Unimedizin auf Spurensuche

Des Dichters ominöses Leiden

„Erkrankungen berühmter Persönlichkeiten“ spürt eine Vortragsreihe der Unimedizin Mainz nach. Eine Vorlesung befasste sich mit Rainer Maria Rilke.

Von Christoph Barkewitz Veröffentlicht: 04.12.2019, 14:16 Uhr
Des Dichters ominöses Leiden

Rainer Maria Rilke auf einer Gartenbank im Sommer 1913.

© akg-images / dpa

Mainz. Der Rainer war eigentlich ein René. Geboren als René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke am 4. Dezember 1875, erlebte er dem Literaturwissenschaftler Dr. Ulrich von Bülow zufolge seine „Geburt als Schriftsteller“ im Jahr 1897 – als er Lou Andreas-Salomé kennenlernte. Eine bemerkenswerte Frau, in der damaligen Zeit ohnehin: weitgereiste Intellektuelle, Literatin und Psychoanalytikerin. Sie brachte Rilke dazu, seinen Namen von René in Rainer zu ändern, weil ihr ersterer für einen männlichen Schriftsteller unpassend erschien.

Allein für diese Erkenntnis wäre der Chirurgie-Hörsaal der Mainzer Universitätsmedizin noch nicht der passende Ort, doch von Bülow hatte medizinischen Beistand, um nicht nur Rilkes Leben, sondern auch sein Leiden zu analysieren: Dr. Karin Kolbe, ehemalige Oberärztin für Stammzelltransplantation an der Uniklinik, übernahm die Betrachtung von Rilkes Erkrankung und der Gegenüberstellung der damaligen – beschränkten – sowie der heutigen Therapiemöglichkeiten. Rilke starb mit gerade mal 51 Jahren an den Folgen einer seltenen Form der Leukämie.

Die Krankheit und das Werk

In einer noch bis März dauernden Vortragsreihe mit dem Motto „Erkrankungen berühmter Persönlichkeiten“ gehen die Medizinische Gesellschaft Mainz und die Akademie für Ärztliche Fortbildung Rheinland Pfalz in Kooperation mit der Akademie der Wissenschaften und Literatur Mainz der Frage nach, wie deren Krankheiten ihr Leben, aber auch ihr Werk beeinflusst haben. Je ein Wissenschaftler und ein Mediziner teilen sich die Vorstellung bedeutender Komponisten, Dichter, Philosophen und Politiker.

„Ich freue mich, dass Sie sich auch für Menschen interessieren, die gar nicht mehr leben, die Sie nicht therapieren können“, begrüßte von Bülow das vorwiegend ärztliche Publikum im Hörsaal. Der Leiter der Abteilung Archiv am Deutschen Literaturarchiv Marbach gab einen Abriss über Rilkes Leben, seine Werke, Reisen – und Frauenbekanntschaften.

Des Dichters ominöses Leiden

Rilke-Vorlesung im großen Hörsaal der Unimedizin Mainz.

© Christoph Barkewitz

Nach der längerwährenden Beziehung zur verheirateten Lou Andreas-Salomé ehelichte er später die Bildhauerin Clara Westhoff. Schon die Hochzeitsreise gab einen Hinweis auf die labile Verfassung des Dichters: Sie führte die Flitterwöchner ins Lahmann-Sanatorium am Weißen Hirsch in Dresden.

Andreas-Salomé, der Rilke auch nach der Trennung freundschaftlich verbunden blieb, widmete sich durch die Bekanntschaft mit Sigmund Freud später der Psychoanalyse. Von der Rilke wohl wenig hielt: „Eine desinfizierte Seele kommt dabei heraus, ein Unding (...)“, verlas von Bülow aus einer Schrift des Dichters.

Eine gewisse Skepsis Rilkes Medizinern gegenüber diagnostizierte auch Dr. Karin Kolbe. Zwischen 1923 und 1926 war Rilke vier Mal im Sanatorium Val-Mont sur Territet in der Schweiz, wo er schließlich auch am 29. Dezember 1926 starb. „Kein leichter Schritt für ihn“ sei der erste Besuch dort gewesen, „denn eigentlich misstraute er Ärzten“, so Kolbe. Als Rilke beim ersten Besuch im Dezember 1923 ein Körpergewicht von 49 Kilogramm, allgemeine Schwäche, diffuse Schmerzzustände und verstärkte Neigung zu Geschwüren und Abszessen aufwies, hielt der Arzt Dr. Theodor Haemmerli dessen Beschwerden für „überwiegend psychosomatisch-hypochondrisch“.

Schmerzen nicht ernst genommen

Die körperlichen Leiden, die Rilke beschrieben und die man auch gesehen habe, seien nicht ernst genommen worden, sagte Kolbe. Erst viel später habe Haemmerli einen Bluttest gemacht – mit der Diagnose akute myeloische Leukämie. Schon 1903 hatte Rilke an Andreas-Salomé geschrieben: „Ich habe immerfort Schmerzen, und lebe in lauter Ungemach. Was mir wehe tut, hat vielleicht dieselbe Ursache wie die Angst. Hinter beidem sind wohl Unregelmäßigkeiten im Blutumlauf, die entweder ungewöhnliche Geisteszustände erzeugen oder die und jene Stelle des Körpers schmerzlich betonen.“ Rilke war der Erste, der seine Krankheit ahnte.

Es gab damals keine Therapie dagegen, wie Kolbe berichtete. Zur Zeit Rilkes habe es zwar Aspirin gegeben – Schmerzmittel habe er allerdings bis zum Schluss abgelehnt –, aber keine Antibiotika und schon gar keine Zytostatika. „Es gab keine Heilung zu keinem Zeitpunkt“, so Klose.

Heute gebe es ein Füllhorn therapeutischer Ansätze bei Leukämie, so die Medizinerin, mittlerweile lägen die Heilungschancen langfristig bei 75 Prozent – „für Rilke zu spät!“

Das Programm der Vortragsreihe

  • 4. Dezember: Alban Berg
  • 18. Dezember: Karl Jaspers
  • 8. Januar: Franz Schubert und Hugo Wolf
  • 15. Januar: Franklin Roosevelt
  • 29. Januar: Max Reger
  • 5. Februar: Maurice Ravel
  • 19. Februar Franz Schubert und Hugo Wolf – Entwicklung von Diagnostik und Therapie der Lues
  • 11. März: Arnold Schönberg
  • 25. März: Das Klavierkonzert für die linke Hand von Maurice Ravel – Bedeutung und Verletzungsgefahr für Pianisten

Vorlesungsort: Hörsaal Chirurgie der Universitätsmedizin, Bau 505, Langenbeckstraße 1, 55131 Mainz (Eintritt frei)

Weitere Informationen im Internet: www.mg-mainz.de

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