HINTERGRUND

Verloren in Computerspielen - Jungs mit ADHS haben ein erhöhtes Risiko für eine Mediensucht

Von Sabine Stürmer Veröffentlicht:
In virtuellen Welten testen Jugendliche Grenzen aus und spielen mit Extremen.

In virtuellen Welten testen Jugendliche Grenzen aus und spielen mit Extremen.

© Foto: Sebastian Willnow/ddp

Fernseher, Computer, Spielkonsolen, Gameboy, Handy und Internet: Die Zahl der Medien in Kinder- und Jugendzimmern nimmt ständig zu. Wer aber täglich viele Stunden in virtuellen Welten verbringt, hat ein hohes Risiko, eine Mediensucht zu entwickeln. Besonders Jugendliche mit Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) oder anderen psychischen Störungen sind gefährdet.

"Elektronische Medien sind für Kinder und Jugendliche besonders reizvoll, weil sie ständig verfügbar sind und schnell zum Erfolg und damit zur Belohnung führen," sagte Dr. Oliver Bilke bei einem Presse-Gespräch des Unternehmens Janssen-Cilag in Hamburg. Misserfolge könnten hingegen schnell weggeklickt werden.

Online-Aktivitäten kommen impulsivem Verhalten entgegen

Gerade Jugendliche mit ADHS haben ein erhöhtes Risiko für Mediensucht, da Online-Aktivitäten wie Spiele oder Chats ihrem schnellen Aufmerksamkeitswechsel und impulsivem Verhalten entgegenkommen. Menschen mit ADHS sind prinzipiell für Reize sehr empfänglich, sagte der Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Vivantes Humboldt-Klinikum in Berlin.

In der Klinik werden mediensüchtige Jugendliche stationär über mehrere Wochen behandelt. Meist seien es 14- bis 15-jährige Jungen, die häufig an ADHS, Depressionen und/oder schizoiden Störungen leiden. Meist sind sie vor der Behandlung 10 bis 15 Stunden am Tag ihrer Medien-Spielsucht nachgegangen, sagte Bilke. Er betont, dass es für eine erfolgreiche Therapie gegen die Mediensucht wichtig ist, Grunderkrankungen wie ADHS zu erkennen und Betroffene wirksam dagegen zu behandeln.

Heranwachsende Jungen haben ein höheres Risiko für eine Mediensucht als Mädchen. Jungen suchen eher Risiken und Sensationen, testen Grenzen und spielen mit Extremen. Das Internet bietet außerdem eine Form von Kommunikation, die Jungen besonders anzieht. Es fördert die Bereitschaft, persönliche Geheimnisse zu enthüllen. Bewertungsängste werden reduziert. "Denn ein Jugendlicher tritt ja häufig nicht als der auf, der er wirklich ist," sagte Bilke. Und ob ein Jugendlicher im Chatraum gut ankommt, hängt nicht von seinem Aussehen ab. "Jungen in der Pubertät empfinden sich nämlich selten als attraktiv", so Bilke.

Jugendliche kompensieren ihre Probleme mit Computerspielen

Gerade Kinder und Jugendliche mit ADHS sind besonders gefährdet, ihre Schwierigkeiten mit dem Computer zu kompensieren. Denn ADHS bedingt Leistungs- und Entwicklungsstörungen und Betroffene werden häufig gemobbt, abgelehnt und isoliert. Gefährdete Jugendliche flüchten sich dabei immer stärker in virtuelle Welten und bekommen in der realen Welt immer größere Schwierigkeiten. Geschützt werden können Gefährdete, indem ihr Selbstvertrauen gestärkt und sie sozial unterstützt werden. Betroffenen mit ADHS können zudem Medikamente helfen. Bedenklich sei, dass die Schutzfaktoren wie "Selbstvertrauen" und "soziale Unterstützung" bei der Sucht selbst erfahren werden. Bilke: "Der Jugendliche erlebt ständig, dass er wer ist und dass er etwas kann - aber leider nur in der Online-Welt".

Unkontrollierter Zugang zu Medien ist immer ein Risiko

Bilke bedauerte, dass das Thema Mediensucht bei Jugendlichen bisher kaum erforscht werde. Durch die sogenannten "Triple-A-Faktoren" ständige Verfügbarkeit (Accessibility), Erschwinglichkeit (Affordability) und Anonymität werden Süchte begünstigt. Das Internet erfülle "leider in idealer Weise diese Faktoren. Der Zugang ist billig, es steht immer zur Verfügung und keiner weiß, wann immer ein Jugendlicher online ist", sagte Bilke. Es sollte daher geklärt werden, welche labilen oder psychisch kranken Jugendlichen besonders anfällig für Mediensucht sind. Unkontrollierter Zugang zu elektronischen Massenmedien gefährde möglicherweise sogar grundsätzlich alle Kinder und Jugendlichen.

Tipps für Eltern zum Medienkonsum

Die Initiative des Bundesministeriums für Familie "Schau hin! - Was deine Kinder machen" rät:

Fernsehen:

  • kein TV im Kinderzimmer,
  • nur altersgerechte Sendungen!
  • kleine Kinder nur in Begleitung fernsehen lassen,
  • 4- 5-Jährige maximal 30 Minuten täglich TV-Konsum, 6-9-Jährige maximal 5 Stunden wöchentlich.

Computerspiele:

  • Alterskennzeichen beachten!
  • Spieldauer begrenzen: 4-6-Jährige 20-30 Minuten täglich in Begleitung der Eltern, 7-10-Jährige 45 Minuten, 11-13-Jährige 60 Minuten täglich.

Internet:

  • frühestens mit 5 Jahren und zunächst nur zusammen mit Eltern,
  • Surfzeiten vereinbaren: 5-7-Jährige 20 Minuten täglich maximal, 7-10-Jährige 45 min täglich,
  • jugendgefährdende Inhalte mit Filter-Software abschirmen,
  • Regeln aufstellen wie: "Keine persönlichen Angaben und Fotos versenden" und "Bei unangenehmen Erfahrungen sofort den Eltern Bescheid geben."

Handy:

  • Eigenes Handy frühestens mit 9 Jahren. Jüngere Kinder sollten nur ein Notfall-Handy haben, mit dem nur festgelegte Nummern angerufen werden können.
  • Prepaid-Karte verwenden, damit Kind Kosten überschauen kann.
  • Kindern einschärfen, nie auf Anrufe oder SMS von unbekannten Nummern zu reagieren. (stü)

Infos zur Initiative des Ministeriums unter http://schau-hin.info

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