Toxin zähmt Giggle-Inkontinenz

KIEL (ner). Bei manchen Kindern führt Lachen unwillkürlich zur kompletten Blasenentleerung im Strahl. Urologen sprechen dann von der Giggle-Inkontinenz (giggle, engl.: kichern), die sich meist von allein gibt. Aber nicht immer! Kieler Kollegen berichten über eine 20-jährige Frau, der sie erst mit Botulinumtoxin helfen konnten.

Veröffentlicht:

Die Patientin gab an, dass sich ihre Blase seit frühester Kindheit beim Lachen komplett und im Schwall entleere, berichten Dr. Björn Wefer und seine Kollegen von der Klinik für Urologie an der Uni Kiel (Urologe 46, 2007, 773). Das passierte etwa fünfmal pro Woche, manchmal aber auch mehrmals täglich. Ansonsten bestand weder eine Belastungs- oder Dranginkontinenz, noch berichtete die Frau über Harnwegsinfekte. Die Mutter der Kieler Patientin hatte in der Kindheit ähnliche Beschwerden gehabt wie jetzt ihre Tochter; bei ihr hatten sich die Beschwerden aber im Alter von 14 Jahren spontan gegeben.

Die Urologen stellten eine Detrusorüberaktivität fest

In der urodynamischen Untersuchung stellten die Urologen eine Detrusorüberaktivität ohne Urinverlust fest. Bereits bei einer Blasenfüllung mit 120 ml hatte die Patientin starken Harndrang. Die Zystoskopie war unauffällig.

Der anfängliche Therapie-Erfolg mit dem Anticholinergikum Oxybutynin ließ nach einigen Monaten deutlich nach, auch die Dosissteigerung sowie später der Wechsel auf ein Retardpräparat (Tolterodin) brachte nichts. Erst die Injektion von 300 IU Botulinumtoxin A (Botox®) ließ die Beschwerden komplett verschwinden. Bei dieser Therapie wird das Toxin an vielen verschiedenen Stellen des Muskels injiziert. Vier Wochen nach der Injektionstherapie verlor die Frau selbst bei stärkstem Lachen keinen Urin mehr.

Wegen der unklaren Ätiologie der Giggle-Inkontinenz könne man nicht eindeutig eine Behandlung empfehlen, so Wefer und seine Kollegen. Positive Resultate werden von der Verhaltenstherapie, von der Behandlung mit Methylphenidat, Imipramin, Alphamimetika oder Anticholinergika berichtet.

Die Wirkung des Toxins hält bis zu einem Jahr an

Die Injektion von Botulinumtoxin A in den Detrusor bei urologischen Indikationen ist derzeit nicht zugelassen. Allerdings liegen seit Jahren Studien vor, in denen die Wirksamkeit und Sicherheit der Behandlung vor allem bei neurogen bedingten Blasenentleerungsstörungen belegt worden ist. Der Detrusordruck sinkt bei diesen Patienten und die maximale Blasenkapazität wird deutlich angehoben. Eine ausreichende Wirkung ist für Zeiträume bis zu einem Jahr nachgewiesen.



STICHWORT

Giggle-Inkontinenz

Bislang ist unklar, welche Pathomechanismen der Giggle-Inkontinenz zugrunde liegen. Einerseits soll Lachen die Harnröhre relaxieren, andererseits den Miktionsreflex triggern. Die hemmenden zentralen Reflexe werden bei Inkontinenz-Patienten offenbar überlagert. Vermutet wird auch ein Ungleichgewicht zwischen cholinergem und dopaminergem System, so die Deutsche Gesellschaft für Urologie. Bei 13 Prozent der Patienten soll die Giggle-Inkontinenz familiär gehäuft auftreten. (ner)

Schlagworte:
Mehr zum Thema

Informationskampagne

KBV: Praxen sollten Eltern an HPV-Impfung erinnern!

Kommentare
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Das war der Tag: Der tägliche Nachrichtenüberblick mit den neuesten Infos aus Gesundheitspolitik, Medizin, Beruf und Praxis-/Klinikalltag.

Eil-Meldungen: Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Erstmal ohne Kioske, PVZ, Studienplätze

Lauterbach speckt geplantes Versorgungsgesetz massiv ab

Was wird aus den NVL?

ÄZQ wird aufgelöst – Verträge gekündigt

Lesetipps