Zeitzeugen berichten: Manfred Richter-Reichhelm

Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit

Erst spät haben die Ärzte mit der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit ihrer Institutionen und auch einzelner Kollegen begonnen. Einer der Initiatoren vor zehn Jahren war der damalige KBV-Chef Dr. Manfred Richter-Reichhelm. Er beschreibt den Prozess der Erinnerung.

Von Manfred Richter-Reichhelm Veröffentlicht: 25.10.2012, 05:10 Uhr

Dr. Manfred Richter-Reichhelm

Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit

© Karlheinz Schindler / dpa

Aktuelle Position: vielfältige Tätigkeit als Berater und Aufsichtsrat von Einrichtungen im Gesundheitswesen; ehemaliger KBV-Vorsitzender.

Ausbildung: geboren 1942 in Krefeld; 1961-67 Medizinstudium in Köln und Berlin; Assistenzarzt an der FU Berlin; 1974 Facharzt für Urologie

Karriere: 1974 Niederlassung als Urologe in Berlin (bis 2008); berufspolitische Aktivität seit 1977; u.a. KV-Vorsitzender in Berlin 1989-92 und 1997-2004; KBV-Vorsitzender 2000-04

Berufspolitische Erfolge: Zusammenführung der Ost- und West-Berliner Ärzte, Beseitigung der Arzneimittel-Kollektivhaftung, Durchsetzung des Wohnortprinzips in der GKV, Einführung der RLV und Einführung der KVB-Qualitätsberichte, die das Leistungsspektrum der niedergelassenen Ärzte transparent machen.

Privates: verheiratet, drei erwachsene Kinder; Hobbys: Kochen, Bornholm-Fan.

Es war im Sommer 2001, als der Berliner Laborarzt Dr. Roman Skoblo zu mir kam und mich fragte, ob ich bereit sei, die Verflechtungen der Ärzteschaft und der Berliner KV im Nationalsozialismus aufzuarbeiten.

Beschämt fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Warum bist Du nicht selbst darauf gekommen?

Schon zuvor hatte die KV dieses Manko gestreift, als die Berliner Ärztekammer ihren Beitrag in den achtziger Jahren geleistet hatte. In den KVen und in der KBV schien die Scheu noch zu groß, ihre Archive zu öffnen.

Nicht wenige der damals Verantwortlichen kannten noch persönlich die Ärzte, denen während der Nazi-Zeit Verfehlungen vorgeworfen wurden und die noch lebten. Auf meinen Antrag hat dann der Berliner KV-Vorstand 2001 ohne Wenn und Aber beschlossen: Wir stellen uns dieser Aufgabe - besser spät als nie.

Die KV Berlin war bei der Aufarbeitung Vorreiter

So hat 2002 als erste Kassenärztliche Vereinigung die KV Berlin begonnen, die Rolle der Ärzteschaft im NS-Regime, speziell der Vorgängerorganisation der KV Berlin aufzuarbeiten. Es ging dabei auch und insbesondere um die Schicksale der jüdischen Opfer in der Berliner Ärzteschaft.

Dazu haben wir damals - die KV, der Landesverband der jüdischen Ärzte in Berlin und Medizinhistoriker - eine gemeinsame Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die danach kontinuierlich gearbeitet hat.

Begonnen wurde mit einer vierteiligen KV-Fortbildungsveranstaltung mit renommierten Medizinhistorikern. Daraus hat sich ein Forschungsprojekt entwickelt, mit dem mein Mitstreiter Dr. Roman Skoblo und ich die Aufarbeitung der verbrecherischen Verflechtungen der Ärztinnen und Ärzte der KV Berlin bei der Entrechtung und Vertreibung ihrer jüdischen Kollegen verwirklicht haben.

Darüber hinaus konnten wir - nicht zuletzt als eine religiöse Verpflichtung meines jüdischen Kollegen - ein Gedenkbuch der verfolgten und entrechteten jüdischen Ärztinnen und Ärzte realisieren.

Die aufwändigen Recherchen und die Erarbeitung und Gestaltung der beiden Bücher lagen in den Händen der beiden Medizinhistorikerinnen Dr. Rebecca Schwoch und Dr. Judith Hahn.

Umfangreiche Spenden

In meiner damaligen Doppelfunktion als Vorsitzender der KV Berlin und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) ist es mir gelungen, die erforderlichen Finanzmittel durch die Unterstützung des Deutschen Ärzteverlages, der KBV und der Bundesärztekammer sowie durch umfangreiche weitere Spenden zu erhalten.

Wir wurden unterstützt durch die Ärztekammer Berlin, die Deutsche Apotheker- und Ärztebank, durch Gesundheitszentren, medizinische Gesellschaften, andere Landesärztekammern und viele niedergelassene und Krankenhaus-Ärzte, Psychotherapeuten, Zahnärzte, Wissenschaftler, Juristen, Journalisten und andere Privatpersonen aus Berlin - aber auch von außerhalb.

Die Arbeitsgruppe der KV Berlin begleitete das Forschungsprojekt insbesondere durch die Ausrichtung von Veranstaltungen, mit denen das Anliegen - die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ebenso wie die Diskussion aktueller Bezüge - thematisiert wurde.

Dazu zählte beispielsweise im April 2006 die Podiumsdiskussion "Der Wert des menschlichen Lebens: Ethische Grenzen der Medizin - aus der Sicht dreier Kulturen" mit hochkarätigen Referenten aus dem jüdischen, muslimischen und christlich-abendländischen Kulturkreis, moderiert vom damaligen Präsidenten der Bundesärztekammer (BÄK), Professor Jörg Dietrich Hoppe (†).

In zweijährigem Rhythmus bereitete die Arbeitsgruppe seit 2002 um den Jahrestag der Reichspogromnacht Gedenkveranstaltungen im Berliner Centrum Judaicum zu Ehren der und zur Erinnerung an die vom NS-Regime verfolgten jüdischen Ärztinnen und Ärzte vor.

Die Veranstaltungen waren geprägt von der politischen und moralischen Auseinandersetzung mit dem Unrecht und von der Entwicklung von Visionen zur Verbesserung der Ausbildung der Medizinstudenten sowie von der Auslobung von Preisen für wissenschaftliche Arbeiten, die sich mit den unseligen NS-Verbrechen auseinander setzen sowie von Lesungen aus Büchern und Briefen von Opfern.

Die deutsche Ärzteschaft war tief verstrickt

Die damalige Bundesministerin für Gesundheit, Ulla Schmidt, hat unsere Arbeit stets sehr unterstützt. Dazu gehörte die Auslobung eines Wissenschaftspreises in Höhe von 10.000 Euro. Das Bundesministerium für Gesundheit stellt alle zwei Jahre 5000, die KBV und die BÄK stellen jeweils 2500 Euro zur Verfügung.

Mit diesem Preis verfolgen die Donatoren das Ziel, Studenten und Ärzte zu motivieren, die Verflechtungen der Nationalsozialisten mit großen Teilen der deutschen Ärzteschaft bei der Verfolgung und Erniedrigung der jüdischen Ärztinnen und Ärzte zu erforschen: "Gegen Vergessen, Verdrängen, Verharmlosen, Verschweigen (Heinz Galinski)".

Zurzeit arbeiten wir daran, in Alt Rehse am idyllischen Tollensesee in Mecklenburg-Vorpommern einen "Lern- und Gedenkort Alt Rehse" zu entwickeln.

Hier hatten die Nationalsozialisten ihre "Führerschule der deutschen Ärzteschaft" betrieben und ein rundes Sechstel der Ärzte in ihrem Sinne "geschult".

Hier wurden die Ideale des "gesunden Volkskörpers" gelehrt, hier wurde über Eugenik und "Rassenhygiene" das Feld bereitet für Zwangssterilisationen und "Euthanasie" als Vernichtung "lebensunwerten Lebens".

Neben einer Ausstellung über die "Führerschule" mit einem Täterarchiv soll das alte Gutshaus nach Renovierung eine Forschungs- und Bildungsstätte werden, in der medizinethische Fragen behandelt werden.

Während des Medizinstudiums sollen unsere zukünftigen Kollegen hier am Täterort im Rahmen ihres medizinhistorischen und medizinethischen Studiums ausgebildet werden.

Mit Hilfe der Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern und einer in Gründung befindlichen Stiftung der deutschen Ärzteschaft, getragen von KBV, Bundesärztekammer, Deutschem Ärzteverlag und Deutscher Apotheker- und Ärztebank, streben wir für Alt Rehse die Aufnahme in die Bundesgedenkstättenförderung an.

Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit der deutschen Ärzteschaft wird noch lange auf der Agenda bleiben.

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