Gesellschaft

"Die Ressource Nabelschnurblut ist zu schade für den Müll"

Schwangere Frauen sollten verstärkt über Möglichkeiten aufgeklärt werden, Nabelschnurblut in Blutbanken konservieren zu lassen, meinen Gynäkologen.

Dr. Thomas MeißnerVon Dr. Thomas Meißner Veröffentlicht:
Experten fordern, das Therapiepotenzial von Nabelschnurblut nicht zu unterschätzen. © Torsten Lorenz / fotolia.com

Experten fordern, das Therapiepotenzial von Nabelschnurblut nicht zu unterschätzen. © Torsten Lorenz / fotolia.com

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Nabelschnurblut enthält Stammzellen mit einem besonders großen Differenzierungs- und Regenerationspotenzial. Trotzdem werde diese Ressource heute noch bei 97 Prozent der Geburten in Deutschland verworfen, bedauerte Privatdozent Volker Jacobs von der Technischen Universität München beim Fortbildungskongress der Frauenärztlichen Bundesakademie in Düsseldorf.

Nach Jacobs Ansicht wird das Therapiepotenzial von Stammzellen aus Nabelschnurblut in Deutschland bislang unterschätzt. Und dass, obwohl damit in mehreren Studien bereits bessere Ergebnisse bei hämatologischen Erkrankungen erzielt werden konnten als mit Stammzellen aus dem Knochenmark (Z Geburtsh Neonatol 213, 2009, 49). Schwerpunktmäßig wird derzeit die Verwendung solcher Zellen für das Tissue Engineering von Herzklappen und Gefäßen erforscht sowie bei akutem Myokardinfarkt, Typ-1-Diabetes und neurodegenerativen Erkrankungen.

Fallbericht: Kleinkind mit hypoxischem Hirnschaden

Professor Arne Jensen aus Bochum stellte bei der Veranstaltung des Unternehmens Vita 34 den Fall eines zweieinhalbjährigen Jungen vor, der infolge eines perioperativen Herzstillstandes einen schweren hypoxischen Hirnschaden erlitten hatte. "Der geistig und körperlich völlig normal entwickelte Junge fiel nach dem Ereignis in eine Art Wachkoma, war tetraspastisch gelähmt, litt an einer Rindenblindheit und jammerte ununterbrochen", schilderte Jensen die Situation im Januar 2009, etwa sieben Wochen nach dem Ereignis.

Die Pupillen waren weit und lichtstarr, es bestand keinerlei Kontrolle der Kopfhaltung, Sitzen war unmöglich. Jensen und seine Mitarbeiter hatten tierexperimentell bereits nachweisen können, dass mit der Transplantation menschlicher mononukleärer Zellen aus Nabelschnurblut spastische Paresen verhindert werden können. Die Eltern des Jungen waren daher aus eigener Initiative an den Gynäkologen herangetreten. In einem individuellen Heilversuch transplantierten die Frauen- und Kinderärzte aus Bochum dem Jungen autologe Zellen aus dem von den Eltern bei Geburt eingelagerten Nabelschnurblut, und zwar intravenös. "Eine Woche nach der Transplantation hörte der Junge auf zu wimmern und war in der Lage, einfache Handlungen wie das Drücken eines großen Knopfes auszuführen", erläuterte Jensen. In der Folgezeit war er wieder in der Lage, nonverbal zu kommunizieren, zu sitzen und sich zu bewegen. Heute, ein Jahr nach der Transplantation, ist die spastische Lähmung bis auf minimale Reste verschwunden. Der Junge lernt laufen, versteht, was man ihm sagt und kann einfache Worte sprechen. Ähnliche Erfahrungen seien bereits in den USA gemacht worden.

Transplantierte Zellen fördern Neuroregeneration

Die erstaunlichen Therapieeffekte seien nicht auf eine Reparatur des ischämisch geschädigten Hirnareals zurückzuführen, so der Forscher mit Hinweis auf die Ergebnisse seiner tierexperimentellen Studien. Die transplantierten Zellen würden sich auch nicht in Neuronen umwandeln. Vielmehr scheinen sie Botenstoffe und Wachstumsfaktoren auszuschütten, die eine Neuroregeneration und Reorganisation des Gehirns auslösen.

Jensen und Jakobs forderten, dass in der Betreuung schwangerer Frauen regelhaft über die grundsätzliche Möglichkeit der Nabelschnurblutspende an öffentliche oder die Einlagerungsoption in privaten Blutbanken oder auch für Forschungszwecke aufgeklärt werden sollte.

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