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Multiple Sklerose

Stillen schützt vor neuen Schüben

Frauen mit Multipler Sklerose erleiden nach einer Schwangerschaft häufig neue Schübe. Diese Gefahr lässt sich wohl deutlich senken - wenn sie ihr Kind in den ersten Monaten stillen.

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Eine Mutter, die stillt: Ärzte sollten MS-kranke Mütter bei dem Wunsch zu stillen unterstützen.

Eine Mutter, die stillt: Ärzte sollten MS-kranke Mütter bei dem Wunsch zu stillen unterstützen.

© id-foto.de / fotolia.com

BOCHUM. Schwangerschaftshormone schützen Frauen mit Multipler Sklerose (MS) in einem gewissen Maße vor neuen Schüben, mit der Geburt fällt dieser Schutz aber unvermittelt weg und es kommt häufig zu einer Art Rebound-Effekt: So erleidet etwa ein Viertel in den ersten drei bis vier Monaten nach der Geburt einen neuen MS-Schub.

Schon lange wird vermutet, dass Stillen dieses Risiko senkt, die Studienlage dazu ist bisher aber nicht eindeutig.

Nun haben Neurologen um Dr. Kerstin Hellwig von der Universität in Bochum neue Hinweise gefunden, nach denen es sich für Mütter mit MS durchaus lohnt, wenn sie ihren Nachwuchs über vier bis sechs Monate hinweg ausschließlich mit der Brust ernähren (JAMA Neurol 2015; online 31. August).

Die Ärzte um Hellwig haben sich prospektiv erhobene Daten von 201 Frauen aus dem Deutschen Multiple Sklerose und Kinderwunschregister angeschaut. Die Frauen waren bei der Aufnahme in das Register alle schwanger und wurden unter anderem befragt, wie sie ihre Kinder in den ersten beiden Monaten ernähren wollten.

120 (knapp 60 Prozent) hatten sich fürs Stillen entschieden, 39 (rund 20 Prozent) wollten ihren Kindern auf keinen Fall die Brust geben, und die übrigen bevorzugten eine Mischung aus Brust und Flasche, wobei sie meist den ersten Monat über stillten und dann auf die Flasche wechselten.

Bis auf vier Frauen, die aufgrund von neuen Schüben das Stillen beenden mussten, hielten sich die Mütter nach der Geburt auch an den Plan.

Schubrate ohne Stillen um 70 Prozent erhöht

Wie sich herausstellte, entwickelten 31 Frauen (38 Prozent), die in den ersten beiden Monaten entweder gar nicht oder nur teilweise stillten, innerhalb von sechs Monaten nach der Geburt einen neuen MS-Schub.

Bei den Frauen, die ihre Kinder mindestens zwei Monate lang ausschließlich mit der Brust ernährten, war der Anteil signifikant geringer (29 Frauen, 24 Prozent). Bei Frauen, die nicht durchgehend stillten, war die Schubrate um 80 Prozent höher.

Nun hatten aber die Frauen, die in den ersten zwei Monaten ausschließlich stillten, offenbar generell ein geringeres Schubrisiko: Auch schon vor und in der Schwangerschaft war die Schubrate bei ihnen geringer, und das obwohl sie etwas seltener eine MS-Basistherapie erhalten hatten als die übrigen Frauen (84 versus 96 Prozent).

Wurden solche Faktoren berücksichtigt, ließ sich immer noch eine um 70 Prozent erhöhte Schubrate für diejenigen Frauen berechnen, die nach der Geburt nicht ausschließlich stillten.

Signifikante Unterschiede zwischen partiell und gar nicht stillenden Frauen ließen sich bei der Schubrate nicht aufspüren, entscheidend für einen Schutz scheint also zu sein, dass die Mütter ihrem Nachwuchs in den ersten Monaten ausschließlich die Brust geben.

MS-Aktivität wird verzögert

Allerdings konnten solche Frauen MS-Schübe nicht dauerhaft verhindern. Sobald sie nach meist fünf bis sechs Monaten das Stillen beendeten, kam es auch bei ihnen vermehrt zu Rückfällen.

Ein Jahr nach der Geburt hatte sowohl knapp die Hälfte der stillenden als auch der nicht stillenden Frauen mindestens einen neuen Schub erlitten - in der Regel trotz Wiederaufnahme der Basistherapie. Das Stillen scheint also die Rückkehr der MS-Aktivität lediglich zu verzögern.

Als Grund vermuten die Neurologen um Hellwig hormonelle Veränderungen. Kommt es bei Frauen nach einer Schwangerschaft wieder zum ersten Zyklus, wird eine Reihe proinflammatorischer Zytokine aktiviert, unter anderem TNF.

Der erste Zyklus lässt sich nur durch konsequentes Stillen unterdrücken. Werden nur weniger Mahlzeiten substituiert, kommt es bereits wieder zur Ovulation und Menstruation. Dies, so Hellwig und Mitarbeiter, mag erklären, weshalb nur ausschließliches, nicht aber partielles Stillen vor neuen Schüben schützt.

Ärzte sollten daher junge Mütter bei dem Wunsch zu stillen unterstützen. Sie sollten sie aber auch darauf hinweisen, dass die MS-Aktivität wieder aufflammen kann, sobald sie das Stillen unterbrechen oder ganz beenden, schreiben die Neurologen.

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