Der riskante Kult um Körper und Schönheit

Von Stephanie von Selchow Veröffentlicht:

"Wichtiger als jeder weltpolitische Konflikt scheint der Kampf um Idealgewicht, Idealfigur und Idealgesicht zu sein, und keine Gegenbewegung in Sicht, die dieser Entwicklung energisch neue Werte entgegensetzt", schreibt Herausgeberin Elke Reichart im Schlußwort ihres Buchs über den "riskanten Kult um Körper und Schönheit", so der Untertitel. "Body-Talk" soll deshalb vor allem eins: Jugendliche und junge Erwachsene aufklären.

  Die meisten Idealbilder entstehen am Computer.
   

In gut geschriebenen Essays liefern Ärzte, Psychologen, Fotografen und Journalisten dazu die aktuellen Erkenntnisse aus Wissenschaft und Praxis. Der Psychologe Martin Gründl etwa, der sich auf Attraktivitätsforschung spezialisiert hat, erklärt, wie tief Schönheitsideale in der Natur des Menschen verwurzelt sind: Kindchenschema (großer Kopf, große, runde Augen, kleine Nase, runde Wangen), das richtige Taille-Hüftenverhältnis und ein straffer Busen signalisieren Männern seit Urzeiten Jugend, Fruchtbarkeit und Gesundheit.

Attraktivität einer Frau ist für Männer das wichtigste Kriterium

Das war, so Gründl, evolutionsbiologisch wichtig, um nicht nur viele, sondern auch gesunde Nachkommen zu zeugen. Studien hätten ergeben, daß die Attraktivität einer Frau für Männer auch heute noch das wichtigste Kriterium bei der Partnerwahl sei. Eigentlich völlig verrückt, konstatiert der Psychologe, denn in einer modernen Gesellschaft sei es schließlich doch viel sinnvoller, Eigenschaften wie Intelligenz oder das Talent, sich schnell an veränderte Lebensumstände anzupassen, in den Vordergrund zu stellen.

Der Dermatologe Dr. Stefan Duve, der in der Gemeinschaftspraxis Haut- und Laser-Zentrum an der Oper in München arbeitet, erzählt, daß viele junge Mädchen von ihren Müttern zu Schönheitsoperationen gedrängt werden, um die Karriere als Model oder Schauspielerin zu machen, die den Müttern versagt geblieben ist. Lippen aufspritzen und Fett absaugen oder neuerdings auch wegspritzen sowie Laser-Liftings seien aber nicht nur teuer und müßten fachgerecht ausgeführt werden, sondern vor allem kein Garant für Erfolg oder gar Lebensglück.

Magersucht, Bulimie und der männliche Adonis-Komplex

Magersucht, Bulimie und Übergewicht werden im Buch ebenso unter die Lupe genommen wie der Adonis-Komplex (Muskelaufbausucht), dem immer mehr junge Männer verfallen. Ein Betroffener berichtet, wie viel Geld er für Anabolika ausgegeben hat, weil Bodybuilder-Muskeln mit Sport allein nicht zu erreichen sind. Als er sich endlich entschloß, die Medikamente abzusetzen, weil sich seine Brustwarzen entzündet hatten, verfiel er zunächst in schwere Depressionen. Sein heutiges Ziel: sich selbst zu lieben und anzunehmen, wie er von seinen Erbanlagen her beschaffen ist.

Interessant nachzulesen ist auch, welche Bilder es sind, die Idealvorstellungen formen und Selbstvertrauen untergraben: Elke Reichart berichtet, wie Fotos von Models und Stars am Computer retuschiert werden. Digitale Figuren wie Lara Croft, wie die meisten anderen übrigens von Männern entworfen, beeinflussen die Sehgewohnheiten ebenso wie die Fleischbeschau in den Videoclips der Musiksender.

Der Teenager Tim, schreibt der Filmkritiker Thomas Kniebe, sei dafür ein typisches Beispiel. ‚Häßliche Brüste', denke er oft, wenn er Mädchen auf der Straße sehe. Dabei sähen die Mädchen ganz normal aus. Nur Tims Blick, der sei nicht mehr normal. Das Buch fordert dazu auf, sich aufgrund der neuen, differenziert dargestellten Fakten eine eigene Meinung zu bilden.

Andrea Hauner, Elke Reichart: Body-Talk. Der riskante Kult um Körper und Schönheit. DTV. München 2004. 200 Seiten. 10 Euro.

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