Schule

"Analphabeten gelten oft als geistig behindert und doof"

Von Angelika Röpcke Veröffentlicht: 26.09.2006, 08:00 Uhr

Die Angst, jemand könnte etwas mitbekommen, ist für Betroffene oft der absolute Horror. Formulare ausfüllen, Bewerbungen schreiben, den Mietvertrag lesen - hohe Hürden im Alltag eines funktionalen Analphabeten, also eines Menschen, der nicht ausreichend lesen und schreiben kann.

Etwa vier Millionen Menschen jeder Altersgruppe in Deutschland sind nach Angaben des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung betroffen - trotz Schulpflicht. Weltweit sind es mehr als 770 Millionen, vorwiegend in Entwicklungsländern.

Betroffene scheitern schon am Fahrkartenautomaten

Was für die meisten eine Selbstverständlichkeit scheint, ist für den funktionalen Analphabeten oft problematisch. Viele scheitern schon beim Bedienen eines Fahrkartenautomaten. Trotzdem habe ein Großteil für sich Überlebensstrategien entwickelt und komme erstaunlich gut durch die Welt, sagt Almut Schladebach, pädagogische Mitarbeiterin der Volkshochschule Hamburg. "Viele haben Familienmitglieder, die ihnen helfen."

Zudem seien funktionale Analphabeten oft Gedächtniskünstler. "Sie sehen etwas in der Werbung und kaufen dann nur das, was sie kennen." Wissenslücken würden nicht selten geschickt verschleiert.

Schladebach gibt seit gut 20 Jahren an der Volkshochschule Deutschkurse für Deutsche. In Gruppen von sieben bis neun Erwachsenen lehrt sie jedoch nicht nur das ABC. Das Wiederfinden des eigenen Selbstbewußtseins sei ein entscheidender Teil für die nicht minder intelligenten Frauen und Männer, die umringt von Menschen leben, die der Sprache nicht nur in Wort, sondern auch in Schrift mächtig sind.

"Die Menschen gelten oft als geistig behindert und doof", weiß Schladebach. Das nage am Selbstwertgefühl. Ihr Unvermögen würden Analphabeten dann zumeist "hinter Krakelschrift verstecken, die niemand lesen kann".

"Deutschland hat ein Grundbildungsproblem"

Daß in der Bundesrepublik so viele Menschen lese- und schreibunkundig sind, ist für den Geschäftsführer des Bundesverbandes Alphabetisierung aus Münster, Peter Hubertus, erschreckend. "Deutschland hat ein Grundbildungsproblem. Das wissen wir seit der PISA-Studie." Die erfüllte Schulpflicht sage nichts über den Lernstand der jungen Menschen aus.

Vor allem Kinder, die wenig Unterstützung von ihren Eltern bekommen, würden oftmals die Schule nur absitzen und nach neun Jahren ohne ausreichende Rechen-, Lese- und Schreibkenntnisse entlassen. "Wer als junger Mensch keinen Hauptschulabschluß hat, wird keine Chance auf einen dauerhaften Arbeitsplatz haben", mahnt Hubertus.

Auch in Nachbarländern gibt es viele Analphabeten

Europaweit betrachtet ist der Anteil der Analphabeten in Deutschland nicht ungewöhnlich hoch. "Bei den Franzosen ist es ähnlich", betont Maren Elfert vom Unesco-Institut für Pädagogik in Hamburg. "Bei den Engländern war es in den vergangenen Jahren sogar ganz dramatisch." Lediglich in den skandinavischen Ländern sehe es besser aus.

"Eine Schule für alle" wie etwa in Finnland sei das Geheimrezept. In der Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems sieht Elfert einen Ausweg aus der Misere. Daß der Bund dem Bundesministerium für Bildung und Forschung zufolge in diesem Jahr 1,7 Millionen Euro in Modellprojekte gegen Analphabetismus investiert, reicht laut Elfert noch nicht. "Man bräuchte unbedingt eine nationale Stelle für Alphabetisierung."

Alphabetisierung ist eine bundesweite Aufgabe

Hubertus schließt sich der Kritik an. Es sei nicht haltbar, daß Bildung und damit Alphabetisierung ausschließlich Ländersache sind. "Wir können bei der demographischen Entwicklung in den nächsten Jahren auf keinen Menschen verzichten", mahnt er und fordert eine bundesweite Alphabetisierungsstruktur. (dpa)

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