Porträt

Wie eine Gynäkologin ihre Krebserkrankung in einem Comic verarbeitet

Frauenärztin Dr. Bärbel Grashoff hat eine Graphic Novel für Brustkrebspatientinnen geschrieben. Auslöser war ihre eigene Krebserkrankung. Sie will vermitteln, dass man die Ängste, die mit der Diagnose einhergehen, hinter sich lassen kann.

Michaela SchneiderVon Michaela Schneider Veröffentlicht:
Bärbel Grashoff

Bärbel Grashoff präsentiert ihr Buch „Das Ende der Unversehrtheit“.

© Michaela Schneider

„Ich selbst hatte die Straßenkatze, nicht den Tiger. Operation, eine längere Bestrahlung, Antihormone. Fertig“, sagt Dr. Bärbel Grashoff. Mit der Graphic Novel „Das Ende der Unversehrtheit“ gibt die Ulmer Frauenärztin, Jahrgang 1964, Brustkrebspatientinnen einen Begleiter an die Hand – von der Diagnose über Behandlungsmöglichkeiten bis zu den emotionalen und körperlichen Herausforderungen, die mit der Diagnose auf sie zukommen.

Als Wendebuch gestaltet, widmet sich der zweite Teil der Früherkennung. „Denk mal in Katzen“ heißt es im Buch, um die schwere der Erkrankung zu veranschaulichen. Auslöser, unter die Autorinnen zu gehen, war für Bärbel Grashoff die eigene Brustkrebserkrankung vor fünf Jahren.

Was ihr mit der Diagnose bewusst wurde: Medizinische Fachliteratur für ausgebildetes Fachpersonal gibt es auf dem Markt zuhauf, ebenso Betroffenheitsliteratur. Was aber fehlte, war ein Buch, das medizinisches Fachwissen, emotionales Verständnis und ansprechende Visualisierung in verständlicher Form vereint, um Patientinnen die Angst vor dem Unbekannten zu nehmen und Mut zu machen durch Aufklärung.

Zur Person

  • Bärbel Grashoff, Jahrgang 1964
  • verheiratet, Mutter zweier erwachsener Kinder
  • 1987 bis 1993 Medizinstudium in München
  • 1993 bis 2011 unter anderem in der Chirurgie am Marienhospital, Stuttgart
  • später Wechsel in die Gynäkologie in Sindelfingen, Lehrkrankenhaus der Universität Tübingen
  • 2001 Niederlassung als Frauenärztin mit Einzelpraxis in Ulm

„Als ich ein Teenager war, erkrankte eine Tante an Brustkrebs, geredet werden durfte darüber nicht. Das war, als handle es sich um eine Seuche“, erinnert sich die Medizinerin. Sie holte die Illustratorin Marie Luisa Kerkhoff mit ins Boot, gemeinsam wollen die beiden Frauen zeigen, dass Brustkrebs kein Tabuthema ist.

Hochverrat des eigenen Körpers

Familiär vorbelastet und im Bewusstsein, dass sich ein früh erkannter, nicht metastasierter Brustkrebs gut behandeln lässt, nahm Grashoff es mit Brustultraschall-Terminen und Mammographie-Screenings immer ganz genau: „Was die Vorsorge angeht, war ich eine vorbildliche Patientin.“ Der letzte Brustultraschall war noch kein Jahr her, ihr ging es gut, plötzlich war bei der Sonographie ein Knoten sichtbar.

„Ich sonografiere selbst genug Brüste, schaute auf den Bildschirm und wusste sofort, dass diese kleine, echoarme, etwas unscharfe Raumforderung mit dem diffusen Schatten nichts in meiner rechten Brust verloren hatte“, schreibt sie in „Das Ende der Unversehrtheit“.

Ihr Körper hatte Hochverrat begangen. „Du brütest etwas Undercover aus, das mich bedroht? Du entwickelst ein Eigenleben?“, hielt Bärbel Grashoff ihm vor. Von einem Moment auf den nächsten war sie selbst Patientin.

Bärbel Grashoff (l.) und Illustratorin Marie Luisa Kerkhoff.

Starkes Autorenteam: Bärbel Grashoff (l.) und Illustratorin Marie Luisa Kerkhoff.

© Tobias Rägle

Ursprünglich stammt Grashoff aus einem 600-Einwohner-Dorf nahe Limburg an der Lahn. Nach dem Abitur begann sie in München Journalistik und Theaterwissenschaft zu studieren, brach ab, machte eine Ausbildung zur Stewardess und arbeitete dreieinhalb Jahre für die Lufthansa.

Der Anstoß, sich den Jugendtraum zu erfüllen und Medizin zu studieren, kam von ihrem Mann. Später, nach drei Jahren in der Chirurgie, klappte 1995 der Wechsel in ihre Wunschdisziplin, die Gynäkologie.

„Es kommt alles vor – von der Geburtshilfe bis zur Sterbebegleitung. Wir haben die Schwangerschaften, die Geburten, die Endokrinologie“, begeistert sich die Frauenärztin. 2001 ließ sie sich mit eigener Praxis in Ulm nieder. Und 2021 saß nun sie, die Frauenärztin, plötzlich als Patientin auf der anderen Seite des Tischs. Sie empfand es als das Ende ihrer Unversehrtheit.

„Da werden einem alle Stecker gezogen“

Noch am Tag des Ultraschalls wurde sie gestanzt. Ausgerechnet am Heiligabend erreichte sie das Fax mit dem bestätigenden Befund. Durch eine Corona-Erkrankung verzögerte sich die Operation, durch ein Serom in der Axillanaht die Bestrahlung. Mitten in der Coronazeit war sie bei Arztterminen auf sich gestellt.

„Dabei sage ich meinen Patientinnen immer: Nehmen Sie ihre Freundin mit, ihre Schwester. Nach fünf Minuten schalten sie ab und wissen nicht mehr, was ihnen erklärt wurde.“

Die Operation Ende Januar empfand sie als zentralen Schritt der Heilung: „Als das Ding draußen war, fühlte ich mich nicht mehr bedroht.“ Allerdings erfuhr sie bei ihrer Bestrahlung selbst, was Fatigue bedeutet, und „dass man das wirklich nicht kontrollieren kann, da werden einem alle Stecker gezogen“.

Die Praxis blieb trotzdem geöffnet, Grashoff improvisiert mit ihrem Praxisteam, der Sicherstellungsärztin und Ärztinnen aus befreundeten Praxen. „Wirtschaftlich war es eine Katastrophe“, erinnert sie sich, sie musste auf Rücklagen zugreifen.

Sich wegen schwerer Krankheit abzumelden und das Praxisteam zu reduzieren, aber kam nicht in Frage. Wichtig war ihr eine offene Kommunikation. „Ich forderte mein Team auf: Sagt den Patientinnen ruhig, dass Termine verlegt werden müssen, weil die Frau Doktor die Bestrahlung nicht so gut verträgt wie erwartet.“

Chemotherapie wird zur Superwoman

Auch heute spielen die eigenen Erfahrungen in Arzt-Patienten-Gespräche hinein: „Sieht sich eine Patientin mit einem verdächtigen Befund konfrontiert, kann ich im Brustton der Überzeugung sagen: ‚Ich weiß genau, wie Sie sich fühlen, das ist gerade ganz schrecklich. Ich lag vor ein paar Jahren in genau so einer Situation auf genau so einer Liege.`Oft sind Patientinnen dann kurz raus der Schockstarre, fragen nach, wundern sich, dass ich noch alle Haare habe. Ich bin für sie ein positives Beispiel, dass man aus der Situation gut herauskommen kann.“

Diese Botschaft will Bärbel Grashoff auch mit der Graphic Novel „Das Ende der Unversehrtheit“ transportieren. Die Chemotherapie wird im Buch zur Superwoman und Verbündeten.

Sowieso spielt auf etlichen der feinfühlig illustrierten Seiten viel persönliches Erleben hinein. Auf der Autofahrt nach dem Ultraschall sei ihr durch den Kopf geschossen, dass es das letzte Weihnachten mit Mann, Kindern und Enkeln sein könnte. Auch im Buch geht es um „Kopfkino“.

Doch warum ausgerechnet eine Graphic Novel? „Ich lese gerne. Aber ich konnte es plötzlich nicht mehr. Ich nahm ein Buch in die Hand, fing oben auf der Seite an und fragte mich unten: Worum ging es? Es war, als würde mein Hirn in einem nebeligen Sumpf stecken.“ Wie also in einer extremen Situation Fachwissen vermitteln?

Das Buch einer schwedischen Autorin brachte sie auf die Idee zum Comic im Buchformat. Sie sprach ihre Freundin an, die Schauspielerin und Illustratorin Marie Luisa Kerkhoff. „Es war ein Geschenk, dass sie von Brustkrebs keine Ahnung hatte.

Sie ließ mir keinen Satz durchgehen, der nicht verständlich war“, sagt Grashoff. Mitte September 2025 hielt Bärbel Grashoff die erste Ausgabe von „Das Ende der Unversehrtheit“, erschienen im Ankerwechsel Verlag, in Händen.

Bilder lesen sich leichter

„Brustkrebs betrifft viele – und bleibt doch so oft abstrakt. Diese Graphic Novel gibt Orientierung in einer Zeit voller Fragen und Unsicherheit. Ein Buch, das informiert, verbindet und zeigt, wie viel Stärke im zugänglichen Wissen liegt“, heißt es in der Einleitung.

Um dieses zu vermitteln, setzt das Team Grashoff / Kerkhoff immer wieder auf starke Bilder. „Stell Dir die Krebszellen mal kurz als Popcorn vor“, fordert es mit Blick aufs „Grading“ auf – also der Abweichung der untersuchten Tumorzelle von den gesunden Normzellen.

Das Maiskorn steht für die gesunde Zelle, das vollständig aufgepoppte Korn für eine G3-Tumorzelle. Später im Buch führen die zwei Protagonistinnen Katze und Tiger „Gassi“. „Ich habe keine Angst mehr vor ihm“, steht in der Sprechblase.

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