Insektizide, Kampfstoffe und Arzneien

Cholinesterasehemmer – ihre Rolle im Fall Nawalny

Eines scheint bislang sicher: Der russische Politiker Alexei Nawalny hat sich eine Vergiftung mit einem Cholinesterasehemmer zugezogen. Die Enzymblockade lässt sich einfach nachweisen, das Gift nicht unbedingt.

Von Thomas Müller Veröffentlicht: 25.08.2020, 18:44 Uhr
Der Krankentransport mit dem russischen Politiker Alexei Nawalny bei der Ankunft an der Charité. Die Befunde weisen auf eine Vergiftung durch eine Substanz aus der Gruppe der Cholinesterasehemmer hin, meldete die Charité.

Der Krankentransport mit dem russischen Politiker Alexei Nawalny bei der Ankunft an der Charité. Die Befunde weisen auf eine Vergiftung durch eine Substanz aus der Gruppe der Cholinesterasehemmer hin, meldete die Charité.

© picture alliance / Russian Look

Berlin. Unliebsame Politiker und Oppositionelle in Russland leben gefährlich: Der frühere Offizier des russischen Inlandsgeheimdienstes, Alexander Litwinenko, starb nach Ermittlungen im Jahr 2006 in London aufgrund Polonium im Tee, der russisch-britische Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter Julia bekamen vor zwei Jahren eine Dosis des Nervengiftes Nowitschok.

Was dem Politiker Alexei Nawalny eingeflößt wurde, ist noch unklar, doch auch hier ist ein Organophosphat ähnlich wie Nowitschok wahrscheinlich. Im Fall Skripal konnten die britischen Behörden noch Spuren des Gifts am Anschlagort finden und eine chemische Analyse einleiten, bei Nawalny bleiben wohl nur Abbauprodukte im Körper als Hinweis – hier dürfte das Gift nur schwer, wenn überhaupt noch nachzuweisen sein.

Blockade der Acetylcholinesterase

Was sich aber gut identifizieren lässt, ist der Wirkmechanismus: Viele Nervengifte blockieren das Enzym Acetylcholinesterase irreversibel. Diese Dauerblockade des Enzyms können Experten in Erythrozyten mit handelsüblichen Testkits nachweisen – sie ist neben den klinischen Symptomen ein starker Hinweis auf eine Organophosphat- oder Carbamat- vergiftung.

Die klinischen Befunde weisen auf eine Intoxikation durch eine Substanz aus der Wirkstoffgruppe der Cholinesterase-Hemmer hin. Die konkrete Substanz ist bislang nicht bekannt.

Aus der Mitteilung der Charité Berlin, zum Gesundheitszustand von Alexei Nawalny

Entsprechend heißt es in einer kurzen Mitteilung der Charité in Berlin: „Die klinischen Befunde weisen auf eine Intoxikation durch Cholinesterasehemmer hin. Die konkrete Substanz ist bislang nicht bekannt. Die Wirkung des Giftstoffes, das heißt die Cholinesterasehemmung im Organismus, ist mehrfach und in unabhängigen Laboren nachgewiesen.“

Woher die Vergiftung?

Offenbar haben die Testkits bei Nawalny angeschlagen. Doch was könnte die Vergiftung verursacht haben? Cholinesterasehemmer kennen Ärzte unter anderem als Alzheimertherapeutika. Mittel wie Donepezil, Galantamin und Rivastigmin blockieren die Cholinesterase reversibel, bremsen dadurch den Abbau von Acetylcholin und erhöhen die bei Alzheimer beeinträchtigte cholinerge Neurotransmission.

Ganz anders Organophosphate: Sie phosphorylieren dauerhaft die Hydroxylgruppe der Aminosäure Serin im aktiven Bereich des Enzyms und schalten es dadurch aus, Carbamate übertragen die Carbamatgruppe auf Serin – mit dem gleichen Effekt. Als Folge wird Acetylcholin nicht mehr abgebaut und bombardiert die muskarinergen und nikotinergen Rezeptoren in Muskulatur und Nervenzellen, dadurch kommt es zu einer depolarisierenden Blockade der neuromuskulären Transmission sowie einer Überstimulation des cholinergen und zentralen Nervensystems.

Zu den muskarinergen Beschwerden zählen entsprechend Speichelfluss, Tränenfluss, Wasserlassen, Durchfall, Erbrechen, Bronchorrhö, Bronchospasmus, Bradykardie, Miosis, zu den nikotinergen vor allem Blässe, Tachykardie, Muskelzuckungen und Muskellähmungen.

Symptome teils erst nach Stunden

Häufige zentralnervöse Erscheinungen sind Schwindel, Ängste, Tremor, zerebrale Krampfanfälle und Atemlähmung. Die Symptomatik richtet sich vor allem nach den pharmakologischen Eigenschaften des Toxins und der Dosis. Bei manchen Substanzen treten die Symptome erst mit einer Verzögerung von einigen Stunden auf, andere wirken sofort und können innerhalb von Minuten zum Tod führen.

Als Antidot hat sich Atropin bewährt: Die Substanz verdrängt Acetylcholin von den Rezeptoren. Damit wird vor allem versucht, den Bronchospasmus und die Bronchorrhö zu lindern. Gegen die neuromuskulären Symptome helfen Oxime wie Pralidoxim, Benzodiazepine dämpfen schwere Krampfanfälle.

Toxische Cholinesterasehemmer werden grob in Insektizide und Nervenkampfstoffe eingeteilt. Bekannte Insektizide sind Carbamate wie Aldicarb und Methomyl, zu den Organophosphaten zählen Parathion (E605), Malathion und Chlorpyrifos.

Nervenkampfstoffe lassen sich je nach Basisformel chemisch in drei Gruppen gliedern: Zur G-Reihe zählen klassische Kampfstoffe wie Tabun, Sarin, Soman, zur V-Reihe VX. Nowitschok bildet eine eigene Reihe, dazu gehören die giftigsten jemals synthetisierten Substanzen.

Quellen:

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Kommentare
Veröffentlichte Meinungsäußerungen entsprechen nicht zwangsläufig der Meinung und Haltung der Ärzte Zeitung.
Dr. Karlheinz Bayer

Cholinesterasehemmer - Diagnostik - Gegengift ...
eigentlich stochern die Kolleg(inn)en in der Charité im Nebel. Es müßte doch aber bekannt sein, was in Tomsk oder Novosibirsk an Symptomen aufgetreten ist. Es müßte auch geklärt werden können ob und welche Medikamente zwischen Tomsk und Omsk im Flugzeug verabreicht wurden, insbesondere ob dabei Atropin oder Prostigmin zum Einsatz kamen - ein Cholinesterasehemmer, der bei Vergiftungen eingesetzt wird und dessen Antidot. Interessant wäre auch, mehr über die ersten Symptome zu erfahren, wenn der Fall schon öffentlich diskutiert wird.
Die Charité geht von einer Vergiftung aus.
Nun denn.
Wie viele ausgebildete Forensiker und Kriminalpathologen arbeiten an der Charité ?


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