Direkt zum Inhaltsbereich

HINTERGRUND

Wenn Hypertoniker Probleme mit der Potenz haben, liegt es meist nicht an ihren Tabletten

Philipp Grätzel von GrätzVon Philipp Grätzel von Grätz Veröffentlicht:

"Die Gespräche über Potenzprobleme mit Bluthochdruckpatienten laufen in Arztpraxen oft sehr ähnlich ab", sagt Professor Xavier Girerd, Internist mit eigener Praxis in Paris. Die meist männlichen Patienten kommen ins Sprechzimmer und sagen: "Herr Doktor, das Medikament ist gut für meinen Blutdruck aber schlecht für den Sex." Der Arzt blickt in die Akte, schüttelt den Kopf und sagt: "Verstehe ich nicht. Sie nehmen doch gar keinen Betablocker", so der Arzt beim Europäischen Bluthochdruckkongreß in Paris.

Girerd ist nicht nur Bluthochdruckprofi mit Spezialwissen auf dem Gebiet der erektilen Dysfunktion sondern auch Franzose. Im Grenzgebiet zwischen Innerer Medizin und Lebenslust kennt er sich aus, und damit kokettiert er auch.

Am interessantesten findet Girerd in diesem Zusammenhang die TOMHS (Treatment of Mild HypertensionStudy)-Studie, in der Hochdruckpatienten eine Monotherapie mit Betablocker, Calciumantagonist, Diuretikum, ACE-Hemmer oder Placebo erhalten hatten. "Jeder sechste Mann gab in dieser Studie bereits vor Therapiebeginn an, unter einer sexuellen Funktionsstörung zu leiden", so Girerd. Während der Behandlung hatte dann ein Viertel bis ein Fünftel der Männer über eine Verschlechterung ihrer nächtlichen Performance geklagt, und zwar bei allen Studienmedikationen einschließlich dem Placebo.

Andere Studien haben das im Prinzip bestätigt, mit einer Ausnahme. Girerd: "In Metaanalysen gibt es Hinweise bei einer einzigen Substanzklasse, daß bei der Anwendung die Häufigkeit einer erektilen Dysfunktion bei Männern zwar leicht, aber signifikant zunimmt, und das sind nicht Betablocker, sondern Diuretika".

Betablocker sind bei der Potenz besser als ihr Ruf

Nur sexuelle Phantasien und das Bedürfnis nach Sex könnten eventuell durch eine Therapie mit einem Betablocker etwas verringert werden, wie eine kürzlich veröffentlichte Untersuchung am Beispiel von Atenolol zu belegen versuchte. Eine Behandlung mit dem Angiotensin-II-Rezeptorantagonisten Valsartan beflügele die sexuellen Phantasien sogar.

Keinen Zweifel hat Girerd daran, daß ein erheblicher Prozentsatz seiner Hypertoniepatienten tatsächlich mit sexuellen Funktionsstörungen zu kämpfen hat. Doch sieht er das Problem nicht so sehr in der Behandlung, sondern eher in den mit der Hypertonie einhergehenden Blutgefäßschäden, besonders in einer Funktionsstörung des Blutgefäßendothels, das bei vielen kardiovaskulären Erkrankungen zu wenig Stoffe produziert, die die Blutgefäße erweitern, besonders Stickstoffmonoxid (NO).

Da Schwellkörper als blutgefäßreiche Organe für Erektionen auf den Bluteinstrom in sich erweiternde Gefäße angewiesen sind, erscheint diese Erklärung plausibel. Sie wird gestützt durch den Wirkmechanismus der Phosphodiesterase 5-Hemmstoffe (PDE5), die ähnlich wie NO jene Stoffwechselwege in den Zellen begünstigen, die zur Vasodilatation führen.

Potenzprobleme sollten vor der Therapie erkannt werden

Welche Konsequenzen ergeben sich aus diesen Beobachtungen für die Praxis der Therapie? "Vor allem müssen wir die Patienten mit erektiler Dysfunktion identifizieren, bevor wir eine Bluthochdrucktherapie beginnen", sagt Girerd. Es ist dann leichter, die erektile Dysfunktion als Teil des Krankheitsgeschehens verständlich zu machen und den Reflex der Patienten, alles auf die Behandlung zu schieben, zumindest abzuschwächen.

Bestehe ein Patient dennoch darauf, die Medikation habe seine Probleme verstärkt oder ausgelöst, dann versucht Girerd es mit einem Wechsel der Therapie und vermeidet, wenn medizinisch möglich, die Diuretika. Lediglich wenn die fehlende Lust auf Sex das Problem ist, geht er an die Betablocker-Therapie.

"Die Chancen, daß das alles nichts hilft, stehen allerdings gut", gibt der zu. Bei ihm kommen deswegen sehr schnell PDE5-Hemmstoffe zum Einsatz, die er jedem Patienten empfiehlt, bei dem ein Therapiewechsel das Problem nicht löst. Nur die Einnahme von organischen Nitraten ist eine Kontraindikation für die Therapie mit einem solchen Potenzmittel, erinnert der Hypertonie- und ED-Spezialist.

Weil die Wirkungsdauer der verschiedenen PDE5-Blocker, die auf dem Markt sind, unterschiedlich ist, lasse sich die Behandlung auf die individuellen Bedürfnisse maßschneidern. "Will ein Patient zum Beispiel ein Wochenende in Paris verbringen, dann empfehle ich die Einnahme eines längerwirksamen Präparates am Freitag".



FAZIT

Ein erheblicher Teil der Hypertoniker hat Potenzprobleme. Daten aus Studien, die zweifelsfrei belegen, daß die Antihypertensiva zu sexuellen Funktionsstörungen führen, gibt es kaum. Diuretika schneiden in Metaanalysen etwas schlechter ab als Placebo. Eine Betablocker-Therapie kann eventuell das Bedürfnis nach Sex reduzieren, nicht so sehr jedoch die sexuelle Performance. Wichtig ist es, Hypertoniker mit Potenzproblemen vor der Therapie zu erkennen. Therapiewechsel bringen oft nichts. Eine Therapie mit einem PDE5-Hemmer sollte frühzeitig erwogen werden.

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Anpfiff fürs Herzrasen

Gefährlich emotional: Wenn Fußball aufs Herz geht

Damit die Behandlung anschlägt

Intensivierung bei therapieresistenter Hypertonie: Wie vorgehen?

Das könnte Sie auch interessieren
Glasglobus und Stethoskop, eingebettet in grünes Laub, als Symbol für Umweltgesundheit und ökologisch-medizinisches Bewusstsein

© AspctStyle / Generiert mit KI / stock.adobe.com

Klimawandel und Gesundheitswesen

Klimaschutz und Gesundheit: Herausforderungen und Lösungen

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Ein MRT verbraucht viel Energie, auch die Datenspeicherung ist energieintensiv.

© Marijan Murat / dpa / picture alliance

Klimawandel und Gesundheitswesen

Forderungen nach Verhaltensänderungen und Verhältnisprävention

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Ein Dialogforum von Fachleuten aus Gesellschaft, Gesundheitspolitik und Wissenschaft

© Frankfurter Forum für gesellschafts- und gesundheitspolitische Grundsatzfragen e. V.

Das Frankfurter Forum stellt sich vor

Ein Dialogforum von Fachleuten aus Gesellschaft, Gesundheitspolitik und Wissenschaft

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
50 Jahre Jung-Preis

© Jung-Stiftung für Wissenschaft und Forschung

50 Jahre Jung-Preis

Freiheit als Voraussetzung für medizinischen Fortschritt

Anzeige | Jung-Stiftung für Wissenschaft und Forschung
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Signalkaskade der kardiovaskulären Inflammation

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [9]

Sekundärprophylaxe nach Herzinfarkt

Therapie der kardiovaskulären Inflammation senkt das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: APONTIS PHARMA Deutschland GmbH & Co. KG

T2D-Therapie jetzt auch mit Semaglutid 2 mg

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novo Nordisk Pharma Gmbh, Mainz
Abb. 1: Empagliflozin reduzierte auch bei niedriger Ausgangs-eGFR die Progression der chronischen Nierenkrankheit (Test für Heterogenität/Trend: a) 12=0,06, p=0.81; b) 12=6,31, p=0,012)

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [6]

Chronische Nierenkrankheit

SGLT2-Inhibition: Nephroprotektiv auch bei stark erniedrigter eGFR

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Boehringer Ingelheim Pharma GmbH & Ko KG, Ingelheim am Rhein
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Achtung vor RLS-Mimics

Restless-Legs-Syndrom: Mit 5 Kriterien zur Diagnose

Lesetipps
Eine auswahl frischer, unverarbeiteter Lebensmittel mit antioxidativen Wirkungen.

© bit24 - stock.adobe.com

Medizin aus dem Kochtopf

Wie Ernährung die altersbedingte Makuladegeneration beeinflusst

Cristiano Ronaldo schießt auf das Tor von Manuel Neuer.

© picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Matthias Hangst

Fußball-Weltmeisterschaft

WM-Kolumne: Spitzensport schützt – und hinterlässt Spuren