Als Pillen noch von Hand gedreht wurden

KIEL (di). Die Medizin- und Pharmaziehistorische Sammlung der Kieler Christian-Albrechts-Universität und das Unternehmen Pohl Boskamp präsentieren Firmen- und damit Pharmaziegeschichte in eine r aufwändigen Ausstellung.

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Ein hölzernes Brett, in das eine lange Platte mit Querrillen eingelassen war. Darauf wurde ein loses Gegenstück gesetzt, damit der Pillenstrang zerteilt werden konnte. Die Stücke wurden dann mit einem stempelförmigen Rollierer zu kleinen Kügelchen geformt - die erste Pillenstrangmaschine ermöglichte es ab dem 18. Jahrhundert Pillen in industriellem Maßstab herzustellen.

Was heute umständlich klingt, war damals im Vergleich zur reinen Handarbeit eine große Arbeitserleichterung. Auch die Firma Pohl Boskamp arbeitete früher mit solchen Maschinen, um Desmoid-Pillen herzustellen. Im Gegensatz zu vielen anderen Firmen hat das Unternehmen solche Exponate aus der Firmengeschichte aufbewahrt. Zu sehen sind sie aktuell in der zeitlich befristeten Sonderausstellung "Von Pillendrehern und Kapseltauchern".

Eine alte Pillenstrangpresse, die noch bis 1970 im Einsatz war.

Die Besucher bekommen Pillenstrangpressen, antike Kapselpressen und Steckleisten zum Füllen von Gelantinekapseln genauso zu sehen wie historische Medikamentenpackungen. Sie erfahren aber auch etwas über die wechselvolle Geschichte des Unternehmens, das im 19. Jahrhundert aus zwei Firmen in Danzig und Berlin entstanden ist. Beschrieben wird auch, wie Arthur Boskamp, Vater der heutigen Firmenchefin Marianne Boskamp, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit wenigen Maschinen, Rezepturen und Vorräten die Flucht über die Ostsee gelang und schließlich in einer früheren Kaserne in Schleswig-Holstein 1946 die Produktion von Nitrolingual-Zerbeißkapseln wieder aufnahm.

Am Standort in Hohenlockstedt produziert das Familienunternehmen noch heute - allerdings mit hochmodernen Anlagen. Marianne Boskamp will trotz des steigenden Veränderungsdrucks in der Branche nicht auf die Erfahrungen der Vergangenheit verzichten. Sie zeigten, so Boskamp, wie stark sich Gesellschaft, Arbeitswelt und damit die Anforderungen an die Menschen wandeln.

Einfache Verrichtungen wie etwa das Einwickeln der Desmoid-Pillen, seien heute in der Arbeitswelt nicht mehr gefragt. Um den komplexen Anforderungen gerecht zu werden, seien verstärkte Investitionen in die Ausbildung notwendig. Dass auch scheinbar einfache Verrichtungen gar nicht so leicht zu erlernen sind, können Besucher ausprobieren: Beim Einwickeln der Desmoid-Pillen können sie ihre Fingerfertigkeit unter Beweis stellen. Die für die Sonderausstellung zur Verfügung gestellten Exponate wandern anschließend in ein derzeit im Aufbau befindliches Firmenmuseum von Pohl Boskamp.

"Von Pillendrehern und Kapseltauchern", bis 5. Oktober in der Medizin- und Pharmaziehistorischen Sammlung der CAU Kiel, Brunswiker Str. 2, Kiel. Geöffnet dienstags bis freitags von 10 bis 16 Uhr und sonntags von 12 bis 16 Uhr.

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