Porträt

Die mobile Zahnärztin: Bohren und Gebissabdruck im Fernsehsessel

Zahnärztin Kerstin Finger hat ihre Praxis im Gepäck, wenn sie einmal wöchentlich zu ihren nicht mobilen Patienten in der Uckermark fährt. Seit zwölf Jahren ist sie unterwegs und gilt als Pionierin medizinischer Zahnversorgung auf dem Lande.

Von Jeanette Bederke Veröffentlicht:
Kerstin Finger (r.), Zahnärztin, sowie die beiden Zahnmedizinischen Fachangestellten Biana Langlott (links) und Julia Beneke, sind zu einem Hausbesuch bei einem 80-jährigen Patienten.

Kerstin Finger (r.), Zahnärztin, sowie die beiden Zahnmedizinischen Fachangestellten Biana Langlott (links) und Julia Beneke, sind zu einem Hausbesuch bei einem 80-jährigen Patienten.

© Patrick Pleul / dpa

Templin. Kurt Nürnberg ist ganz aufgeregt, denn allzu häufig bekommt der 83-Jährige keinen Besuch. Doch heute stehen gleich drei Frauen im Wohnzimmer des stark dementen Seniors, der in dem brandenburgischen Dörfchen Zollchow bei Prenzlau (Uckermark) wohnt. Die Templiner Zahnärztin Kerstin Finger will bei ihrem greisen Patienten einen Gebissabdruck für eine neue Prothese machen, ihre beiden zahnmedizinischen Fachangestellten assistieren ihr dabei.

Denn bei der Behandlung im Fernsehsessel ist Improvisation gefragt. Es gibt keine Kopfstütze und auch die Beleuchtung ist nicht ideal. Doch Finger weiß sich zu helfen, schließlich behandelt sie seit zwölf Jahren betagte Patienten rund um Templin, die nicht mehr mobil sind.

Bundesverdienstkreuz schon verdient

„Aber ich bin kein Pizzaservice. Wer den Bus nehmen kann, sollte schon selbst in die Praxis kommen“, stellt sie klar. Ihr Schwerpunkt sind diejenigen, die in abgelegenen Dörfern leben und gesundheitlich gehandicapt und pflegebedürftig sind, beispielsweise im Rollstuhl sitzen. Auch Seniorenheime zählen zu den Adressen, die sie anfährt. Für ihr Engagement und die damit verbundene soziale Verantwortung ist die Zahnärztin kürzlich mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden.

65.000 Kilometer ist Finger seit 2010 mit ihrem Auto durch die Uckermark gefahren, hat rund 5000 Besuche absolviert. Und dass, obwohl sie nur einen Vormittag in der Woche dafür Zeit hat. „Die Krankenkassen pochen auf die Residenzpflicht in meiner Praxis“, erklärt die 62-Jährige. Nach zwölf Jahren, in denen die medizinische Versorgung gerade in ländlichen Regionen noch prekärer geworden sei, würde diese Vorgabe sicher kulanter gehandhabt, glaubt sie.

Die seit fast 40 Jahren praktizierende Zahnärztin macht von ihrem Fahrplan aber auch mal Ausnahmen. So wie bei Kurt Nürnberg: Zwischen Handwerkertermin und Praxisöffnung quetscht sie zwei Tage später erneut einen Besuch bei dem 83-Jährigen, weil zwei entzündete Zahnstummel gezogen werden müssen, wie sie dessen Tochter Sabine Wilke erklärt. Die ist fasziniert, wie die Medizinerin mit dem Demenzkranken umgeht. „Schön, dass das so funktioniert. Wenn einer das Bundesverdienstkreuz verdient hat, dann sie.“

Demografie erfordert geschulte Zahnärzte

Sie müsse bei dem Patienten im Mund aufräumen, so lange er noch mitspiele, deutet Finger an. Überhaupt gebe es bei der Alterszahnmedizin so viel zu beachten – Medikamente und deren Nebenwirkungen, andere Erkrankungen, wie auch Schwerhörigkeit oder Sehschwächen. Das bestätigt Ina Nitschke von der Deutschen Gesellschaft für Alterszahnmedizin (DGAZ). „Angesichts des demografischen Wandels brauchen wir dringend Zahnärzte, die im Umgang mit betagten Patienten geschult sind“, sagt die Professorin, die als Dozentin an den Universitäten Leipzig (Sachsen) und Zürich (Schweiz) lehrt.

1990 habe sich die DZAG gegründet, der es seitdem nicht gelungen sei, an einer der 31 deutschen Hochschulen mit dem Fachgebiet Zahnmedizin einen Lehrstuhl für Alterszahnmedizin zu etablieren, erklärt sie. „Da muss dringend etwas passieren, sonst schaffen wir die medizinische Versorgung speziell dieses wachsenden Bevölkerungsteils nicht.“ Zumindest Vorlesungen zum Thema seien inzwischen während des Studiums verpflichtend.

Fördermittel für mobile Praxis

Rund 50 000 Euro hat Finger zu Beginn in ihre mobile Praxis investiert, einen Teil davon später über Fördermittel zurückbekommen. Herzstück ist der mobile Bohrer, in einem großen Koffer verstaut und binnen Minuten aufgebaut. Zur Ausstattung gehören zudem Anästhesiespritzen, Zangen, Tupfer, Mundspiegel, Abdruckmasse, Material für Füllungen und Zahnbürsten.

Eine Behandlung der Patienten auf einem professionellen Zahnarztstuhl und mit mobilem Röntgengerät – beispielsweise in einem umgebauten Rettungswagen – hätte sie rund 300.000 Euro gekostet. „Das wäre die richtige Lösung, doch dafür bräuchte man eine spezielle Zulassung und das Hauptproblem bleibt die Finanzierung“, erklärt die 62-Jährige, die dennoch im Sinne einer Versorgungspflicht nicht müde wird, Berufskollegen zu ermuntern, es ihr gleich zu tun.

Die Brandenburger Landeszahnärztekammer begrüßt Fingers Initiative, die gerade im Bereich der Uckermark mit ihrem kaum noch vorhandenen öffentlichen Verkehrsnetz eine besorgniserregende Lücke schließen würde. In Südbrandenburg funktionierten inzwischen auch Hausbesuche von Zahnärzten mit mobilen Behandlungseinheiten, sagt Sprecherin Jana Zadow-Dorr.

Fahrerei findet kaum Nachahmer

Ja, es gebe inzwischen mehr mobile Angebote, vor allem in Pflegeeinrichtungen, wo gleich mehrere Patienten behandelt würden, bestätigt Kerstin Finger aus der Uckermark. „Die Kutscherei, die ich hier mache, tut sich aber kaum jemand an“. Und der Bedarf würde stärker wachsen, als die Bereitschaft von Berufskollegen, so die Zahnärztin.

„Einmal die Woche müsste ein Zahnarzt in die Dörfer kommen, so wie der Bäcker- oder Fleischerwagen“, wünscht sie sich. Das Ganze funktioniere nur mit Humor, sagt die rollende Zahnärztin. „Wir haben schon die kuriosesten Situationen erlebt, wenn beispielsweise die ganze Familie in Bademänteln vor uns steht oder jemand nach Wochen plötzlich wieder beginnt zu reden, nachdem wir ihm den lockeren Zahn gezogen haben“, erzählt sie schmunzelnd. (dpa)

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