Zwei Drittel aller Patienten mit Knie-Endoprothesen sind Frauen

BERLIN (gvg). Die Zahl der Menschen, die in Deutschland Jahr für Jahr ein künstliches Kniegelenk erhalten, liegt in der Größenordnung einer mittleren Kleinstadt. Nur das Geschlechterverhältnis spiegelt die Verteilung in der Bevölkerung nicht so ganz wider: Im Jahr 2006 waren zwei Drittel der etwa 80 000 Patienten mit neuer Kniegelenks-Totalendoprothese (Knie-TEP) Frauen.

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Der Grund für den Unterschied: "Frauen werden älter als Männer, und sie haben an den Beinen häufiger Varus-Deformitäten, also O-Beine", sagt Professor Heino Kienapfel von der Klinik für Spezielle Orthopädische Chirurgie und Unfallchirurgie am Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum in Berlin.

Frauen liegen zwar bei der Zahl der Kniegelenksprothesen vorne, nicht aber, wenn es um den Operationserfolg geht: "Frauen haben nach einer Knie-TEP mehr Beschwerden als Männer, etwa beim Treppensteigen oder wenn sie in die Hocke gehen", so Kienapfel im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Schon länger hatten Operateure den Verdacht, dass sich diese Beschwerden etwa auch dadurch erklären lassen, dass die bisher verwendeten Knie-TEP-Systeme bei Frauen nicht optimal passen.

Bei Frauen werden die Knie anders belastet als bei Männern

Herkömmliche TEP-Systeme stehen bei Frauen häufig vorne etwas über, das heißt sie sind zu groß. "In Computertomografie-Untersuchungen, in denen Frauen- und Männerknie miteinander verglichen wurden, konnten anatomische Unterschiede zwischen den Geschlechtern gezeigt werden, die das erklären helfen", so Kienapfel, der auch Präsident des Deutschen Endoprothesen-Registers ist.

Darüber hinaus wurde herausgefunden, dass durch das breitere Becken bei Frauen Hüftgelenke und Oberschenkelmuskulatur in einem etwas anderen Winkel zueinander stehen als bei Männern. Daraus resultiert ein etwas anderes Belastungsmuster des Knies.

Bis sich ein Unternehmen mit einer eigens für Frauen hergestellten Knieprothese aus der Deckung wagen würde, war nach diesen Entdeckungen nur noch eine Frage der Zeit. Im Mai 2006 hat die US-Zulassungsbehörde FDA mit dem Gender Solutions High Flex-Knie zum ersten Mal eine Kniegelenks-Endoprothese zugelassen, deren Femur-Anteil speziell für Frauen hergestellt wird. Seit Anfang 2007 wird sie auch in vielen deutschen Kliniken eingesetzt, außer in Berlin etwa in Damp, Frankfurt am Main, Hamburg oder Kassel.

"Die Prothese ist im vorderen Teil etwas schmaler als herkömmliche Prothesen", erläuterte Kienapfel einen der entscheidenden Unterschiede. Sie ist außerdem im sagittalen Durchmesser kürzer und besitzt eine größere Mulde, in der die Kniescheibe entlang gleitet.

Die biomechanische Konsequenz ist, dass im vorderen Bereich des Kniegelenks mehr Platz ist. Das könnte in der Tat Sinn haben: "Klinisch machen wir häufiger die Beobachtung, dass Frauen nach einer TEP-Operation Beschwerden genau hinter der Kniescheibe haben", berichtet Dr. Johann Pichl von der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik in Frankfurt am Main.

Die Prothese, die etwa zehn Prozent teurer ist als herkömmliche Systeme, dürfte einen Trend setzen: Andere Hersteller von Knie-TEP-Systemen haben bereits angekündigt, ebenfalls der weiblichen Anatomie angepasste Produkte auf den Markt zu bringen.

Langzeitergebnisse gibt es noch nicht

Natürlich gibt es bei einer erst vor einem Jahr eingeführten Prothese noch keine Langzeitergebnisse, anhand derer sich ablesen ließe, ob bei Frauen auf Dauer wirklich weniger Beschwerden auftreten, wenn eine Frauen-Prothese eingesetzt wird. "Was wir aber schon feststellen ist, dass wir während der Operation mit den erreichten Ergebnissen zufriedener sind als bei den Standard-Prothesen", so Kienapfel. "Und auch die Physiotherapeuten berichten uns, dass postoperativ weniger Probleme vorkommen."

Pichl ist ein wenig zurückhaltender als sein Berliner Kollege: "Wir haben schon auch das Gefühl, dass die Kniescheibe besser läuft, aber das ist zum jetzigen Zeitpunkt noch eine sehr subjektive Einschätzung." Unmittelbar postoperativ hat er bisher keine Unterschiede zu herkömmlichen TEP-Systemen ausmachen können. "Was wir aber sagen können ist, dass wir bisher definitiv keinerlei Nachteile beobachtet haben", so Pichl.

Bewährtes System wurde leicht modifiziert

Das war aber auch nicht zu erwarten: "Es handelt sich nicht um ein grundsätzlich neues Design, sondern um leichte Modifikationen eines Systems, das bereits seit 30 Jahren im Einsatz ist." Es ist also gut möglich, dass künftig die Mehrheit der Frauen, die wegen einer Arthrose eine Kniegelenks-TEP erhalten, mit speziellen Frauen-Prothesen ausgestattet wird. "Wir gehen davon aus, dass etwa drei von vier Frauen mit der Frauen-Prothese besser fahren als mit den bisher eingesetzten Standard-Prothesen. Für den Rest der Frauen ist wahrscheinlich das bisherige Prothesenmodell günstiger", betonte Kienapfel.

Die Entscheidung für oder gegen eine spezielle Frauen-Prothese fällt dabei nie in der Zeit vor der Operation, sondern immer erst kurz vor Ende des Eingriffs - und zwar dann, wenn die Prothese eingesetzt werden soll.

Mit Probeprothesen, Probierschablonen und verschiedenen Messgeräten wird individuell bei den Patientinnen ermittelt, welches Modell am besten passt.

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