Kinder- und Jugendrehabilitation

Wendepunkte im Leben von chronisch kranken Kindern setzen!

In der rheinland-pfälzischen Edelsteinklinik erfahren Kinder und Jugendliche, wie sie besser mit ihren chronischen Erkrankungen leben können.

Von Susanne Werner Veröffentlicht: 11.04.2020, 08:58 Uhr
Dr. Edith Waldeck mit einer Patientin: In der Rehabilitation kommt es auf Weitblick an.

Dr. Edith Waldeck mit einer Patientin: In der Rehabilitation kommt es auf Weitblick an.

© DRV-Edelsteinklinik

Berlin / Bruchweiler. „Rehabilitation wirkt wie ein guter Mathelehrer“, sagt Dr. Edith Waldeck. Auch wenn sich die Schüler im Unterricht ärgern, so die Ärztliche Direktorin der Edelstein-Klinik, würden sie später erkennen, wie viel sie gelernt haben.

Rund 1400 Kinder und Jugendliche kommen jedes Jahr in die beschauliche Gemeinde Bruchweiler. Sie lernen in der Klinik der Deutschen Rentenversicherung Rheinland-Pfalz, wie sie sicherer mit ihren chronischen Erkrankungen umgehen können. „In den vier bis sechs Wochen eines Aufenthalts lässt sich viel für die Betroffenen erreichen“, sagt Waldeck.

In der Akutmedizin komme es auf schnelle, lebensrettende Entscheidungen an, in der Rehabilitation müssten Ärzte und Therapeuten hingegen einen Weitblick für die unterschiedlichen Lebensentwürfe entwickeln und Wendepunkte setzen. „Rehabilitation rettet Lebensläufe“, sagt Edith Waldeck.

Start in ein neues Leben

Wie zum Beispiel bei der 17-Jährigen, die sich von ihrer Familie verlassen fühlte. Die junge Frau hatte ihren Diabetes nicht ernst genommen und wäre fast an einer Überdosis Insulin gestorben. Die Reha in der Edelsteinklinik veränderte ihr Leben. Heute ist sie verheiratet, hat Kinder, kennt sie sich im Thema aus und leitet inzwischen eine Diabetes-Beratungsstelle.

Oder der junge Mann, der sich aufgrund seiner Online-Spielsucht verschuldet hatte und nach einer Jugendhaft direkt in die Reha-Klinik kam. Für ihn wurde zum Abschluss des Klinikaufenthalts eine Stelle im Rahmen des Freiwilligen Sozialen Jahres in der Edelsteinklinik organisiert. So konnte er lernen, wie er seinem Alltag eine Struktur geben kann.

In den vier bis sechs Wochen eines Aufenthalts lässt sich viel für die Betroffenen erreichen.

Dr. Edith Waldeck, Ärztliche Direktorin Edelsteinklinik

Mut und Ehrgeiz scheinen für Edith Waldeck entscheidende Begleiter im Leben gewesen zu sein: Aufgewachsen im Rumänien der 1960er-Jahre ist ein Studium für sie keineswegs selbstverständlich. Waldeck schafft es und studiert in Temeswar Kinder- und Jugendmedizin.

Nach drei Pflicht-Jahren als Landärztin, die mit dem Uni-Studium verbunden sind, will sie weiter lernen und forschen. In einem dreitägigen Auswahlverfahren setzt sie sich durch.

Ihr Glück war, so erzählt sie heute, dass die Namen versiegelt waren und die Prüfer die Deutsche so nicht aussortieren konnten. 1990 folgt eine grundlegende Weichenstellung. Diktator Nicolae Ceaușescu war ge-stürzt, die sozialistische Republik Rumänien am Ende. „Das Land lag in Trümmern. Viele wollten weg, wir auch“, erzählt sie.

Mit ihrem Mann kehrt sie in das Land ihrer Vorfahren zurück. In München absolviert sie – nach sechs Jahren Studium und acht Jahren Berufstätigkeit – ein Anerkennungsjahr und legt die Prüfung in der Kinder- und Jugendmedizin ab. Edith Waldeck beeindruckt nicht nur mit ihrem Fachwissen, sondern auch mit ihrem guten sprachlichen Ausdruck.

Kommunikatives Talent

Weitere drei Jahre arbeitet sie in der Akutmedizin, auf einer Frühchen-Station im Augsburger Josefinum, bevor sie dann an eine Reha-Klinik im oberbayerischen Murnau wechselt. In diesem für sie völlig neuem Fachgebiet kann sie nicht nur ihr fachliches Wissen, sondern auch ihre kommunikativen Talente einbringen. 2010 geht es dann von Murnau direkt auf den Chefposten an der Edelsteinklinik.

„Armut hat 1000 Gesichter“, sagt sie. Oft gehe es gar nicht um Geld, sondern um seelische oder soziale Vernachlässigungen – Kinder, die hungrig sind, endlich mit ihren Bedürfnissen gesehen zu werden, Kinder, die klug sind und dennoch auf eine Förderschule abgeschoben werden. Psycho-somatische Störungen, Adipositas, Asthma und Neurodermitis gehören zu den Hauptindikationen.

Wie sehr Edith Waldeck von der Heilkraft einer Kinder- und Jugend-Rehabilitation überzeugt ist, zeigt sich, wenn sie im Gespräch nicht nur Zahlen, Daten, Fakten präsentiert, sondern daran erinnert, dass sich Therapeuten auf die betroffenen Kinder auch emotional einlassen müssten.

Viele junge Patienten haben Gewalt erfahren

Etwa ein Drittel ihrer jungen Patienten leidet unter den schwierigen Familienverhältnissen und haben bereits Gewalt erfahren – Prügeleien, sexueller Missbrauch oder eben auch manipulative Erziehungsstile, die den Kindern die Ablösung erschweren.

Reha-Kliniken nennt sie gerne „Stätten des Begegnens“. Die Kinder und Jugendlichen leben während des stationären Aufenthalts in festen Gruppen zusammen. Die gesetzte Struktur und der soziale Kontakt untereinander geben ihnen Halt, motivieren sie und korrigieren eingefahrene Verhaltensmuster.

Der größte Stolperstein kam bislang mit der Entlassung, wenn die Mädchen und Jungen in ihren Alltag zurückkehrten und die Veränderungen in ihrem Umfeld nicht mehr unterstützt wurden.

Erweiterter Spielraum für die Reha seit 2017

Damit stand auch der erreichte, gesundheitliche Erfolg wieder auf dem Spiel. Edith Waldeck freut sich daher, dass der Handlungsspielraum für die Kinder- und Jugendreha Anfang 2017 gesetzlich erweitert wurde.

Mütter und Väter können jetzt leichter als Begleitpersonen stationär aufgenommen werden und ein eigenständiges therapeutisches Programm erhalten.

Waldeck: „Dies erhöht die Chancen, dass wir mit dem gesamten Familiensystem arbeiten und alle Beteiligten nachhaltige Veränderungen erleben.“

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