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Zu wenig Hilfe für depressive alte Menschen

BERLIN (te). Nur jeder zehnte alte Mensch mit Depressionen wird ausreichend behandelt. Ärzte und Psychologen warnen vor den Folgen. So entfallen 40 Prozent aller Selbsttötungen inzwischen auf ältere Menschen, überwiegend Männer. Ursächlich dafür könnte eine fatalistische Einstellung der Betroffenen, aber auch von Ärzten sein, Depression als eine normale Begleiterscheinung des Alterns anzusehen.

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Fragt man die eigene Großmutter, gibt es eine typische Antwort: "Ich hab' doch nichts am Kopf". Die Vorstellung, einen Psychotherapeuten zu konsultieren, ist vielen alten Menschen fremd.

Wenn Schlafstörungen, depressive Gedanken, Angst oder Appetitlosigkeit den Alltag beeinträchtigen, meinen viele Betroffene, daß dies mit dem Alter an sich zu tun hat oder mit den Krankheiten, deretwegen sie bereits in Behandlung sind. Selten aber wird ein Psychologe konsultiert, sei es, weil die ältere Generation keinen Umgang damit kennt oder der Einzelne "depressiv" mit "dement" verwechselt.

Wachsamkeit statt Fatalismus

Mehr Wachsamkeit nicht zuletzt auch bei Ärzten, die ältere Menschen betreuen, fordert deshalb die Psychiaterin Gabriela Stoppe von der Universitätsklinik Basel. Angesichts zunehmender Alterung gewinne die Frage der psychischen Gesundheit an Bedeutung.

Denn Depressionen sind inzwischen die häufigste psychische Erkrankung im höheren Lebensalter. Nach Angaben des Kompetenznetzes Depression werden in Deutschland bei ungefähr zehn bis 15 Prozent aller älteren Menschen depressive Symptome festgestellt. In Alters- oder Pflegeheim liegt der Anteil schon bei 30 Prozent.

    Ein Drittel der Menschen in Heimen leidet an Depression.
   

Dennoch sucht nur ein Drittel der Betroffenen ärztliche Hilfe, zehn Prozent davon werden ausreichend behandelt. Depressionen sind eine der Hauptursachen von Selbstmorden: 15 Prozent der an Depression Erkrankten nehmen sich das Leben. 40 Prozent aller Suizide werden von Menschen über 60 Jahren verübt. Die große Mehrzahl davon sind Männer.

Der Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, Daniel Hell, beschreibt das Leid depressiver Menschen mit einem Bremsmanöver. Wer depressiv werde, fühle sich wie angehalten, zum Stillstehen gezwungen und in seinem Denken, Erinnern, Fühlen und Tun blockiert. Depressive Menschen erfahren sich als interessen- und arbeitslos, als schlaf- und appetitlos, als kraft- und gefühllos.

Trotz des Leidensdrucks konstatieren Experten wie der Psychoanalytiker Hartmut Radebold vom Lehrinstitut für Alternspsychologie in Kassel eine Unterversorgung, vor allem in der Behandlung durch Psychotherapeuten. Nach seiner Auffassung fehlen den heute in der ambulanten Versorgung tätigen Psychotherapeuten Kenntnisse der Entwicklungspsychologie vom mittleren bis zum hohen Alter wie auch Kenntnisse der Gerontopsychiatrie, Geriatrie und Gerontopsychosomatik.

Wissenschaftlerin Stoppe teilt diese Meinung. Sie weist auf Defizite bei der Altersforschung hin, außerdem werde in der medizinischen Ausbildung der Umgang mit alten Menschen zu wenig berücksichtigt. Hartnäckig hielten sich deshalb Stereotype aufrecht, die längst widerlegt seien.

"Oft glauben Mediziner, daß sich eine psychotherapeutische Behandlung bei älteren Menschen nicht mehr lohnt. Dabei habe die Hirnforschung gezeigt, daß Menschen auch im Alter noch lernfähig seien, argumentiert die Altersexpertin der Universitätsklinik Basel und wirbt für einen verstärkten Einsatz psychologischer Behandlung.

Mehr Engagement von Ärzten muß insgesamt nicht teurer sein

Eine intensivere ärztliche und psychotherapeutische Betreuung der von Depression betroffenen älteren Menschen - einschließlich einer optimierten Pharmakotherapie - muß deshalb nach Stoppes Auffassung nicht zu insgesamt höheren Behandlungskosten führen. Stoppe rechnet nämlich damit, daß das Gesundheitswesen an anderer Stelle, vor allem in der stationären pflegerischen Versorgung entlastet werden könnte.

Für Ärzte und die Angehörigen depressiver alter Menschen empfehlen die Experten die Befolgung einiger einfacher Ratschläge für den Alltag: Depression sollte als ernste Krankheit akzeptiert werden. Sie ist ein wichtiger Grund, den Arzt zu konsultieren. Der Umgang mit Depression erfordert Geduld, Betroffene dürfen nicht überfordert werden.

Weitere Information unter www.kompetenznetz-depression.de

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