagen, was Ursache und was Wirkung ist: Haben nicht ganz so intelligente Menschen öfter einen ungesunden Lebensstil, oder begünstigt eben dieser Lebensstil sowohl kardiometabolische Erkrankungen als auch kognitive Defizite?

Viele Forscher vermuten schließlich, dass kardiometabolische Erkrankungen über eine zerebrale Minderperfusion sowohl die Hirnleistung dämpfen als auch das Demenzrisiko steigern. Sollte dies der Fall sein, dann müssten Prävention und Therapien solcher Erkrankungen auch das Demenzrisiko senken. In gewisser Weise wurde genau dies beobachtet: Alte Menschen erkranken heute seltener an einer Demenz als noch vor zehn oder zwanzig Jahren.

Gibt es synergistische Effekte?

Ebenfalls noch unklar ist die Bedeutung synergistischer Effekte: Addieren sich die Risiken von KHK und Diabetes, oder ist es für die Kognition einerlei, ob sich zum Herzinfarkt noch ein Diabetes gesellt? Ersteres spräche für einen direkten Effekt dieser Erkrankungen, Letzteres eher für den beiden Krankheiten gemeinsamen ungesunden Lebensstil als Ursache der kognitiven Defizite.

Wissenschaftler um Dr. Donald Lyall vom Institute of Health and Wellbeing der Universität Glasgow haben sich eine große Datenbank zunutze gemacht, um diese Frage zu klären (European Heart Journal 2016; online 15. November). Die Antwort lautet: sowohl als auch. Es lässt sich ein additiver Effekt kardiometabolischer Krankheiten nachweisen, dieser ist aber relativ gering.

Querschnittsanalyse mit 480.000 Teilnehmern

Das Team hat für seine Querschnittanalyse Angaben zu knapp 480.000 Teilnehmern im Alter von 40 bis 70 Jahren der populationsbezogenen UK-Biobank ausgewertet. Die Probanden unterzogen sich bei der Aufnahme einem ausführlichen Kognitionstest auf logisches Denken, bildhaftes Gedächtnis und Reaktionsgeschwindigkeit.

Personen mit Demenz, Schlaganfall oder schweren neurologischen Erkrankungen wurden nicht berücksichtigt. Im Mittel betrug das Alter 56 Jahre, knapp 22 Prozent hatten Hypertonie, rund 2 Prozent eine KHK (Angina pectoris und/oder Herzinfarkt), ähnlich viele einen Diabetes und eine Hypertonie plus KHK. Knapp 3 Prozent konnten auf alle drei Diagnosen verweisen, am seltensten war die alleinige Kombination von KHK und Diabetes (1120 Personen oder 0,2 Prozent).

Nur moderate Einschränkungen

Ergebnis: Patienten mit kardiometabolischen Erkrankungen schnitten in allen Tests signifikant schlechter ab als Personen ohne die Leiden. Allerdings waren die Unterschiede nicht dramatisch. So gab es in den Tests fürs logische Denken maximal 13 Punkte. Die Kontrollgruppe ohne kardiometabolische Erkrankungen erreichte hier einen Mittelwert von 6,1 Punkten.

Wurden nur Alter und Geschlecht berücksichtigt, lagen Patienten mit alleiniger Hypertonie um 0,4 Punkte zurück, solche mit alleinigem Diabetes um 0,5 Punkte, KHK-Kranke um 0,2 Punkte. Bei Patienten mit allen drei Konditionen betrug die Differenz 0,7 Punkte, bei KHK plus Diabetes sogar 0,8 Punkte. Gesellte sich zum Diabetes noch einer Hypertonie, änderte sich nichts: Auch hier lag die Differenz wie bei einem isolierten Diabetes bei 0,5 Punkten.

Additiver Effekt von kardiometabolischen Erkrankungen

Unterm Strich offenbarte sich also ein gewisser additiver Effekt, allerdings nicht in jedem Fall; zudem war der Effekt geringer als die numerische Summe der Abweichungen. Wurden nun eine Reihe sozioökonomischer Parameter und Lebensstilfaktoren berücksichtigt (Alkohol, Rauchen, BMI, Depressionen, Bildung), schwächte sich der Zusammenhang deutlich ab.

Patienten mit Hypertonie, KHK und zugleich Diabetes schnitten dann nur noch um 0,4 Punkte schlechter ab als die Kontrollgruppe, die Differenz blieb aber statistisch signifikant. Ähnliche Ergebnisse fanden die Forscher bei den Gedächtnistests und der Reaktionsgeschwindigkeit.

Die Forscher sehen in den Resultaten einen eher moderaten additiven Effekt von kardiometabolischen Erkrankungen auf die kognitive Leistung. Sie halten diesen Effekt dennoch für relevant. Lassen sich die Krankheiten vermeiden oder zumindest gut therapeutisch kontrollieren, könnte dies auch einen additiven Nutzen für die Demenzprävention haben.

Mehr zum Thema

DDG-Chefin Bitzer zur Zuckerreduktion

Eine Steuer allein reicht auch nicht

Kooperation | In Kooperation mit: AOK-Bundesverband

AOK-Studie

Frühstückscerealien reinste Zuckerbomben

Kooperation | In Kooperation mit: AOK-Bundesverband
Das könnte Sie auch interessieren
Umstellung auf GLP-1-RA – Welche Rolle spielt der Hausarzt?

Erfahrungen aus der Praxis

Umstellung auf GLP-1-RA – Welche Rolle spielt der Hausarzt?

Anzeige | Lilly Deutschland GmbH
Typ-2-Diabetes: neue G-BA-Nutzenbewertung für GLP-1-RA

Neuer G-BA-Beschluss

Typ-2-Diabetes: neue G-BA-Nutzenbewertung für GLP-1-RA

Anzeige | Lilly Deutschland GmbH
Studienlage im Überblick

GLP-1-RA für Erstverordner

Studienlage im Überblick

Anzeige | Lilly Deutschland GmbH
Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Newsletter bestellen »

Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte, Medizinstudenten, MFA und weitere Personengruppen viele Vorteile.

Die Anmeldung ist mit wenigen Klicks erledigt.

Jetzt anmelden / registrieren »

Top-Meldungen
Die EU geht davon aus, dass im Frühjahr zumindest Impfstoff für Risikogruppen und Gesundheitspersonal zur Verfügung stehen könnte.

EU verbreitet Optimismus

Ist der Corona-Impfstoff bald da?

Pflegekräfte versorgen einen Patienten auf der Intensivstation im Operativen Zentrum II des Universitätsklinikums Essen.

COVID-19-Versorgung

Intensivstationen: Das Personal ist der Flaschenhals

Blutgefäß mit Erythrozyten und Sauerstoff-Molekülen: Bei einem kardiogenen Schock kommt es zu einer Schädigung von Endothelzellen, die die innere Gefäßwand auskleiden. Das daraus resultierende „vascular leakage“, also die erhöhte Durchlässigkeit der Gefäße, führt dazu, dass das Gewebe schlechter mit Sauerstoff versorgt wird. Ein neuer molekularer Antikörper soll jetzt die pathophysiologische Kaskade durchbrechen.

Sterberisiko senken

Neuer Therapie-Ansatz bei kardiogenem Schock